«Beweg dein Herz zum Hirn»: St.Galler Schauspielensemble nutzt eine Lesung, um unangekündigt ein Zeichen gegen Rassismus zu setzen

Mit eindringlichem Text und starker Geste rief das St.Galler Ensemble dazu auf, Rassismus zu bekämpfen. Die Lesung von Schauspieler Frederik Rauscher im Theatercontainer war als Reisebericht angekündigt, der im St.Gallen des 16.Jahrhunderts startet. Das tat er auch, aber anders als erwartet.

Julia Nehmiz
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Die Lesung im Theatercontainer endet in einer Demonstration des Ensembles gegen Rassismus.

Die Lesung im Theatercontainer endet in einer Demonstration des Ensembles gegen Rassismus.

Bild: Michel Canonica

8 Minuten und 46 Sekunden können lang sein. Verdammt lang. Genau die Zeit, die ein Polizist sein Knie auf den Nacken von George Floyd drückte, so lange schwiegen am Mittwochabend Schauspielerinnen und Schauspieler des St.Galler Ensembles im Kniefall. Die «normale» allabendliche Lesung vor dem Theatercontainer in der Altstadt, mit welcher das Theater den Spielbetrieb nach dem Lockdown wieder aufgenommen hatte, wurde zur Demonstration gegen Rassismus.

Angekündigt war ein Reisebericht, der im St.Gallen des 16.Jahrhunderts starte. Es wird dann aber eine Reise in die Geschichte des Rassismus, die auch in St.Gallen ihren Ursprung nahm. Schauspieler Frederik Rauscher packte in seinen Text, den er selber verfasst hatte, die Verknüpfung von St.Gallen und der Fuggerstadt Augsburg zur Sklaverei.

Historiker Hans Fässler

Historiker Hans Fässler

Bild: Ralph Ribi

Hieronymus Sailer, Schützling und Vetter des Bürgermeisters Joachim von Watt, genannt Vadian, erwarb sich im März 1528 zusammen mit dem Konstanzer Heinrich Ehinger von Karl V. Recht und Verpflichtung, 4000 versklavte Menschen in die Kolonien zu «exportieren» und dort zu verkaufen. Der St.Galler Historiker Hans Fässler bezeichnete Hieronymus Sailer als den ersten Sklavenhändler der Eidgenossenschaft. Durch Fässler sei er auf dieses Thema gestossen, sagt Rauscher später. Vor einem Jahr besuchte er eine Stadtführung des Historikers, in welcher er die Geschichte von Hieronymus Sailer und dem Sklavenhandel erwähnte. Jetzt war es Rauscher ein Anliegen, nicht einfach eine normale Lesung zu veranstalten, sondern seine Stimme zu nutzen, um sich gegen Rassismus zu äussern. Er habe Fässler angeschrieben und um Texte und Quellenangaben gebeten.

Fässler selber sitzt am Mittwochabend nur wenige Hundert Meter nebenan, in der Kellerbühne feiert er seine Buchvernissage. Zur Lesung von Rauscher könne er leider nicht kommen, er sei zu nervös vor seiner eigenen Premiere, sagt er. Er freut sich, dass Frederik Rauscher sich des Themas angenommen hat. Und bedauert, dass dessen Lesung nur eine einmalige Sache sei.

Die Schauspielerinnen und Schauspieler machen den Kniefall

Frederik Rauscher sitzt barfuss im Container vor der Blauen Weltkarte, gut drei Dutzend Zuhörerinnen und Zuhörer lauschen auf grünen Theaterhockern oder auf dem Mäuerchen am Klosterplatz seinem Text, dem er immer wieder eine persönliche Note einfügt, sich selbst auf der Gitarre begleitend ein Lied singt.

Frederik Rauscher singt gegen Rassismus an.

Frederik Rauscher singt gegen Rassismus an.

Bild: Michel Canonica

«Beweg dein Herz zum Hirn, schick beide auf die Reise», singt er, und da treten seine Theaterkolleginnen und -kollegen, alle schwarz gekleidet, vor den Container, ein grosses Transparent haltend:

«Erkennen, benennen, bekämpfen:
no racism».

Rauschers Song ist fertig, Applaus brandet auf. In den hinein ruft er zur Schweigeminute auf, für eben genau die 8 Minuten und 46 Sekunden. Die meisten Schauspielerinnen und Schauspieler machen den Kniefall, einige bleiben stehen, im Publikum senken viele die Köpfe, zwei knien sich. In die lange Stille hinein mischt sich ausgelassenes Sommerlachen aus den Lokalen zwei Gassen weiter, Passanten schlendern vorbei, schauen kurz – während bei der Lesung noch der eine oder die andere kurz stehenblieb, hält jetzt niemand mehr inne.

Passanten schlendern vorbei, einige aus dem Publikum machen den Kniefall.

Passanten schlendern vorbei, einige aus dem Publikum machen den Kniefall.

Bild: Michel Canonica

Die Schauspielerinnen und Schauspieler setzen ein starkes Zeichen. Es ist das erste Mal, dass sie sich so offen äussern. Mit der Schauspielleitung war das abgesprochen, sagt Rauscher später. Mit ihr habe er auch seinen Text inhaltlich besprochen. Die Idee zur Lesung hatte er. Dass ihn viele Kolleginnen und Kollegen dabei unterstützen, sei aber aus dem Ensemble heraus entstanden.

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Bild: Michel Canonica
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