Bilderbücher
Beim Wolkenbäcker und im Dickicht des Zauberwalds: Zwei Ostschweizerinnen haben Nachtgeschichten für Kinder neu erzählt und mit feinem Strich gezeichnet

Anna Schindler ist in einem Haus voller Bücher aufgewachsen; eines ihrer liebsten hat sie nun wiederentdeckt: ohne Scheu vor rauchenden Ratten am Pokertisch. Sagenhaft zart dagegen ist «Die Nacht im Zauberwald», erzählt von Eveline Hasler, illustriert von der in Heiden lebenden Künstlerin Käthi Bhend.

Bettina Kugler
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Die buckligen Brüder Meo und Leo aus der Geschichte «Die Nacht im Zauberwald», porträtiert von Käthi Bhend. Das Buch von Eveline Hasler erschien erstmals 1992 – nun gibt es eine überarbeitete Neuausgabe.

Die buckligen Brüder Meo und Leo aus der Geschichte «Die Nacht im Zauberwald», porträtiert von Käthi Bhend. Das Buch von Eveline Hasler erschien erstmals 1992 – nun gibt es eine überarbeitete Neuausgabe.

Bild: Käthi Bhend/NordSüd-Verlag

Im Traum kippt Schönes schnell in Schauriges und umgekehrt – diese Erfahrung macht jedes Kind; kein Wunder, fällt das Einschlafen oft schwer. Wer weiss schon, ob es gute Geister sind, die im Dunkeln warten? Valentin jedenfalls scheint eine gute Nacht hinter sich zu haben; hinter den flatternden Vorhängen ziehen Wonnewölkchen am Himmel, und wie eine kleine Wolke schwebt auch ein Rest seines Traums über dem Bett.

Das aber sieht nur Valentin, der unerschrockene Held des neuen Bilderbuchs von Anna Schindler und Katrin Dageför. Die Geschichte entstand in Anlehnung an Ulf Löfgrens «Der wunderbare Baum»: eines der Lieblingsbücher der in Herisau lebenden Autorin aus ihrer Kindheit. Geborgt hat sie das starke Bild des Traumbaums - und es mit eigenen Ideen gedüngt.

Fahrstuhl ins Wunderland eines Traumbaumes: für Valentin geht es zunächst einmal abwärts, in den Untergrund, zur Spielhölle der Ratten.

Fahrstuhl ins Wunderland eines Traumbaumes: für Valentin geht es zunächst einmal abwärts, in den Untergrund, zur Spielhölle der Ratten.

Illustration: Katrin Dageför

Aus der Traumbohne keimt ein Wunderbaum

Was Valentin am Rand seines Bettes zu fassen bekommt, ist eine Bohne mit Zauberkräften. Kaum eingegraben und begossen, keimt sie und wird zum riesigen Wunderbaum. Zu schön, um wahr zu sein? Die Halunken sind allerdings nicht weit: Sie hocken im Untergrund, in der «Spielhölle zur hundertjährigen Wurzel»; leider hat Valentin ausgerechnet diesen Knopf im Baumstammlift gedrückt. Da sitzt er unversehens mit paffenden Ratten am Tisch, pokert und lächelt nachsichtig.

Schön schräg und mit Humor ist diese Szene im Text skizziert und von Illustratorin Katrin Dageför detailreich ausgemalt, von den individuell unterschiedlichen Rauchwölkchen bis zu den Flaschen mit Hochprozentigem in giftigen Farben, den überquellenden Aschenbechern; sicher nicht jugendgefährdend, in einem Bilderbuch für Kinder ab fünf Jahren, sondern Nonsens, so wie die Shisha rauchende Raupe in Lewis Carrolls Klassiker «Alice im Wunderland». Und keine Sorge: Valentin lehnt Schnaps und Zigarren dankend ab.

Nur «bei Bedarf» empfohlen: Die paffenden Ratten machen Ärger

Dennoch war die Kritikerin der ekz, der Einkaufszentrale für Bibliotheken, nicht amüsiert über die Doppelseite in «Valentins Wunderbaum», dem bereits dritten Buch, das Anna Schindler zusammen mit Katrin Dageför bei der Kölner Edition Pastorplatz herausgebracht hat. Trotz «vieler niedlicher Details» empfiehlt die ekz das Buch nur «bei Bedarf»: Das ist im Klartext eine Warnung, fast wie der Hinweis «Rauchen ist tödlich» auf der Zigi-Packung. Anna Schindler sagt:

Die in Herisau lebende Kinderbuchautorin Anna Schindler.

Die in Herisau lebende Kinderbuchautorin Anna Schindler.

Bild: Ralph Ribi
«Diese Bemerkung sorgt leider unmittelbar dafür, dass Hunderte von Büchern weniger verkauft werden, weil die ekz-Kritik darüber entscheidet, ob deutsche Bibliotheken das Buch einkaufen oder nicht.»

Ein herber Schlag für den Verlag und die Autorin - zumal das Buch ansonsten mit traumhafter Leichtigkeit und verspielter Fantasie danach fragt, was wichtig ist im Leben: Da setzt ein Faultier andere Prioritäten als Igor, der Wolkenbäcker oder die singenden Earlybirds. Die Ratten aus dem Untergrund sind sicher kein Vorbild. Aber auf ihre Art in der verqualmten Spielhölle zufrieden. Und ja, vielleicht ist alles ohnehin ein Traum: Da gelten andere Regeln als im Kindergarten- und Primarschulalltag.

Valentin mit Waschbär Igor in der Wolkenbäckerei: Da duftet es nach Zuckerwatte.

Valentin mit Waschbär Igor in der Wolkenbäckerei: Da duftet es nach Zuckerwatte.

Illustration: Katrin Dageför

Ungleiche Brüder unterwegs im Zauberwald

Magisch geht es es auch in der Geschichte zu, die Eveline Hasler 1992 in einer Nacherzählung für Kinder veröffentlichte, mit Illustrationen von Käthi Bhend: «Die Nacht im Zauberwald» fusst auf einer alten Sage aus der Südostschweiz; zum Personal gehören neben den sehr ungleichen buckligen Brüdern Meo und Leo urige Wesen wie Waldschratte und Pilzgörpse, Hexen und Elfen, dazu noch viele Tiere. Mit Lust und feinsten Stricheleien hat die in Heiden lebende Zeichnerin diese geheimnisvolle Nachtseite des Waldes erschaffen. Mit Wonne folgt man dem freundlichen, hilfsbereiten Leo auch Jahre später, die überarbeitete Neuauflage des Bilderbuchs in Händen, auf seinem Weg zur Alp.

Weil der brummige Meo zu faul ist, zieht Leo allein bergwärts, sammelt im Wald Kastanien, teilt seine Brotzeit, freut sich an jeder Begegnung, am Echo der Felswand. Und wird im Schlaf von den Waldhexen überraschend beschenkt. Was sich bei Meo später nicht wiederholen wird – aber Eveline Hasler, so viel sei hier verraten, gönnt ihm am Ende immerhin Einsicht und eine zweite Chance. Die auch die beiden Bücher, ob nun mit oder frei von Moral, mehr als verdient haben. Sogar in deutschen Bibliotheken.

Anna Schindler, Katrin Dageför: Valentins Wunderbaum. Ab 5. Edition Pastorplatz, Fr. 20.–

Eveline Hasler, Käthi Bhend: Die Nacht im Zauberwald. Ab 4. NordSüd, Fr. 19.90

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