Kolumne

Briefe von Christoph Keller: «Wir wollen da raus! Schreiben aus der Exklusion» – Monat 2/12

Der St.Galler Autor Christoph Keller hat kürzlich sein neues Buch «Jeder Krüppel ein Superheld» veröffentlicht. Wie Keller über seine fortschreitende Muskelkrankheit schreibt, ist einzigartig; er öffnet damit Nicht-Behinderten die Augen. In seinem monatlichen Blog schreibt Keller Briefe an Schweizer Persönlichkeiten. Heute: Ignaz Vinzens, Direktor der Invalidenversicherung St.Gallen.

Christoph Keller
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An den Direktor
der Invalidenversicherung St.Gallen
Ignaz Vinzens
Brauerstrasse 54
9016 St.Gallen


St. Gallen, am 15. Oktober 2020

Sehr geehrter Herr Direktor Vinzens

Ich schreibe Ihnen als jemand, dem es in der Schweiz gut geht, aber ausgeschlossen wird. Meine unheilbare progressive Erkrankung, Spinale Muskelatrophie Typ III, kann mir niemand abnehmen, mein Leben und das der etwa 20 Prozent* anderer Schweizer*innen mit einer Behinderung aber könnte wesentlich weniger schwierig sein. Behindert ist, wer behindert wird. Diskriminierung in der Schweiz ist noch immer strukturell. Das müssen wir ändern.

Ignaz Vinzens.

Ignaz Vinzens.

PD

Eine Sache beschäftigt mich sehr: Wie, Herr Direktor, kann es sein, dass unsere staatliche Versicherung, die sich um Menschen mit Behinderung(en) kümmert, noch immer Invalidenversicherung heisst? «Invalid» heisst «untauglich», «unfähig», «krank», «zu nichts nütz». Ich muss also jedes Mal, wenn ich sage, dass ich IV-Bezüger bin, mitsagen, ich sei zu nichts nütz. Ist das in Ihrem Sinn?

Diskriminierung fängt bei der Sprache an. Ist deshalb ausgerechnet die IV-, ja die gesamte SVA-Website nicht barrierefrei? Ich finde kein Audio, keine Broschüren in Braille, die man sich bestellen kann, nichts in Einfacher Sprache. Rufe ich an, ist man von meiner Frage regelrecht überrascht. Wie nur kann das sein? Frage ich den Online-Assistenten, bekomme ich eine Antwort, die mich zum Lachen bringt: Sie erwischen mich gerade auf dem falschen Fuss.

Ich schreibe Ihnen auch als Schriftsteller. Nach bereits einigen Büchern publizierte ich 2003 ein erstes über mein Leben mit einer Behinderung, «Der beste Tänzer», in dem ich mich bereits an der Bezeichnung «Invalidenversicherung» gestört habe. Nun erscheint mit «Jeder Krüppel ein Superheld: Splitter aus dem Leben in der Exklusion» (Limmat Verlag, 2020) ein weiteres.

Ich überreiche es Ihnen in der Hoffnung, dass Sie mir und den 20 Prozent, die selbst bei der IV nicht gleichberechtigt vertreten sind, nachhaltig dabei helfen, aus der Exklusion herauszukommen. Dass Sie sich dafür einsetzen, dass die Versicherung umbenannt wird (zum Beispiel in Gleichstellungsversicherung). Dass Sie veranlassen, dass auch der digitale Zugang vollständig barrierefrei ist. Dass Sie mehr und immer mehr Menschen mit Behinderung einstellen, auch in Kaderpositionen, auf dass wir nicht mehr das Gefühl haben müssen, verwaltet zu werden, sondern mitverwalten können. Wirklich integriert ist nur, wer stets mitgedacht ist.

Am 26. Oktober um 20 Uhr stelle ich mein neues Buch in der Kellerbühne vor. Es würde mich freuen, Sie und möglichst viele von der Gleichstellungsversicherung empfangen zu dürfen.

Es grüsst Sie herzlich, dankt Ihnen für Ihre gute Arbeit und freut sich, von Ihnen zu hören

Christoph Keller
Schriftsteller und Rollstuhlfahrer

*Quelle: Bundesamt für Statistik

Zur Person

Christoph Keller - Schriftsteller
Bild: Benjamin Manser

Christoph Keller - Schriftsteller

Christoph Keller wurde 1963 geboren. Er ist in St.Gallen aufgewachsen, wo er heute als freier Schriftsteller wieder wohnt. 20 Jahre lang hat er in New York gelebt und dort seine ersten Bücher auf Englisch veröffentlicht. Keller ist aufgrund der fortschreitenden Krankheit spinale Muskelatrophie auf einen Rollstuhl angewiesen. Seine Romanfantasie «Der Boden unter den Füssen» wurde eben mit dem Alemannischen Literaturpreis 2020 ausgezeichnet. In seinem neuen Buch «Jeder Krüppel ein Superheld» erzählt Keller von den Hürden, die er mit seiner Behinderung täglich zu nehmen hat.
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