Auszeichnung
Interkulturell, frisch und feministisch: Die Rheintalerin Anna Frei engagiert sich im Zürcher Platten- und Kunstbuchladen OOR gegen festgefahrene Kategorien

Für ihr kuratorisches Schaffen wurde die 38-Jährige von der Internationalen Bodensee-Konferenz mit einem Förderpreis von 10'000 Franken ausgezeichnet. Für Frei ist dies eine Anerkennung für Jahre unbezahlter künstlerischer Arbeit.

Tobias Söldi
Drucken
Teilen
Anna Frei.

Anna Frei.

Bild: Mali Lazell

Anna Frei ist nicht leicht zu fassen: Grafikerin, Musikerin, Performerin, Veranstalterin – und für die Internationale Bodensee-Konferenz auch Kuratorin. Die IBK, ein Zusammenschluss der an den Bodensee grenzenden Länder und Kantone, hat der gebürtigen Rheintalerin einen von sieben Förderpreisen in der Sparte Kuratieren verliehen. Die Jury begründet die Auszeichnung folgendermassen: «Ihre Handschrift zeichnet sich dadurch aus, dass sie prozessorientiert, interkulturell, frisch und feministisch ist.» Frei selbst sieht sich jedoch nicht als Kuratorin. Zumindest nicht im klassischen Sinne: «Wenn kuratieren bedeutet, Räume zu gestalten, in denen Leute zusammenkommen – dann ja.»

Gefreut hat sie sich dennoch über den mit 10000 Franken dotierten Preis, für den sie vom Kanton St. Gallen vorgeschlagen wurde:

«Es ist eine Anerkennung für Jahre unbezahlter künstlerischer Arbeit.»

Kategorien hinterfragen, Festgefahrenes neu denken – das tut die 38-Jährige seit sechs Jahren im One’s Own Room (OOR) in Zürich, einem genossenschaftlich-kollektiv organisierten Platten- und Kunstbuchladen. Es beginnt im Kleinen: Das siebenköpfige Kollektiv ordnet Platten nach poetischen Sparten, die kein musikalisches Vorwissen voraussetzen, etwa «Feminist Killjoys», «Bye Bye Binary» oder «I’m out cruising Utopia».

Zuhören und gehört werden

«Es geht uns um einen anderen Zugang zu Wissen», erklärt Frei. Das Resultat wirkt leichter als das, was dahintersteckt: Kategorien werden immer wieder aufgelöst und neu gebildet, Platten befinden sich in mehreren Sparten, werden neu zugeordnet, lassen sich nicht mehr finden. Am Ende bleibt ein Widerspruch:

«Wir können Kategorien nicht auflösen, aber einen aktiven und kritischen Umgang mit ihnen finden.»

Im Grossen geht es Frei und dem OOR um das Aufzeigen von Machtstrukturen in der Gesellschaft, um marginalisierte Positionen, um inklusive Strukturen. Das geschieht in unterschiedlichen Formaten: Es gibt Veranstaltungen zu politischen Ereignissen, musikalische Aktionen, Partys, Buchpublikationen. Frei treibt dabei die Idee des Zuhörens um, die Frage, wer gehört wird und wer nicht, meint aber auch die akustische Wahrnehmung: «Wir können das Hören nicht abstellen, und trotzdem wird es nicht gleich ernst genommen wie beispielsweise das Visuelle, die Versprachlichung.»

Gründungsmitglied des St.Galler Palace

Mit Kategorien tut sich Frei auch persönlich schwer. «Ich hatte schon immer Mühe, mich selbst mit den gesellschaftlich zur Verfügung gestellten Kategorien zu identifizieren.» In ihrer Biographie gibt es dennoch einige Eckpfeiler: Frei hat ihre Wurzeln in der Musikszene, war Gründungsmitglied des St. Galler Konzertlokals Palace, organisierte Konzerte, gestaltete Plakate. Aber auch in der Kunst ist sie verankert, studierte Grafik an der Schule für Gestaltung in St. Gallen, später ein Semester Theorie an der Zürcher Hochschule der Künste. 2009 zog sie nach Zürich.

Über Beziehungen ist sie bis heute mit St. Gallen verbunden – das «Palace» war schon zu Gast im OOR und umgekehrt –, künstlerisch aktiv ist sie jedoch nicht mehr im Osten. «Wenn ich irgendwo bin, dann bin ich dort meist voll involviert.» Im Moment jedoch ist wegen Corona alles etwas ruhiger. Frei ist nicht unglücklich darüber: Sie nutzt die Zeit, um zu lesen, Soundkunst zu machen, und sich zu fragen, wie es mit dem Plattenladen weitergehen soll:

«Nach sechs Jahren ist es Zeit, über die Bücher zu gehen.»

https://annafrei.net/