Ostschweizer Kulturjahr 2020:
Diese acht Höhepunkte erwarten Sie

Von der Musical-Uraufführung über Gartenkunst bis zum 10-Jahr-Jubiläum der Lokremise St.Gallen – Kulturereignisse, die man sich in der Agenda notieren muss.

Christina Genova, Roger Berhalter, Bettina Kugler, Dieter Langhart, Julia Nehmiz, Martin Preisser
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22.Februar: Uraufführung Musical «Wüstenblume» Theater St.Gallen

Waris Dirie gibt in St.Gallen bekannt, dass das hiesige Theater ihren Millionenbestseller «Wüstenblume» zur Uraufführung bringt.

Waris Dirie gibt in St.Gallen bekannt, dass das hiesige Theater ihren Millionenbestseller «Wüstenblume» zur Uraufführung bringt.

Bild: Michel Canonica

Zuerst Erstaunen: Wie soll das gehen? Die Ankündigung des Theaters St.Gallen irritierte. Ein Musical über die brutale Beschneidung eines Mädchens? Warum soll die Geschichte von Supermodel und Aktivistin Waris Dirie vertanzt und gesungen werden? Wenn im deutschsprachigen Raum Musicals eigentlich nur ein Publikum finden, wenn sie unterhaltsam und bunt sind?

Dann der Presseauflauf: Zur Präsentation der Musicalpläne rauschte die internationale Presse an. Waris Dirie gab unserer Zeitung ein berührendes Interview. Die Musicalmacher zeigten sich voller Elan und Tatendrang. Ja, Musical sei genau die richtige Form für diese Geschichte, hiess es von ihnen.

Am 2.Januar starteten die Proben. Der Cast steht, Stück und Musik auch. Dem vergleichsweise kleinen Theater St.Gallen ist ein grosser Coup gelungen. Und es geht mit dem Auftragswerk ein finanzielles Risiko ein. Die grossen Musicaltheater bringen keine Uraufführungen heraus, zu gross die Angst, dass sie nicht ankommen beim Publikum. Dort setzt man lieber auf die bewährten Musicalhits, die überall laufen. Ob St.Gallen ein richtiger Coup gelingt? Ob das Musical anschliessend den Broadway erobert, wie die Macher hoffen? Ab dem 22.Februar wissen wir es. (miz)

27. Februar - 7. März: Festival Jungspund St. Gallen

Eine Art Schweizer Theatertreffen, an dem das Beste für Zuschauer zwischen etwa vier und Junggebliebene auf die Bühne kommt, ein Schaufenster künstlerisch ambitionierter Produktionen über das vorweihnachtliche Familienstück hinaus und eine Plattform für Theaterschaffende, auf der die Vernetzung der Szene gestärkt wird: Mit diesem Anspruch ging das Festival Jungspund vor zwei Jahren in St.Gallen an den Start – und fand aus dem Stand Anklang beim Publikum.

Schon vor der ersten Ausgabe 2018 liebäugelten die Organisatoren mit einer Neuauflage im Zweijahresrhythmus. Nun steht sie unmittelbar bevor, wieder in Kooperation mit dem Theater St.Gallen und dem Figurentheater St.Gallen, die beide auch eine Premiere im Rahmen des Festivals präsentieren werden: «An der Arche um Acht» (ab 29.2. im Figurentheater) und «Träume einer Sommernacht», einer Shakespeare-Bearbeitung des Niederländers Theo Fransz für Menschen ab 15 (Premiere 7.3.).

An zehn Festivaltagen werden insgesamt elf Produktionen aus den Sparten Musik- und Sprechtheater zu sehen sein, mit und ohne Figuren. Auch Tanz ist vertreten: Fünf Tänzerinnen und Tänzer aus Basel werden das Festival am 27.2. mit Tabea Martins Performance «Forever» eröffnen und kindliche Vorstellungen von Unsterblichkeit tänzerisch umsetzen – das verspricht Denk- und Gesprächsstoff für alle. Über den Spielplan präsentieren Gruppen und Einzelkünstler im «Schaufenster» Ausschnitte aus entstehenden Produktionen, zu einigen Stücken gibt es Einblicke in die Inszenierung, die Jungspundbänd wird aufspielen, zum Spielen und Schauen einladen. (bk.)

