Kolumne

Briefe von Christoph Keller: «Wir wollen da raus! Schreiben aus der Exklusion» – Monat 1/12

Der St.Galler Autor Christoph Keller ist mit seinem Buch «Jeder Krüppel ein Superheld» gerade auf allen Kanälen präsent. Aus gutem Grund: Wie Keller über seine fortschreitende Muskelkrankheit schreibt, ist einzigartig; er öffnet damit Nicht-Behinderten die Augen. In seinem monatlichen Blog schreibt Keller Briefe an Schweizer Persönlichkeiten. Heute: Bundespräsidentin Simonetta Sommaruga.

Christoph Keller
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An die Bundespräsidentin der Schweiz
Eidg. Departement für Umwelt, Verkehr,
Energie und Kommunikation UVEK
Bundeshaus Nord
CH-3003 Bern


St. Gallen, am 15. September 2020

Sehr geehrte Frau Bundespräsidentin

Ich schreibe Ihnen als jemand, dem es in der Schweiz gut geht, der sich aber ausgeschlossen fühlt. Meine unheilbare progressive Erkrankung, Spinale Muskelatrophie Typ III, kann mir niemand abnehmen, mein Leben und das der etwa 20 Prozent* anderer Schweizer*innen mit einer Behinderung aber könnte wesentlich weniger schwierig sein. Behindert ist, wer behindert wird. Diskriminierung in der Schweiz ist noch immer strukturell. Das müssen wir ändern.

Simonetta Sommaruga

Simonetta Sommaruga

Bild: Yoshiko Kusano

Hand aufs Herz, Frau Bundespräsidentin, wie viel haben Sie gerade jetzt während der Coronakrise darüber gelesen, wie es den 20 Prozent dabei ergangen ist? Dabei ist das eingeschränkte Leben der Pandemie dem «behinderten Leben» verblüffend ähnlich. Heisst, statt uns zu ignorieren, hätte man von uns lernen können. Kann man immer noch. Wir waren auf die Quarantäne (ich mag das Wort «Lockdown» nicht, es kommt aus der Gefängniswelt) vorbereitet.

Hand noch fester aufs Herz: Wie viele Vertreter*innen der 20 Prozent waren an die Virusversion der Bundesfeier am 1. August aufs Rütli geladen? Wie viele hätten problemlos herbeigerollt kommen, die Reden dank Gebärdensprachdolmetscher hören können?

Ich schreibe Ihnen auch als Schriftsteller. Nachdem ich bereits einige Bücher verfasst hatte, publizierte ich 2003 ein erstes über mein Leben mit einer Behinderung, «Der beste Tänzer». Es hat gutes Aufsehen erregt. Nun erscheint mit «Jeder Krüppel ein Superheld: Splitter aus dem Leben in der Exklusion» (Limmat Verlag, 2020) ein weiteres.

Auch dieses sorgt für Gespräche: Ob ich mit einer Unbekannten auf der Strasse oder einer TV-Journalistin rede, ich erfahre, auch ihr Sohn sei im Rollstuhl oder sie selber habe etwas Gravierendes und dass der öffentliche und auch private Umgang damit mit dem vergleichbar sei, was ich in meinem Buch beschreibe.

Ich überreiche Ihnen mein Buch in der Hoffnung, dass Sie mir und den 20 Prozent, die keine nennenswerte Lobby in Bern haben, aktiv dabei helfen, aus der Exklusion herauszukommen. Geben Sie es im Bundesrat weiter – deshalb erhalten Sie sieben Exemplare –, verbreiten Sie diesen Brief im Bundeshaus. Ich stelle mir vor, alle im Parlament lesen mein Buch – und denken fortan an die «Anderen»!

Machen Sie «Behinderung / Diskriminierung» zum nationalen Thema. Sie können das, Frau Bundespräsidentin. Behinderung betrifft uns alle, weil es viele bereits betrifft und alle anderen jederzeit betreffen könnte. Wirklich integriert ist nur, wer stets mitgedacht ist.

Es grüsst Sie herzlich, dankt Ihnen für Ihre gute Arbeit und freut sich, von Ihnen zu hören

Christoph Keller
Schriftsteller und Rollstuhlfahrer

*Quelle: Bundesamt für Statistik

Zur Person

Christoph Keller - Schriftsteller
Bild: Benjamin Manser

Christoph Keller - Schriftsteller

Christoph Keller wurde 1963 geboren. Er ist in St.Gallen aufgewachsen, wo er heute als freier Schriftsteller wieder wohnt. 20 Jahre lang hat er in New York gelebt und dort seine ersten Bücher auf Englisch veröffentlicht. Keller ist aufgrund der fortschreitenden Krankheit spinale Muskelatrophie auf einen Rollstuhl angewiesen. Seine Romanfantasie «Der Boden unter den Füssen» wurde eben mit dem Alemannischen Literaturpreis 2020 ausgezeichnet. In seinem neuen Buch «Jeder Krüppel ein Superheld» erzählt Keller von den Hürden, die er mit seiner Behinderung täglich zu nehmen hat. Ab 17. September hält er im Raum für Literatur in der St.Galler Hauptpost die Literaturvorlesungen der Universität St.Gallen.
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