AUSSTELLUNG
Kultur direkt neben den Gleisen: In Heerbrugg findet Kunst auf wenigen Quadratmetern Platz

Mit «Jenseits» ist erstmals das Kulturamt des Kantons St.Gallen zu Gast im Stellwerk Heerbrugg. Der Ausflug in diesen speziellen Kunstort lohnt sich nicht nur wegen spannender Gegenwartskunst, sondern allein schon wegen der aussergewöhnlichen Ambiance des Ortes.

Martin Preisser
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Tamara Janes: «The New York Public Library Collection – Story Edition», bestückt mit Instagram-Stories.

Tamara Janes: «The New York Public Library Collection – Story Edition», bestückt mit Instagram-Stories.

Bilder: Martin Preisser

Eine Skulptur von Max Ernst, eine Fotografie von Robert Frank oder die «Pissing Woman», welche die Londoner Künstlerin Sophy Rickett abgelichtet hat: Solche Bilder fand die in St.Gallen aufgewachsene Künstlerin Tamara Janes während eines Atelieraufenthalts in der New Yorker «Public Library Picture Collection». Sie scannte diese ein und inszenierte sie neu, indem sie animierte GIF-Dateien aus Instagram darüber laufen liess.

Wie Ameisen oder Ungeziefer wirken diese animierten Figuren, wenn sie die Originale stören, verfremden, sie mit «Fehlern» versehen. Die beiden Video Loops (eines davon im WC des Stellwerks) irritieren den Betrachter, ziehen ihn in diese unsichere Zwischenwelt zwischen dem, was man scheinbar wirklich sieht und dem, was künstlich wirkt. Eine spannende Arbeit, die fantasievoll und auch manchmal augenzwinkernd unsere heutige Herausforderung thematisiert, mit Bilderfluten umzugehen. Vergangenheit und Gegenwart werden hier spielerisch, aber auch skurril miteinander verbunden.

Claude Bühler: aus der Serie «we are together in this»

Claude Bühler: aus der Serie «we are together in this»

Bild: PD

Mit einem grossen Bildschirm kann Tamara Janes sehr viel Bildmaterial transportieren. Also ein perfektes Medium für die nur 50 Quadratmeter grossen Räume des ehemaligen Stellwerks des Bahnhofs Heerbrugg. Schon der Ort selbst, wo man niemals Kunst erwartet, lohnt einen Besuch. Mit der Ausstellung ist im Stellwerk erstmals das Kulturamt des Kantons St.Gallen zu Gast. Seine Leiterin Ursula Badrutt hat die Kunstaktion, die den Titel «Jenseits» trägt, kuratiert.

Einen Gegenpol zu Janes’ Loops bilden im selben zweiten Stockwerk sechs intime Fotografien von Claude Bühler («We are together in this»). Gemüse, der eigene Kühlschrank, eine Kuh in der Nacht, eine Frau, unscharf in der Landschaft (auf der Flucht?): Das sind Bilder des Rückzugs, des Alltags, des Ungekünstelten. Bilder, die entstehen, wenn im Lockdown das Zuhause zum Lebenszentrum wird. Ein Zentrum, das aber auch eine beklemmende Scheinwelt oder ein unheimliches Szenario sein könnte.

Grenzen sind auch heute ständig in Bewegung

Im ersten Stock des Stellwerks überrascht ein Leuchttisch (Miro Schawalder, Florian Wegelin und Elias Gross). Die drei haben einen Hörspaziergang zu den Themen Zwangsarbeit, Hochwasserschutz und Flucht in den Jahren des Zweiten Weltkriegs an der Grenze am Rhein erarbeitet. Ihre Fotografien erinnern daran, dass Heerbrugg in einem Grenzraum liegt, der auch in heutigen Zeiten nicht unangetastet ist.

Zwischen historischen und Bildern aus Kiew, wo viele Zwangsarbeiter herkamen, findet man plötzlich auch Bilder der geschlossenen Grenzübergänge während des Lockdowns. Diese Recherchearbeit aus Vorarlberg passt gut ins Stellwerk. Immer wieder werden auch an Grenzen Weichen gestellt, Richtungen geändert. Diesseits und Jenseits getrennt.

Priska Rita Oeler: Ohne Titel, Acryl auf Rohleinen.

Priska Rita Oeler: Ohne Titel, Acryl auf Rohleinen.

Ganz reduziert und fast ein wenig provozierend hängt Priska Rita Oeler ihre Arbeit nicht an die Wand, sondern wirft ein Stück Rohleinen einfach über die Tür. Schroffes Zickzack in kräftigem Farbauftrag, ein fast archaisch anmutender Gegensatz von Farbe und rohem Leinen bestimmt den Eindruck. Und weil die Arbeit so lässig neben dem Fenster hängt, eröffnet sie dem Betrachter neben der eigentlichen Kunst auch einen neuen Blick auf die Bahngleise und den Horizont, eben den Blick jenseits der Stellwerkräume.

Bis 4. Juli. Stellwerk Heerbrugg (Aechelistr. 782); Do + Fr: 16–20 Uhr, Sa + So: 12–16 Uhr; heute Fr, 4. Juni, ist die Kuratorin der Ausstellung, Ursula Badrutt, von 16 bis 18 Uhr anwesend; um 18.45 Uhr und 19.45 Uhr findet die 2. Impro-Fahrt mit der Band Subito Zeitlos statt; Infos: www.sg.ch/kultur