Aussenseiterkunst
Mit Tagträumen gegen die Angst: Kunstwerke aus der Psychiatrie im St.Galler Museum im Lagerhaus

Im Living Museum Wil arbeiten Künstlerinnen und Künstler während oder nach einem psychiatrischen Aufenthalt. Ihre aktuellen Werke erzählen von Tagträumen und wie die Künstler damit der Pandemie entfliehen. Derzeit zu sehen im St.Galler Museum im Lagerhaus.

Viola Priss
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«Auf Träumen gebettet» ist das interaktive Kunstobjekt in der Ausstellung «Tagträume» im Museum im Lagerhaus St.Gallen. Die Künstler und Gäste bestücken hier gemeinsam das Werk, indem sie ihre Träume auf Notizzetteln festhalten und hinzufügen.

«Auf Träumen gebettet» ist das interaktive Kunstobjekt in der Ausstellung «Tagträume» im Museum im Lagerhaus St.Gallen. Die Künstler und Gäste bestücken hier gemeinsam das Werk, indem sie ihre Träume auf Notizzetteln festhalten und hinzufügen.

Bild: Michel Canonica

«Ich wünsche mir ein Ufo», steht auf einem Notizzettel in krakeliger Schrift mit grünem Filzstift geschrieben. Das «h» im «Uhfo» wurde nachträglich gestrichen. «Einmal Kettenkarrussell fahren mit Moped», ist in Druckbuchstaben auf einem anderen zu lesen. Es ist eine unzählbare Menge an Zetteln, die das Bettgestell im Eingangsbereich des Museums im Lagerhaus St.Gallen fluten. Kunstschaffende wie Gäste haben hier ihre Wünsche auf weissen Post-Its auf und an einer Chaiselongue, die zum Tagträumen einlädt, verewigt. Sie sind Teil der Ausstellung «Tagträume» des Living Museums Wil, das vom 28. März bis 11. Juli im Museum im Lagerhaus St.Gallen zu Gast ist.

Traumfängerinstallationen, an einem Gleisstrang aufgehängt.

Traumfängerinstallationen, an einem Gleisstrang aufgehängt.

Bild: Rose Ehemann

Das Atelier als Ort des Asyls und der Begegnung

Der bunte Tagtraum einer Kunstschaffenden.

Der bunte Tagtraum einer Kunstschaffenden.

Bild: Rose Ehemann
Rose Ehemann gründete das Living Museum in Wil, das zweite weltweit.

Rose Ehemann gründete das Living Museum in Wil, das zweite weltweit.

Bild: Michel Canonica

Das Living Museum in Wil versteht sich als Kunstatelier und Schutzraum, in dem Menschen mit psychischen Belastungen Kunst schaffen können. Die Ateliers sind bewusst öffentlich zugänglich, Gäste und Kunstschaffende treten in Kontakt, es wird gemeinsam pausiert in der Caféteria. Manche sind in einer akuten Krise, andere kommen auch Jahre nach ihrem Aufenthalt in der Klinik hierher. Hier entsteht sogenannte Art brut - Aussenseiterkunst.

Rund hundert Kunstschaffende arbeiten auf diese Weise in Wil. Seit dem Lockdown stellen sie sich neue Fragen: Wohin fliehen, in einer monatelangen Phase von Selbstisolation, Grenzen und Beschränkungen? Und wie weiter, wenn die Einsamkeit lähmend wirkt? Diese Fragen stellten sie auch ihrer Mentorin, Rose Ehemann, der Leiterin und Gründerin des Living Museums. Angst, Trauma, Krankheit und Verlust prägen die Biografie vieler Kunstschaffender in den Wiler Ateliers. «Die Auswirkungen der Pandemie machten den Alltag für diese Menschen in besonderem Masse prekär», sagt Ehemann.

Da erinnerte sich die Kunstpädagogin an ihre Schulzeit. «Die spannendsten Schulstunden erlebte ich, wenn ich in meiner Fantasie auf Reise ging.» Hingebungsvoll und ausgiebig habe sie vor ihrem inneren Auge Filme und fantastische Landschaften erdacht.

«Beim Tagträumen gibt es weder Regeln noch Grenzen. Die Gedanken sind nicht nur frei, sie können auch befreien.»

An diese Fähigkeit wollte Ehemann anknüpfen. Deshalb schlug sie das Projektthema «Tagträume» vor. Die aktuelle Ausstellung im St.Galler Museum im Lagerhaus ist das Ergebnis dieser Idee.

Durch das Malen aus Albträumen erwachen

«Die Auswirkungen der Pandemie machten den Alltag für diese Menschen in besonderem Masse prekär», sagt Rose Ehemann über die psychisch Kranken, die sie in Wil betreut.

«Die Auswirkungen der Pandemie machten den Alltag für diese Menschen in besonderem Masse prekär», sagt Rose Ehemann über die psychisch Kranken, die sie in Wil betreut.

Bild: Michel Canonica
Ballerinas tanzen auf Reissnägeln: Ein Bild von Corina Schleuniger, die im Living Museum zum ersten Mal einen Pinsel in der Hand hielt.

Ballerinas tanzen auf Reissnägeln: Ein Bild von Corina Schleuniger, die im Living Museum zum ersten Mal einen Pinsel in der Hand hielt.

Bild: Rose Ehemann

«Es ist nicht nur Schönes, was kommt, wenn man träumt», räumt Rose Ehemann ein. Und doch ist es bunt, in dieser Ausstellung in St.Gallen. Erstaunlich bunt, bedenkt man die Umstände, unter denen die Werke entstanden sind. Ehemann verweilt in einer Künstlerecke besonders lange, und sie schüttelt verblüfft den Kopf.

Die querformatigen Bilder, der Tisch und Stuhl stammen von der Künstlerin Corina Schleuniger. Ihre Ballerinas tanzen auf Reissnägeln und ziehen ihre Gedanken wie Spinnweben durch die Bilder. Die Künstlerin hat Gefühle und Träume abgebildet und lädt damit den Betrachter zum Nach- und Mitfühlen ein.

Corina Schleuniger malt figürlich, Öl auf Leinwand.

Corina Schleuniger malt figürlich, Öl auf Leinwand.

Bild: Rose Ehemann

«Schon nach minimaler Anleitung floss es aus ihr heraus», sagt Ehemann. Dabei sei Corina Schleuniger zuvor nie mit Kunst in Berührung gekommen, habe keinerlei Zugang zum Malen gehabt.

Alle ausstellenden Kunstschaffenden haben ihren eigenen Werktisch samt Stuhl in das Museum im Lagerhaus mitnehmen und mitgestalten können. Hier werden sie weiter an ihren Werken arbeiten und den Besuchern zum Gespräch zur Verfügung stehen.

«Gemeinsam sein», steht auf einem der Zettel vor dem Traumbett. Er ist in den Flur geflogen, als wollte er mitgenommen werden. Ob ein Künstler ihn beschriftet hat oder ein Gast, weiss man nicht. Im Träumen sind wir eben alle gleich.

Zwei neue Ausstellungen im St.Galler Museum im Lagerhaus eröffnen am 28. März

Das Museum im Lagerhaus St.Gallen eröffnet am Sonntag, 28. März, zeitgleich zwei Ausstellungen. Einerseits «Tagträume» (siehe Haupttext) mit Werken des Living Museum Wils. Ausserdem zeigt die Ausstellung «Durch die Linse» Fotografien aus dem Psychiatriealltag, aufgenommen von den Fotografen Willy Keller und Roland Schneider. Am Eröffnungssonntag gibt es ein kostenloses Rahmenprogramm von 11 bis 17 Uhr.