Lektüre
«Als Einstiegsdroge ist das vielleicht besser für Sie geeignet»: Das St.Galler Literaturhaus Wyborada gibt Buchtipps am Telefon

Was soll ich lesen? Anya Schutzbach vom Literaturhaus Wyborada in St.Gallen hilft in dieser Frage weiter. Am Telefon empfiehlt die Programmleiterin Bücher und gibt personalisierte Empfehlungen ab. Das funktioniert bestens, wie ein Selbstversuch zeigt.

Roger Berhalter
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Anya Schutzbach, Programmleiterin des Literaturhauses Wyborada.

Anya Schutzbach, Programmleiterin des Literaturhauses Wyborada.

Bild: Ralph Ribi (St.Gallen, 10. Februar 2021)

Leseratten haben es derzeit nicht leicht. Jedenfalls nicht, wenn sie neue Bücher oder neue Autorinnen entdecken wollen. Wer soll denn noch Buchtipps geben? Die Buchhandlungen sind geschlossen, die Bibliotheken auf die nackte Ausleihe beschränkt, und online nach Büchern zu stöbern ist nun einmal nicht dasselbe, wie den Buchhändler seines Vertrauens um Rat zu fragen.

«Der Austausch fehlt», sagt Anya Schutzbach, Leiterin der Frauenbibliothek und des Literaturhauses Wyborada in St.Gallen. «Diese Lücke wollen wir ein bisschen füllen.» Deshalb gibt sie Büchertipps am Telefon. In 15-minütigen Gesprächen gibt sie persönliche Leseempfehlungen ab.

Sperriges und Kantiges mit Nazis

Wir machen den Selbstversuch. Vorab haben wir Schutzbach ein paar Lektüre-Vorlieben gemailt. «Das hilft mir, um einzuschätzen, was für ein Lesetyp Sie sind.»

Denn wir kennen uns nicht, sind uns noch nie begegnet. Schutzbach weiss von mir nicht mehr, als dass ich den knallharten Stil von Sibylle Bergs «GRM» mochte und dass ich Vegetarier bin (und es nach der Lektüre von Upton Sinclairs «Der Dschungel» noch lange bleiben werde). Zu Beginn des Gesprächs analysiert Schutzbach:

«Ich stelle fest, dass Sie ein Faible für sperrige, kantige Literatur haben.»

Sie empfiehlt deshalb den Autor Christoph Höhtker, «einen untypischen und eher wenig bekannten Vertreter der Schweizer Literaturszene».

Sein Roman «Schlachthof und Ordnung» sei etwas leichter verdaulich als Sibylle Bergs «GRM», aber ähnlich dystopisch. Es gehe um einen hypermodernen Schlachbetrieb («Das dürfte Sie als Vegetarier interessieren»), um eine intelligente Droge, um einen Journalisten auf Reportage und um ein feministisches Frauenkollektiv, dass es auf Nazis abgesehen hat.

«Das klingt jetzt etwas durchgeknallt», entschuldigt sich Schutzbach fast. Allenfalls sei auch Christoph Höhtkers Roman «Alles sehen» für den Anfang passender. «Als Einstiegsdroge ist das vielleicht besser für Sie geeignet.» Spätestens jetzt bin ich angefixt. Dabei ist das erst der erste von drei Buchtipps, die Schutzbach in so einem Gespräch jeweils gibt.

Literatur-Leidenschaft durchs Telefon

«Mir ist aufgefallen, dass Sie amerikanische Autoren mögen», analysiert Schutzbach weiter. Sie empfiehlt deshalb die Krimiautorin Patricia Highsmith, speziell deren Buch «Tief im Wasser»:

«Ein abgründiger Roman mit einem latenten Sog, der einen bei der Stange hält.»

Schutzbach macht innerhalb von wenigen Minuten nicht nur eine Inhaltsangabe, sondern ordnet den Roman auch literarisch ein und verrät ein paar biografische Details über die Autorin. Schutzbachs Begeisterung ist ansteckend, und ihre Leidenschaft für gute Literatur ist auch durchs Telefon spürbar.

Der dritte Buchtipp besteht aus zwei Tipps. Das eine («Fleisch ist mir nicht Wurst» von Klaus Reichert) erzählt laut Schutzbach gleichzeitig eine Familiengeschichte und die Entwicklung des traditionellen Metzgerhandwerks Richtung industrielle Tätigkeit. Auch «Fleisch und Blut» von Susanne Schwager handelt von einer Metzgerfamilie. Das ist fleischlastige Lesekost für den Vegetarier.

Das Buch, das allen gefällt

Aber was, wenn Anya Schutzbach gar nichts über ihr Gegenüber weiss? Hat sie dann ein paar Asse im Ärmel, also Bücher, die zu allen passen? «Ein Buch zu nennen, das allen gefällt, ist fast unmöglich», sagt Schutzbach.

Aber eben nur fast: «Die Weite fühlen. Aufzeichnungen einer Hirtin», geschrieben von Pia Solèr, dieses Buch fasziniere alle, sagt Schutzbach zum Schluss des Gesprächs – und nach dem Auflegen möchte man am liebsten in die nächste Buchhandlung rennen.

Anya Schutzbach gibt ihre kostenlosen telefonischen Buchtipps jeweils am Montag, 16–18 Uhr, unter 079 251 39 54, bis mindestens Ende Februar. Vorgesehen sind jeweils 10–15 Minuten Gespräch.
Wer personalisierte Empfehlungen wünscht, meldet sich vorab unter literaturhaus@wyborada.ch, am besten mit ein paar Angaben zu den eigenen Lektüre-Vorlieben.