Morbide Schönheit gemischt mit Humor: Lika Nüssli zeigt im Kunstraum Kreuzlingen Werke aus ihrer Zeit in Belgrad

Ausstellung
Morbide Schönheit gemischt mit Humor: Lika Nüssli zeigt im Kunstraum Kreuzlingen Werke aus ihrer Zeit in Belgrad

Bild: Tobias Garcia

Während ihres Atelierstipendiums in Belgrad vor einem Jahr erlebte die St.Galler Künstlerin sieben Wochen harten Lockdown. In dieser Zeit grosser Einsamkeit und des Auf-sich-selbst-Zurückgeworfenseins entstanden farbstarke Aquarelle.

Judith Schuck
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Heiter bis wolkig fühlt sich die Stimmung an in «La vie est un long fleuve». Lika Nüssli zeigt im Kunstraum Kreuzlingen eine Auswahl der Werke, die während eines sechsmonatigen Künstlerstipendiums in Belgrad entstanden. Auf den Aquarellen vermengen sich Comicfiguren, Frauenakte, Geschlechtsteile, Blätter und andere Gewächse. Die Farbigkeit wechselt zwischen kräftigem Bunt und Grisaille.

Die in St.Gallen lebende Allrounderin ist Comiczeichnerin, Malerin, Performancekünstlerin, Autorin. All diese Künste fliessen zusammen: die Bewegungen, die Comicelemente, feministische Kunst, gesellschaftspolitische Themen. Nüssli arbeitet assoziativ, möchte Fragen aufwerfen und gleichzeitig zum Schmunzeln anregen.

Die eigene Körperlichkeit in der Isolation

Die St.Galler Künstlerin Lika Nüssli.

Die St.Galler Künstlerin Lika Nüssli.

Bild: Tobias Garcia

Das Belgrad-Stipendium war ihr erster Aufenthalt auf dem Balkan. Die Zeit dort beschreibt sie als wahnsinnig intensiv, eine Grenzerfahrung, die sie für ihr Schaffen aber auch immer wieder sucht.

Mit den «abgefuckten» Häusern habe sie teils Mühe gehabt. Doch gleichzeitig bewunderte sie deren morbide Schönheit, den «verblichenen Glanz». Ähnliches beobachtete sie in der Bevölkerung. Obwohl die serbische Hauptstadt an den Grenzen Europas liegt, leben dort viele Menschen sehr prekär und dennoch wirkte die Stadt lebendiger als die intakten, sauber geputzten Schweizer Städte.

Während des Stipendiums erlebte Lika Nüssli sieben Wochen Corona-Ausgangssperre, in denen sie in einer fremden Kultur zusätzlich komplett auf sich selbst zurückgeworfen wurde:

«Die grossen, farbigen Bilder der Ausstellung entstanden im ersten Lockdown.»

Sie habe eine grosse Einsamkeit erfahren. «Ich hatte niemanden als mich selbst.» Die bunten organischen Formen oder Körperteile erinnern an Ballonkunst oder Jeff Koons «Balloon Dogs». Nüsslis Bilder gehen im Gegensatz zur glänzenden Oberfläche des Pop-Art-Künstlers durch ihre Vielschichtigkeit und Luzidität in die Tiefe.

Ein «Höllentor» in Form eines schwarz-weissen Banners trägt die Aufschrift: «The world isn't beautiful I tend to forget that».

Ein «Höllentor» in Form eines schwarz-weissen Banners trägt die Aufschrift: «The world isn't beautiful I tend to forget that».

Bild: Tobias Garcia

Eine Ähnlichkeit besteht auch zu den Bildern des kanadischen Musikers und Künstlers Chad Vangaalen, bei dessen Menschen und Monstern das Innere nach Aussen gekehrt wird und so ein Knäuel aus Gedärmen oder Nabelschnüren entsteht, wie bei Nüsslis «Struggling with my Inner Gym»: «Man merkt den Bildern an, dass ich vom Narrativen komme. Eine ständige Suche in Zwischenbereichen. Humor, Poesie, politische Statements, Feminismus», meint die Künstlerin.

Ein grosses, schwarz-weisses Banner, das hochformatig von der Decke zum Boden fliesst, gleicht einer Art Höllentor. Das Monster schaut von oben herab. Sein drolliger Look, wie eine Micky Maus aus den 1930er-Jahren, macht nicht wirklich Angst, doch erinnert die Aufschrift daran: «The world isn't beautiful I tend to forget that». Autoabgase, Phallussymbole, Frauenakte – der Fluss des Lebens zieht sich durch den offenen Raum.

Verdrängen oder gegenseitiges Befruchten?

Im Tiefparterre des Kunstraums Kreuzlingen ist Monica Ursina Jäagers Video-Bild-Text-Collage «Forest Tales and Emerald Fictions» zu sehen.

Im Tiefparterre des Kunstraums Kreuzlingen ist Monica Ursina Jäagers Video-Bild-Text-Collage «Forest Tales and Emerald Fictions» zu sehen.

Bild: Tobias Garcia

Kontraste zeigt Monica Ursina Jäger im Tiefparterre des Kunstraums. Auf drei Leinwänden stehen sich Urwald und der Grossstadtdschungel von Singapur gegenüber. Es gibt nur die Senkrechte, das Aufstrebende. Die Video-Bild-Text-Collage «Forest Tales and Emerald Fictions» ist das Ergebnis einer Forschungsreise, auf der die in Zürich und London lebende Künstlerin Lebensräume natürlicher und architektonischer Art und ihr gegenseitiges Durchdringen aufarbeitet.

Beide Ausstellungen sind vom 10. April bis zum 30. Mai 2021 im Kunstraum Kreuzlingen zu sehen. Vernissage: Freitag, 9. April, 19–21 Uhr, kunstraum-kreuzlingen.ch