4. April: 400 Jahre Oratorienchor St.Gallen

Der Oratorienchor St.Gallen ist eine der ältesten Singgemeinschaften der Welt.

Der Oratorienchor St.Gallen ist eine der ältesten Singgemeinschaften der Welt. 

Bild: Urs Jaudas

Seinen 300. Geburtstag liess der Oratorienchor St.Gallen, wie der vormalige Stadtsängerverein seit 2003 heisst, ganz ohne irgendeine Feier vorüberziehen. Die Geschichte des Chores ist auch eine von vielen Fusionen verschiedener Sängervereine und Ensembles. Im Januar 1620 wurde er als ein Collegium musicum gegründet und gilt als einer der nachweislich ältesten Singgemeinschaften der Welt.

Bekannt sind im Musikleben der Stadt die traditionellen Palmsonntagskonzerte des heute rund 80-köpfigen Chores. Seit 1859 finden sie jedes Jahr und ohne Unterbrechung in der St.Galler Kirche St.Laurenzen statt. Unter der heutigen Leitung des deutschen Dirigenten Uwe Münch kann der Chor auf einige Schweizer Erstaufführungen von Chorwerken zurückblicken. Ein besonderer Höhepunkt der letzten Jahre war sicher das Gedenkkonzert des Oratorienchores im ehemaligen Konzentrationslager Theresienstadt, wo Werke von Komponisten erklangen, die dem Holocaust zum Opfer fielen.

Zum 400-Jahr-Jubiläum gibt es ein romantisches Highlight und eine Uraufführung. Am 4. und 5. April feiert der Chor seinen aussergewöhnlichen Geburtstag mit dem «Deutschen Requiem» von Johannes Brahms, einem sehr persönlichen geistlichen Werk jenseits konfessioneller Bindungen, das der Oratorienchor letztmals 2010 in der Kirche St.Laurenzen zu Gehör brachte.

Der St.Galler Komponist Alfons K. Zwicker wurde für das Jubiläum mit einem Auftragswerk bedacht. Seine neue Chorkomposition wird Gedichte der Lyrikern Nelly Sachs vertonen, der Nobelpreisträgerin von 1966. Im Jubiläumsjahr erscheint zudem auch ein Buch über die Geschichte des Chores. In der St.Galler Kantonsbibliothek Vadiana erinnert ab September eine Ausstellung über einen speziellen Chorgeburtstag. (map)

24. April – 28. Juni: Das Paradies findet in Berneck statt

In der Ausstellung «Das Paradies findet »statt sind in Berneck im Frühling acht verschiedene Gartenkunst-Installationen zu sehen.

In der Ausstellung «Das Paradies findet »statt sind in Berneck im Frühling acht verschiedene Gartenkunst-Installationen zu sehen.

Bild: Reto Martin

Den Garten Eden gibt es längst nicht mehr. Zeit, ihn wieder neu zu erschaffen, hat sich das Kulturforum Berneck gedacht und einen Wettbewerb lanciert. Auf einer Fläche von höchstens 50 Quadratmetern sollen Interessierte mit künstlerischen und gärtnerischen Mitteln ein Paradies gestalten – zumindest temporär für die Dauer einer Ausstellung. Diese heisst «Das Paradies findet statt»; Vernissage ist am 24. April in Berneck. 

Als Kurator des Wettbewerbs war der Bernecker Musiker Urs Stieger am Werk, der in seinem privaten Garten ebenfalls Natur und Kunst verbindet. Inzwischen sind die acht Teilnehmerteams ausgewählt. Vertreten sind Rheintaler Landschaftsarchitekten, Künstlerinnen und Künstler, Bildhauer und Architekten. Diese bunte Zusammensetzung verspricht einen interdisziplinären Blick auf das Thema «Paradiesgärten».

