Auf einen Kaffee mit dem St.Galler Bibliothekar und Cineasten Marco Albini, der pro Jahr 500 Filme schaut

Der 38-jährige Marco Albini leitet den neuen Filmclub in der St.Galler Stadtbibliothek Katharinen. In seiner Freizeit schreibt er regelmässig Rezensionen für das Magazin «OutNow.ch» und besucht Filmfestivals in ganz Europa.

Nina Rudnicki
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Bibliothekar Marco Albini im Kreuzgang unter der Kinder- und Jugendbibliothek St.Katharinen in St.Gallen.

Bibliothekar Marco Albini im Kreuzgang unter der Kinder- und Jugendbibliothek St.Katharinen in St.Gallen.

Bild: Arthur Gamsa (20. Oktober 2020)

Lange Schlangen vor den Kinokassen, Stöbern in Videotheken und zuckersüsser Instant-Milchkaffee für nächtelange Film-Marathons: Marco Albini erzählt im Kreuzgang gleich unter der Kinder- und Jugendbibliothek St. Katharinen in St. Gallen, wie das mit seiner Filmleidenschaft begann.

4000 Blurays besitzt der 38-Jährige aktuell. 500 Filme schaut er sich durchschnittlich im Jahr an. Und als Mitarbeiter der Stadtbibliothek organisiert er regelmässig Kurse für Kinder und Jugendliche. In diesen lernen die Kinder etwa, eigene Hörspiele aufzunehmen oder selber einen Stop-Motion-Trickfilm zu machen.

Acht- bis Zwölfjährige können sich wirklich auf einen Film einlassen

In diesem November und Dezember wird Marco Albini ausserdem den neuen Filmclub der Kinder- und Jugendbibliothek leiten. An vier Nachmittagen schauen sich dort Acht- bis Zwölfjährige einen Film an. Anschliessend diskutieren sie gemeinsam über Inhalt und Form des Filmes und werden selbst kreativ. «Es ist erfahrungsgemäss das Alter, in dem Kinder coole, eigene Ideen haben und sich wirklich auf einen Film einlassen können», sagt Marco Albini.

Auch Marco Albini sah im Primarschulalter mit «Susi & Strolch» seinen ersten Kinofilm. «Mehr noch als die Geschichte hat mich das audiovisuelle Erlebnis fasziniert. Alles war gross, laut und eindrücklich», sagt er. Mit zwölf Jahren geht er so oft wie möglich ins Kino.

In Basel, wo er aufgewachsen ist, gilt in den 1990er-Jahren in den Kinos eine Altersfreigabe ab 14 Jahren. Dadurch gelingt es Marco Albini als Zwölfjährigem hin und wieder, sich in Filmvorführungen zu schummeln, die in anderen Kantonen erst ab 16 Jahren erlaubt waren. Er erinnert sich:

«Ich schaute mir schon als Primarschüler alle Filme auf Englisch an, weil ich unbedingt die originalen Stimmen hören wollte. In meiner Freizeit lernte ich daher Englisch, bevor das Fach überhaupt auf dem Stundenplan stand.»

Als Jugendlicher beginnt er beim Online-Filmmagazin «OutNow.ch» in den Kommentaren eigene Filmkritiken zu veröffentlichen. Auf diese Weise wird das Redaktionsteam auf ihn aufmerksam und bietet ihm einen Job als Filmjournalist an. Dieser führt ihn bis heute jährlich an zahlreiche Filmfestivals in ganz Europa.

Aktuell gehört der Roadmovie «Never Rarely Sometimes Always» zu seinen Lieblingsfilmen. Der Film handelt von einer Jugendlichen, die schwanger ist und durch die USA reist. Sie möchte einen Bundesstaat finden, in dem Abtreibungen auch ohne die Einwilligung der Eltern legal sind. «Wenig Dialog, dafür aber eine starke Körpersprache und subtiles Schauspiel – das zeichnet für mich diesen Film oder generell einen starken Film aus.»

Ein Film ist nicht für den Arbeitsweg gemacht

Film ohne Kino, das geht für Marco Albini auch in der heutigen Zeit von Streamingdiensten und sogar eigens im Smartphone-Format produzierten Filmen nicht zusammen. Filme schaut er sich ausschliesslich im Kino oder in seinem Heimkino in Schwerzenbach am Greifensee an.

Ein Heimkino hat er auch in der Kinder- und Jugendbibliothek St. Katharinen eingerichtet. «Wer ins Kino geht, drückt damit auch seine Wertschätzung gegenüber dem Film und der Arbeit der Regisseurinnen und Regisseure aus», sagt er. «Da geben sich ganze Filmteams extrem Mühe. Aber das tun sie doch nicht dafür, dass wir die Filme dann zerstückelt in kurzen Episoden am Laptop oder auf dem Smartphone auf dem Weg zur Arbeit schauen.»

Eine Bibliothek bietet mehr als Bücher

Jugendliche für Kino und Film zu begeistern und zu zeigen, dass eine Bibliothek mehr bietet als Bücher: Das sind die Ziele, die Marco Albini mit seinem Filmclub erreichen möchte. Welche Filme gezeigt werden, wird eine Überraschung sein. Gesehen hat er sie alle – womöglich während einer seiner nächtlichen Filmsessions. Er sagt:

«Sechs, sieben Stunden am Stücke Filme zu schauen ist auch heute noch kein Problem für mich. Nur meinen Kaffee trinke ich mittlerweile schwarz.»

Infos und Anmeldung für den Filmclub unter www.bibliothek.stadt.sg.ch