Ausstellung
«Sind meine Brüste systemrelevant?»: Zum Jubiläumsjahr des Frauenstimmrechts zeigt die Alte Fabrik Rapperswil eine feministische Ausstellung

Es brodelt, es dampft, es braut sich was zusammen über der Alten Fabrik in Rapperswil. Das Gewitter entlädt sich mit mutiger Kunst und hinterlässt Spuren von Verschwesterung. Die Künstlerinnen der Ausstellung «Bestimmt» sind konsequent, jung und ein bisschen hässig.

Kathrin Signer
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Lärm machen und Räume für Selbstbestimmung suchen will Kira van Eijsden in ihrer Videoinstallation.

Lärm machen und Räume für Selbstbestimmung suchen will Kira van Eijsden in ihrer Videoinstallation.

Bild: PD

Eine Zunge umkreist langsam einen Zeh, schleckt lustvoll über den Zehenballen. Eine Nase gleitet entlang einer Achselhöhle, die feinen Härchen kitzeln an den Lippen. Hinsehen will man, aber auch die Augen zudrücken. Im Magen beginnt es zu grummeln, zu gluckern, der eigene Körper ist plötzlich unangenehm präsent. Der Intellekt überlässt den Gedärmen die Kunstbetrachtung.

Leicht macht es die St.Galler Videokünstlerin Morena Barra ihrem Publikum nicht, aber das Grummeln und Brodeln ist Konzept: Gezielt fordern die Kunstwerke in der Alten Fabrik in Rapperswil zum Neu- und Andersdenken auf und wollen den Betrachtenden mahnend auf die Schulter tippen, sie anstupsen, aufrütteln und zur Not in die Magengrube hauen.

Ziemlich eklig oder auch ein bisschen lustvoll? Morena Barra untersucht Grenzbereiche zwischen Anziehung und Abneigung.

Ziemlich eklig oder auch ein bisschen lustvoll? Morena Barra untersucht Grenzbereiche zwischen Anziehung und Abneigung.

Bild: Manuela Matt

Fünf junge, lokal verankerte Kunstschaffende zeigen in Rapperswil in der aktuellen Ausstellung «Bestimmt» ihren Beitrag zum feministischen Diskurs. Anlässlich der 50 Jahre des Schweizer Frauenstimmrechts sollte den Künstlerinnen eine Plattform geboten werden: Es gibt Raum für brisante, politische Fragen, für Wut, Provokation und ein bisschen Verzweiflung. Die Ausstellung als «Jubiläumsfestivität zum Stimmrecht» aufzugleisen, hätte bei Kuratorin Irene Grillo ein «bittersüsses Gefühl» ausgelöst – ob es denn ein Grund zum Feiern sei, dass es die Schweiz erst 1971 geschafft hat, die Frauen an die Urne zu lassen?

Beim Rebellieren das Atmen nicht vergessen

Dankgesänge auf das grosszügige Angebot, Gesetze mitzuschreiben, erklingen in der Alten Fabrik jedenfalls nicht: «Ich will doch längst nicht mehr drüber reden. Ich habe mich auch gefragt: Kann ich das wirklich machen, achtmal meine eigene Fresse an die Wand hängen?», sagt Kira van Eijsden resigniert aus einem der acht grünen Bildschirme. In ihrer Mehrkanal-Videoinstallation verkörpert die Zürcherin verschiedene Rollenbilder, die traditionell als weiblich gelten.

Van Eijsden will eigentlich nicht mehr nerven. Aber irgendeine muss das tun.

Van Eijsden will eigentlich nicht mehr nerven. Aber irgendeine muss das tun.

Bild: Filmstill

Sie jammert, tanzt, weint und erläutert geduldig, reflektiert: «Sind meine Brüste systemrelevant? Sind meine glatten Beine systemrelevant?» Stopp. Pause. Dem Publikum gesteht sie Selbstbestimmung zu: Per Knopfdruck können die Videos zu jeder Zeit ein- und ausgeschaltet werden. Play: «Ich bin zu jung. Ich bin zu hysterisch!», schreit eine andere Kira aus dem Fernseher. Auf einer Wandcollage legt sie ihre Inspirationsquellen dar und bietet Lösungsansätze, etwa: Verschwesterung. Mutig sein. Ausatmen.

Nicht überall ist der Geschlechterdiskurs so klar erkennbar. Die Amriswilerin Thi My Lien Nguyen untersucht in ihrer fotografischen Arbeit «Through My Matriarchs» Integration asiatischer Gemeinschaften in abendländischen Kulturen. Auf frei stehenden Stoffbahnen sind Fotografien ihrer Grossmütter abgedruckt, auf einem Tonband verschmelzen Geräusche und Gesprächsfetzen zu einer Klangcollage.

Die persönliche Annäherung funktioniert, es öffnet sich ein Fenster zu einem fremden Alltag: Man erfährt etwas über das fluide Zugehörigkeitsgefühl von Einwandererkindern dritter Generation und darüber, wie bedeutsam die Esskultur in asiatischen Communitys ist. Auch hier geht es, im weitesten Sinne, um Selbstbestimmung. «Ich wünsche mir, dass wir mutiger werden», sagt eine Stimme auf dem Audiotape.

Nguyen zeigt bewegliche Bilder auf Stoffbahnen.

Nguyen zeigt bewegliche Bilder auf Stoffbahnen.

Bild: Manuela Matt

Einen weniger emotionalen Zugang wählt die Künstlerin Claude Bühler aus St.Gallen: Ihre dokumentarische Fotoserie «it’s not science fiction» von Waffenproduktionsstätten in der Schweiz und in Deutschland ist als Metapher zu verstehen: Vom unsichtbaren Räderwerk der Waffenindustrie zieht sie Parallelen zum Patriarchat. Bei beidem gilt: Mechanismen erkennen, sichtbar machen, wegwerfen.

Aus Martina Mächlers «Lexikon der Gesten».

Aus Martina Mächlers «Lexikon der Gesten».

Bild: PD

Radikales Umdenken

Unterbewusste Mechanismen will auch Martina Mächler aufdecken. In der komplexen Rauminstallation geht es um Alltagsgesten: Mächler verfolgt die Annahme, dass sogar kleinste Bewegungen geschlechtercodiert sind. Das Kunstwerk «prelude 6» besteht aus Stuhlinstallation, Zeichnungen und einem Textstück.

Die Gesten und sprachlichen Gewohnheiten, für die Mächler «radikales Umdenken» fordert, sind in der Arbeit nicht direkt erkennbar. Sie sollen sich erschliessen, in dem man sich in bekannten Raumsituationen wiederfindet; etwa in einem Stuhlkreis: Ist man im Schulzimmer, im Kongress oder doch bei einem Treffen anonymer Alkoholiker? Und wie würde der Körper darauf reagieren?

Der rote Faden in dieser Ausstellung läuft durch, auch wenn man sich mal daran festhalten muss, um nicht zu stolpern. Die Aufforderung der Künstlerinnen ist klar: Selbst nach Antworten suchen, Magen und Gehirn anwerfen, mitreden, kollektiv hässig werden.