An acht Standorten werden im Frühling Kunst- und Garteninstallationen zu sehen und öffentlich begehbar sein. Noch im Januar werden die Standorte den Teams zugeteilt, danach machen sich diese daran, Kunst und Natur auf sechs mal acht Metern zu vereinen. Auf dass es in Berneck bald wieder acht Gärten Eden gebe. (rbe)

25. April – 18. Oktober: «Thurgauer Köpfe»

Ein Thema – sechs Museen: Endlich und erstmals wird sichtbar, wofür der Kanton vier Jahre gearbeitet hat. Gemeint ist die gemeinsame Strategie seiner sechs Museen in «fünf getrennten Königreichen», wie sie Martha Monstein nannte, Chefin des Kulturamts. Die sechs Museen zeigen den Kanton im Spiegel seiner Bewohner, aus ganz verschiedenen Blickwinkeln. «Thurgauer Köpfe» heisst das Projekt.

Da sind von Ende April bis Mitte Oktober Begegnungen mit Einheimischen und Fremden möglich, mit Menschen, Tieren, Pflanzen. Die Ausstellung provoziere ein vergnügliches Nachdenken darüber, was denn der Thurgau war, ist und allenfalls sein könnte, heisst es auf der Sammelseite museen.tg.ch. Schön, dass davor schon Lehrpersonen eine exklusive Vorschau erhalten auf die Angebote für Schulklassen (25. März, 17.30 Uhr, Theaterhaus Thurgau, Weinfelden). Und schön auch, dass eine Wegweiserkarte produziert wird, die die sechs Ausstellungen mit dem ganzen Kanton verknüpft und zu einer Fahrt übers Land verführt.

Knackig kommen die Titel der Teilausstellungen daher: «Tot oder lebendig» im Alten Zeughaus (Historisches Museum) samt dem Teilprojekt zu Marie Bachmann, der letzten Besitzerin von Schloss Frauenfeld; drüben an der Promenade, unter einem Dach: «Archäologe ohne Vergangenheit?» (Museum für Archäologie) und «Einzigartig vielfältig» (Naturmuseum); in der Kartause Ittingen: «Frauen erobern die Kunst» (Kunstmuseum) und «Ein Bankierssohn pflügt um» (Ittinger Museum); auf Schloss Arenenberg «Eine Kaiserin bringt Kohle» (Napoleonmuseum). (dl)

13./14. Juni und 27./28. Juni: Offene Künstlerateliers

Unter dem Titel Fünfstern öffnen 180 Künstlerinnen und Künstler ihre Ateliers.

Unter dem Titel Fünfstern öffnen 180 Künstlerinnen und Künstler ihre Ateliers. 

Bild: Urs Bucher

Alle drei Jahre öffnen Ostschweizer Künstlerinnen und Künstler die Türen ihrer Ateliers und gewähren Einblick in ihre Arbeit. Fünfstern heisst der Anlass, der bereits zum fünften Mal stattfindet: am Wochenende vom 13. und 14. Juni in der Stadt
St. Gallen und Umgebung und am 27. und 28. Juni in den Kantonen St. Gallen, Thurgau und den beiden Appenzell. 2017 wurden in den 250 geöffneten Ateliers und am Eröffnungsfest rund 24 000 Besucherinnen und Besucher gezählt.

Für die diesjährige Ausgabe haben sich bereits 180 Kunstschaffende angemeldet, davon machen mehr als ein Drittel zum ersten Mal mit. Alle sind zugelassen, es wird nicht juriert. Maximal 300 können teilnehmen, Anmeldeschluss ist der 2. März. Im Fokus steht bei der diesjährigen Ausgabe die Kunstszene in Rapperswil-Jona und im Toggenburg. Geführte Touren zu Fuss und per Bus sind geplant, besondere Veranstaltungen gibt es im Kunstzeughaus Rapperswil und im Rathaus für Kultur in Lichtensteig.

