Bluesrock
Ein Album von A bis Z aus der eigenen Stube: Der Oberrieter Dionys Müller veröffentlicht seine ersten Songs als Solokünstler

Er trommelt im Duo Too Mad und gibt heute sein erstes Soloalbum heraus: Dionys Müller alias Worries and other Plants hat sieben Songs produziert. «Dreams & Nightmares» ist in seinem Wohnzimmer entstanden. Es klingt nach Wüstenstaub, nach zu viel Rotwein, und es verströmt so viel Zuversicht, dass für alle etwas bleibt.

Roger Berhalter
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Bier, Klavier und barfuss: Der Musiker Dionys Müller alias Worries and other Plants.

Bier, Klavier und barfuss: Der Musiker Dionys Müller alias Worries and other Plants.

Bild: PD

Plötzlich hatte Dionys Müller viel Zeit. Eigentlich wäre der Oberrieter für so manches Konzert gebucht gewesen. Mit seinem Duo Too Mad, in dem er Schlagzeug spielt, lief es nicht schlecht. Der roh gespielte Bluesrock wurde längst auch ausserhalb des Rheintals gehört. Doch wegen Corona wurden all diese Konzerte wieder abgesagt. Zudem zog Müller in eine neue Wohnung, reduzierte sein Arbeitspensum – und hatte plötzlich viel Zeit.

Also nahm der 31-Jährige im vergangenen Sommer sein Soloprojekt Worries and other Plants in Angriff. «Ich habe schon immer auch allein Musik gemacht. Jetzt wollte ich mal etwas mehr Zeit in diese Songs investieren», sagt Müller. Sieben Lieder kamen so schliesslich zu Stande; heute ist das Album «Dreams & Nightmares» erschienen.

Müller hat die Songs von A bis Z in der eigenen Stube komponiert, aufgenommen und produziert:

«Ich habe den Fernseher aus der Stube verbannt und dafür ein Klavier aufgestellt.»

Seine Pressebilder geben einen Eindruck, wie dieses «homegrown living room project» entstanden ist:

Die Stube ist der Proberaum und ist das Studio: Dionys Müller hat das ganze Album zu Hause in seiner Wohnung komponiert und aufgenommen.

Die Stube ist der Proberaum und ist das Studio: Dionys Müller hat das ganze Album zu Hause in seiner Wohnung komponiert und aufgenommen.

Bild: PD

Ein ganzes Album aus der Intimität der eigenen Stube: «Dreams & Nightmares» ist ein Lockdown-Projekt, und es klingt auch so: Ruhig und fast scheu, niemals zu düster oder zu euphorisch, meist lässig und entspannt und immer zuversichtlich.

«Ich wollte frei bleiben und die Musik nicht an einer Bandbesetzung festmachen», sagt Dionys Müller. Anders als im Duo Too Mad, wo die Besetzung gegeben war: Müller am Schlagzeug, Damian Loher als Gitarrist und Sänger:

Das Duo Too Mad (mit Dionys Müller am Schlagzeug) bei einem Auftritt am «Staablueme»-Festival in Altstätten.

Das Duo Too Mad (mit Dionys Müller am Schlagzeug) bei einem Auftritt am «Staablueme»-Festival in Altstätten.

Bild: Max Tinner (18. August 2017)

Bei Worries and other Plants komme zuerst die Musik, danach die Instrumentierung. «Wenn ich eine Orgel will in einem Song, dann spiele ich sie halt selber. Aber ich verzichte nicht deswegen auf sie, weil ich keinen Orgelspieler in der Band habe», erklärt Müller die Idee.

Ganz allein war er dabei aber nicht. Auf «Dreams & Nightmares» sind neben Müller auch mehrere Gastsängerinnen, ein Bassist und ein Trompeter zu hören. Die schöne Retrografik und die Fotos, mit denen er sein Soloprojekt visuell präsentiert, seien ebenfalls ein wichtiger Teil von Worries and other Plants.

Hochs und Tiefs, hell und dunkel, «Dreams & Nightmares»

Die sieben Songs des Albums gehen laut Dionys Müller «durch alle Emotionen». Hochs und Tiefs, hell und dunkel, «Dreams & Nightmares», eben. Und man müsse das Album von vorne bis hinten durchhören, so sei es gedacht. Nun denn: Das Album beginnt mit «Clouds», einem locker federnden Groove mit fröhlich verzerrter Gitarre und Müllers verhallter Stimme:

Danach wirbelt «Within» erstmals Wüstenstaub auf; eine bluesige Stoner-Rock-Nummer, und Müller singt: «Meine Seele ist zerschlagen.» Der nächste Song, «Under Water» nimmt den Fuss vom Gas: Ein schleppender Beat, monotone Begleitung und Gesang, eine Gitarre in der Ferne, und irgendwo klimpert ein Klavier.

Dann kommt «Dreams»: versöhnlicher, hymnischer, weniger Blues, mehr Zuversicht. Und hier hört man auch die Orgel, die Müller gespielt hat. «Nightmares» ist wieder eine Bluesnummer, klingt wieder nach staubiger Wüste. Der Sound ist roh, wie auf dem ganzen Album, «Dreams & Nightmares» ist keine geschliffene Studioproduktion, sondern eine kantige Stubenaufnahme.

Ein Abend am Piano mit zu viel Rotwein

Der zweitletzte Song, «X», ist eine lange Zäsur: Ein fast zehnminütiges Pianosolo, das wie ein improvisierter, introvertierter Abend mit zu viel Rotwein klingt. Ja, solche Abende gab es in den vergangenen Monaten einige, nicht nur in Dionys Müllers Stube.

Der Höhepunkt kommt zum Schluss: «Funeral». Anders als der Titel vermuten lässt, verströmt dieser Song wieder viel Hoffnung: Alles ist gut, alles wird besser, sagt die berührende Stimme von Gastsängerin Femi Luna. Ein starker Song, der die Albumhörer mit einem guten Gefühl entlässt.

Die Pandemie nähert sich hoffentlich dem Ende, der Frühling kommt, die Knospen spriessen. «Irgendwas wächst immer», sagt Dionys Müller lakonisch und mit breitem Rheintaler Dialekt. In seiner Stube jedenfalls gedeihen seine Songs bestens.