Beziehungsknatsch im Klosterhof: Freilichtspiel «Nöd Zwingli» feiert in Fischingen Premiere an lauem Sommerabend

Die Bühne Thurtal zeigt «Nöd Zwingli». Die Liebesgeschichte wurde vom Ensemble entwickelt und in zwei Wochen erarbeitet. Bravorufe gab es an der Premiere – trotz eher banalem Inhalt.

Mirjam Bächtold
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Eine der vielen Szenen im Stück «Nöd Zwingli»: Samuel Tobias Klauser (rechts) und Jan Sieber als Tom und Köbi.
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Bei Nöd Zwingli wirken Profischauspieler wie Mirjam Wüthrich und Samuel Tobias Klauser mit.
Auch tänzerische Elemente – hier mit Viviane Tita und Steven Forster – gehören zur Inszenierung «Nöd Zwingli» der Bühne Thurtal.
Das Stück «Nöd Zwingli» der Bühne Thurtal erzählt eine Liebesgeschichte auf besondere, vielschichtige Weise.
Simon Keller (links), der künstlerische Leiter der Bühne Thurtal, wirkte in verschiedensten Rollen im von ihm initiierten Stück «Nöd Zwingli» mit – hier gemeinsam mit Philipp Guldimann.
Samuel Tobias Klauser durchlebt in der Rolle des Tom bei «Nöd Zwingli» etliche wilde Szenen.
Simon Keller und Monika Romer verkörpern in «Nöd Zwingli» ein junges Paar, dessen Beziehung ins Trudeln gerät.
Über hundert Zuschauerinnen und Zuschauer sind am Freitagabend zur Premiere des Freilichtspiels «Nöd Zwingli» in den Hof des Klosters Fischingen gekommen.
Das Publikum von «Nöd Zwingli» verfolgte das Geschehen, das an verschiedenen Schauplätzen spielte, von Liegestühlen aus.
Das Publikum ehrte Simon Keller und seine Truppe von «Nöd Zwingli» nach der Aufführung mit Beifall.

Eine der vielen Szenen im Stück «Nöd Zwingli»: Samuel Tobias Klauser (rechts) und Jan Sieber als Tom und Köbi.

Bilder: Christian Regg

Es beginnt mit dem Ende: Tom suhlt sich im Selbstmitleid und trauert seiner Pia nach. Im Selbstmitleid hätten sich auch die Macher der Komödie «Nöd Zwingli» suhlen können. Corona hat sie mit einem Schlag für den Sommer arbeitslos gemacht: Das Freilichtspiel «Zwinglis Frau» musste auf 2021 verschoben werden. Doch Simon Keller, der Leiter der Bühne Thurtal, hat mit seinem Team in kürzester Zeit ein neues Stück auf die Freilichtbühne im Innenhof des Klosters Fischingen gebracht. Zwei Wochen vor der ersten Aufführung hat das Ensemble mit den Proben begonnen, die Premiere am Freitagabend hat das Publikum begeistert.

Vorhersehbare Szenen

«Nöd Zwingli» zeigt die Geschichte von Pia und Tom, vom Kennenlernen über die Verliebtheit zu ersten Zankereien, die noch mit Humor beigelegt werden, bis zum heftigen Streit wegen Kleinigkeiten und der Trennung. Die Szenen haben die Schauspieler selbst geschrieben, Simon Keller hat sie zu einem Stück zusammengefügt. In einer Liebesgeschichte mit unvorhergesehenen Szenen noch überraschen zu können, ist eine Kunst, die Simon Keller als Regisseur nicht wirklich gelingt. Die meisten Szenen sind klischiert und vorhersehbar. Etwa, wenn der beste Freund dem Verlassenen Tom eine als Kätzchen verkleidete Stripperin vorbei schickt.

Simon Keller (links), der künstlerische Leiter der Bühne Thurtal, wirkte in verschiedensten Rollen im von ihm initiierten Stück «Nöd Zwingli» mit – hier gemeinsam mit Philipp Guldimann.

Simon Keller (links), der künstlerische Leiter der Bühne Thurtal, wirkte in verschiedensten Rollen im von ihm initiierten Stück «Nöd Zwingli» mit – hier gemeinsam mit Philipp Guldimann.

Christian Regg

Unvorhergesehen und gut gespielt ist dafür Mirjam Wüthrichs Darstellung der zurückgewiesenen Liebesdienerin. Frustriert reisst sie sich den Katzenschwanz ab und schleudert die Fellohren in die Ecke. Heulend auf dem Bett sitzend gesteht sie, dass sie den Tanz vorher ihrem Mami gezeigt habe – und die sei begeistert gewesen, schluchz. Ein darstellerisches Highlight ist trotz seiner kleinen Nebenrolle Jan Siebers Darbietung als Requisiteur, der mit stoischer Gleichgültigkeit die Discokugel über die Bar hält, Bierflaschen über die Hecke in Toms Wohnung schmeisst und voller Inbrunst als Telefon klingelt und dabei immer aufdringlicher wird, bis Tom endlich den Hörer abnimmt.

Das Stück zeigt in Rückblenden, wie Tom und Pia sich kennengelernt haben. In diesen Rückblenden spielt jedoch nicht Samuel Klauser Tom, sondern Simon Keller, was nicht sofort klar wird. Man könnte die Rolle Kellers auch als neuen Liebhaber interpretieren.

Hansdampf in allen Gassen

Erst Mitte des Stücks wird klar, dass dies ein Blick in die Vergangenheit ist. Die Liebesgeschichte wird noch ein zweites Mal wiederholt und diesmal schlüpft Simon Keller (ohne sich umzuziehen) in die Rolle der Pia, was man an den Dialogen aus den vorhergehenden Szenen erkennt. Er ist ein Hansdampf in allen Gassen, der Regie führt und sich gleichzeitig in beiden Hauptrollen in Szene setzt. Die Rückblenden wirken nicht vielschichtig und zeigen nichts Neues. Nur bei zwei Szenen erkennt man eine neue Perspektive im bereits Gesehenen. Einzelne Szenen wirken wie ein Fremdkörper im Stück. Die zwei Polizisten (einer davon wird ebenfalls von Simon Keller gespielt), die mit dem Zollstock als Corona-Gag die Abstände zwischen den Zuschauern messen, könnten einem Kasperlitheater entsprungen sein.

Hauptdarsteller mit starken Stimmen

Der eher banale Inhalt wird durch die Songeinlagen stark aufgewertet. Samuel Klauser (Tom) und Monika Romer (Pia) überzeugen mit ihren Stimmen und die eingängigen Lieder passen zur Liebesgeschichte. Die Texte haben sie teilweise den Szenen angepasst. Songs von Patent Ochsner, Plüsch und den Toten Hosen geben die beiden Hauptdarsteller zum Besten.

Auch tänzerische Elemente – hier mit Viviane Tita und Steven Forster – gehören zur Inszenierung «Nöd Zwingli» der Bühne Thurtal.

Auch tänzerische Elemente – hier mit Viviane Tita und Steven Forster – gehören zur Inszenierung «Nöd Zwingli» der Bühne Thurtal.

Christian Regg

Grandios sind auch die beiden Tänzer Steven Forster und Viviane Tita. Sie mimen die Liebesgeschichte tanzend und legen eine filmreife Szene aus «Dirty Dancing» aufs Parkett – inklusive der berühmten Hebefigur, für die selbst Jennifer Grey und Patrick Swayze im Film tagelang übten. Das Premierenpublikum war begeistert und belohnte die Darsteller mit Standing Ovations und Bravorufen.