Fünfstern wird zum letzten Mal von der umtriebigen Kulturfrau Brigitte Kemmann organisiert, die diese schweizweit einzigartige Veranstaltung mitbegründet hat und mit ihrer Kulturzentrale auch hinter Projekten wie «Kulturbeutel» oder «An wen vererben» steht. Ob und wie es mit Fünfstern weitergeht, steht in den Sternen: Eine Nachfolgerin für Kemmann gibt es noch nicht.

Für ihre letzte Fünfstern-Ausgabe rührt sie nochmals mit der grossen Kelle an: In der Lokremise St. Gallen steigt am 20. Juni ab 16 Uhr ein grosses, kostenloses Begegnungsfest für die Künstlerinnen und Künstler und die ganze Bevölkerung, unter anderem mit dem Orchester Camerata Salonistica, dem Chor Sangallinas, der Band Gion Stump & Lighthouse Project, Schauspielern und Tanzschaffenden. (gen)

25. Juli – 21. August: «Zwinglis Frau» in Fischingen

Nicht einmal ein Bild ist erhalten von Anna Reinhart, Zwinglis Frau. Dafür eines von ihrer Tochter Regula Gwalther und deren Tochter Anna. 1549 hat Hans Asper es gemalt.

Nicht einmal ein Bild ist erhalten von Anna Reinhart, Zwinglis Frau. Dafür eines von ihrer Tochter Regula Gwalther und deren Tochter Anna. 1549 hat Hans Asper es gemalt.

Zentralbibliothek Zürich

Ulrich Zwingli? Bekannt. Anna Reinhart? Unbekannt. Dabei – was hätte der Bauernsohn aus Wildhaus schon ohne seine Frau im Rücken ausrichten können, als studierter Theologe, Leutpriester an Zürichs Grossmünster und Reformator! Genau das fand auch die Bühne Thurtal.

Die Produktionsgruppe um den Wiler Willy Holenstein macht seit zehn Jahren mit Profis und Laiendarstellern «professionelles Theater für jedermann», ohne in die Volkstheaterschiene zu rutschen. 2011 macht die Bühne mit «Idda von Toggenburg» in Wil erstmals von sich reden, seither hat sie Zehntausende in ihre Aufführungen in den Kantonen St.Gallen und Thurgau gelockt: «D’Geierwally», «Die Stickerin aus dem Thurtal» oder «Ueli Bräker – der arme Mann im Tockenburg».

Jetzt also «Zwinglis Frau», inszeniert vom Uzwiler Simon Keller, der seit letztem Sommer die Bühne Thurtal von Herisau aus leitet. Der Spielort liegt, nach zwei Inszenierungen in Münchwilen 2014 und 2016, erneut im Hinterthurgau – zuhinterst, aber zum Thema passend im Kloster Fischingen. Erzählt wird Zwinglis Geschichte aus der bislang kaum beachteten Perspektive seiner Frau Anna Reinhart, einer Witwe mit drei Kindern. (dl)

12. September: 10 Jahre Lokremise St. Gallen

Seit zehn Jahren urbaner Kulturmagnet: die St. Galler Lokremise.

Seit zehn Jahren urbaner Kulturmagnet: die St. Galler Lokremise.

Bild: Michel Canonica

Ein Kulturdenkmal von nationaler Bedeutung war die Lokremise schon, bevor sie zum angesagten Kulturzentrum wurde, zum Ausstellungsraum, Programmkino, zur Bühne für Tanz, Sprech- und Musiktheater, zum Treffpunkt zwischen Vorstellungen und Veranstaltungen.

Seit zehn Jahren ist das grösste erhaltene Ringdepot der Schweiz zweite Spielstätte des Theaters St.Gallen, Standort des Kinok, Ableger des Kunstmuseums St.Gallen und als Brennpunkt urbaner Kultur bei freien Gruppen begehrt, doch nur selten zu haben. Gefeiert wird das Jubiläum auf den Tag genau am 12.9. mit einem Fest für die Akteure und die Öffentlichkeit. Zu sehen gibt es bei dieser Gelegenheit auch einen Teaser der spartenübergreifenden Jubiläumsproduktion aller Lokremise-Partner, die sich auf alle Räume erstrecken wird. (bk.)