Ausstellung
Gefühlsbad im Kleidermeer: In der Kunsthalle Arbon gibt es Kunst zum Eintauchen

Die Kreuzlinger Künstlerin Isabelle Krieg hat aus alten Kleidern und Stoffresten eine begehbare Installation entwickelt, die von den Besucherinnen und Besuchern in Bewegung versetzt werden kann. Das macht Spass und stimmt nachdenklich.

Christina Genova
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In der Kunsthalle Arbon scheint eine riesige Kleiderwelle auf die Besucherinnen und Besucher zuzurollen.

In der Kunsthalle Arbon scheint eine riesige Kleiderwelle auf die Besucherinnen und Besucher zuzurollen.

Bild: Ladina Bischof

Und plötzlich steht einem das Wasser bis zum Hals. Sinnbildlich, denn Isabelle Krieg hat die Kunsthalle Arbon nicht geflutet, sondern in ein textiles Meer verwandelt. Die Künstlerin hat T-Shirts, Dessous, Hosen und Stoffresten aus der Altkleidersammlung in Streifen gerissen, aneinandergenäht und in Bahnen und quer durch die Halle gespannt. Sie sind farblich abgestuft, auf helle Farben folgen Grün- und Blautöne.

Isabelle Krieg.

Isabelle Krieg.

Bild: red

Die den ganzen Raum umfassende Installation trägt den Titel «Wellengang» und ist begehbar. Und so stakst man durch die textilen Fluten, die beim Eingang wie Gischt den Boden umspielen, und sich dann langsam ansteigend immer mehr auftürmen. Es kommt der Moment, wo das Waten nicht mehr möglich ist und man komplett untertaucht im Kleidermeer. Dort, unter der Oberfläche, fühlt man sich geschützt und geborgen unter dem Dach aus Textilien, das über einem schwebt – eine sinnliche Erfahrung und ein Wechselbad der Gefühle, denn seltsamerweise kostet der Moment des Abtauchens Überwindung. Das Bedrohliche der Wassermassen lässt auch an Flutkatastrophen oder Tsunamis denken.

Fast Fashion auf Kosten der Umwelt

Unter dem Kleiderdach fühlt man sich aufgehoben.

Unter dem Kleiderdach fühlt man sich aufgehoben.

Bild: Ladina Bischof

Zwei Wochen Arbeit hat Isabelle Krieg, die seit zwei Jahren in Kreuzlingen lebt, in den Aufbau investiert. Die 49-Jährige ist in Freiburg aufgewachsen und lebte vor ihrem Umzug an den Bodensee sechs Jahre in Dresden. Ihr Atelier mit Seesicht inspirierte sie zur Installation, die auch an die textile Tradition Arbons anknüpft. In ihrer Kunst arbeitet Krieg häufig mit Alltagsmaterialien, die sie verfremdet und dadurch um zusätzliche Bedeutungsebenen erweitert.

Dies geschieht auch in der Kunsthalle Arbon, wo das Altkleidermeer an den verschwenderischen Umgang mit Textilien in der westlichen Welt denken lässt. Diese Fast Fashion ist nur möglich auf Kosten der Umwelt – für die Textilproduktion und den Bauwollanbau sind Unmengen an Wasser und Chemikalien nötig. Leidtragende sind auch die Textilarbeiterinnen und -arbeiter, die häufig unter ausbeuterischen und gesundheitlich bedenklichen Bedingungen Kleidungsstücke nähen, die bei den Modeketten Europas zu Spottpreisen erhältlich sind.

Seestücke und Flüchtlingsströme

Isabelle Krieg bezieht sich mit «Wellengang» aber auch auf ein klassisches Thema der Kunstgeschichte, wo sogenannte Seestücke – Werke, die sich im engeren oder weiteren Sinne mit dem Meer beschäftigen – eine lange Tradition besitzen. Die Stofffetzen lassen aber auch an die an den Strand gespülten Kleidungsstücke von Geflüchteten denken, deren Fahrt übers Mittelmeer gescheitert ist.

Wer an diesen Strümpfen zieht, löst einen Wellenschlag aus.

Wer an diesen Strümpfen zieht, löst einen Wellenschlag aus.

Bild: Ladina Bischof

Die Besucherinnen und Besucher werden nicht nur Teil von Isabelle Kriegs Installation, indem sie diese betreten. Sondern sie können sie auch selbst aktivieren und einen «Wellengang» auslösen. Dies geschieht über von der Decke hängende, ausgestopfte Nylonstrümpfe. Wer will, darf daran ziehen und löst damit an unerwarteten Stellen eine Bewegung im Kleidermeer aus. Ein Spass – nicht nur für kleine Besucherinnen und Besucher.

Bis 19.9., Kunsthalle Arbon. Am Samstag, 11.9., 16 Uhr, spricht Isabelle Krieg mit dem Publikum und dem Philosophen Rico Gutschmidt von der Universität Konstanz über existenzielle Fragen im Leben und in der Kunst.

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