Auf einen Kaffee mit...
«Ich möchte motivieren, statt zu moralisieren»: Stephan Sigg schreibt Bücher für die Klimajugend von morgen

Lena kauft unverpackt, sie rettet krumme Gurken und reist nachhaltig an den Bodensee – perfekt ist sie aber nicht. Der St.Galler Autor Stephan Sigg hat sich das engagierte Mädchen ausgedacht, um Kinder auf unterhaltsame Weise für Umweltthemen zu sensibilisieren.

Bettina Kugler
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Stephan Sigg lässt seine Kinderbuchheldin Lena mit dem Nachtzug an den Bodensee reisen. Er selbst ist in Seenähe aufgewachsen: in Rheineck.

Stephan Sigg lässt seine Kinderbuchheldin Lena mit dem Nachtzug an den Bodensee reisen. Er selbst ist in Seenähe aufgewachsen: in Rheineck.

Bild: Donato Caspari

Käme Lena zufällig am Klosterbistro im St.Galler Stiftsbezirk vorbei, so würde sie womöglich wissen wollen, ob unser Kaffee bio ist und fair gehandelt. Nachgefragt haben wir nicht bei der Bestellung – Erwachsene wissen zwar viel, handeln aber dennoch oft inkonsequent. Und ganz so verbissen ist auch Lena nicht: das Mädchen, das Stefan Sigg, Autor, Journalist und Co-Leiter des Ostschweizer Jugendbuchverlags da bux, vor zwei Jahren erfunden hat.

«Kein Plastik für den Wal» war Lenas erster Auftritt, in einem Buch für Leseanfänger ab acht Jahren. An eine Reihe hatte zu diesem Zeitpunkt noch keiner gedacht. «Die grosse Resonanz bei Lesungen hat mich selbst überrascht», sagt Sigg, der mit seinen Kinder- und Jugendbüchern und mit Schreibworkshops oft in Schulen zu Gast ist. Es lag also nahe, eine Fortsetzung zu schreiben: Umweltthemen gibt es genug, und sie liegen im Trend. So folgte bald Band Zwei, eine Geschichte über krumme Gurken und die unnötige Verschwendung von Nahrungsmitteln.

Die Verlage haben den Trend aufgenommen

Das Thema Zerowaste hatte Stephan Sigg bereits im Blick, als Unverpacktläden noch eine Seltenheit waren. Es dauerte eine Weile, bis er beim Verlag Camino auf Interesse stiess, einem Imprint des Katholischen Bibelwerks Stuttgart. Das Verlagsprogramm hat einen Schwerpunkt auf spirituellen Themen und Lifestyle, doch ohne deutliche konfessionelle Ausrichtung. Sigg kommt das entgegen; missionieren will er nicht. Ein zweiter Pluspunkt ist für ihn die Zusammenarbeit mit der Stuttgarter Illustratorin Anna-Katharina Stahl.

«Sie versteht intuitiv, wie ich mir die Figuren und ihren Charakter vorstelle, ohne dass im Text davon die Rede ist. Unsere Bücher entstehen immer dialogisch.»
Band 3 der Bücher über die engagierte Lena: «Kein Schmutz in der Luft. Lena reist umweltfreundlich.»

Band 3 der Bücher über die engagierte Lena: «Kein Schmutz in der Luft. Lena reist umweltfreundlich.»

Bild: Camino Verlag

Im Frühjahr ist bereits der dritte Band erschienen: Diesmal geht es um nachhaltige Ferien am Bodensee. Sympathisch ist, dass in den Lena-Büchern Kinder den Erwachsenen zeigen, wie umweltfreundliches Verhalten geht. Im Vordergrund steht die Geschichte; klar aber wird dabei: Jeder kann etwas beitragen. Mit dem Nachtzug reisen beispielsweise. Unnötiges Gepäck vermeiden, keine Abfälle liegenlassen, sich auf die Gegend einlassen. «Das sind Dinge, die Kinder beschäftigen», weiss Stephan Sigg.

In Seenähe aufgewachsen

Für ihn selbst ist der Bodensee die Kindheitslandschaft. Aufgewachsen ist der heute 38-Jährige in Rheineck; die Grosseltern hatten einen Bootsverleih im Bregenzer Hafen. Dort war er oft, ebenso in Lindau oder am Affenberg in Salem. Er sagt:

«Im Dreiländereck spürt man: Es handelt sich um eine zusammenhängende Region, die Grenze ist normalerweise heute kaum wahrnehmbar. Die Schiffe verbinden die Menschen an den gegenüberliegenden Ufern. Das ist ein spannendes Lernfeld für Kinder.»

Bedauerlicherweise fiel die Zeit der Recherche und des Schreibens ausgerechnet in die Coronamonate, als Reisen rund um den See nicht mehr selbstverständlich war. So musste Stephan Sigg viel online recherchieren - und in Erinnerungen zurückreisen in seine Kindheit. Der frischen, kindlichen Perspektive der Geschichte kommt das zugute. Und gerade jetzt haben Ferien in der näheren Umgebung Konjunktur.

Jugendliche fragen ihn bei Lesungen: «Haben Sie oft Existenzängste?»

Hätte er auch ein Jugendbuch zum Thema Nachhaltigkeit schreiben können? Der Zugang wäre ihm nicht so leicht gefallen, sagt Stephan Sigg. Den Ton für Jugendliche zu treffen, sei wesentlich schwieriger, man könne nicht so leicht an ihren Alltag andocken.

Auch bei Lesungen merkt er, dass sie weniger offen sind als Kinder im Primarschulalter. «In letzter Zeit stelle ich fest, dass sich viele in herkömmliche Lebensrollen wünschen. Manche fragen mich: Haben Sie oft Existenzängste? Ihnen sage ich: Bleibt beweglich. Traut euch, euren eigenen Weg zu gehen.» Kleine Schritte sind besser als keine. Seine Figur Lena merkt das von selbst.