Theater
«Wer führt und verführt uns?»: Der Ausserrhoder Regisseur Pierre Massaux bringt eine russische Erzählung über den Antichristen auf die Bühne

Das St.Galler Theater 111 zeigt am 24. Juni zum ersten Mal das Stück «Der Antichrist» von Regisseur Pierre Massaux. Es ist eine Adaption einer Erzählung des russischen Religionsphilosophen Wladimir Solowjew. Provozieren will Massaux damit nicht, das Stück sei nicht politisch, sagt er.

Mirjam Bächtold
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Regisseur und Dramaturg Pierre Massaux lebt in Speicher (AR).

Regisseur und Dramaturg Pierre Massaux lebt in Speicher (AR).

Bild: Tasja Fleury

Das Theater St.Gallen ersetzte vor kurzem Tschaikowskys Oper «Die Jungfrau von Orleans» mit Verdis «Giovanna d’Arco», um mit der russischen Musik niemanden zu beleidigen. Das Musiktheater Wil strich die komische Oper «Zar und Zimmermann» aus dem Programm. Der Ukraine-Krieg beeinflusst auch das Kulturprogramm in der Ostschweiz. Nicht Pierre Massaux: Der belgische Regisseur, der in Speicher lebt, bringt mit Wladimir Solowjews «Kurze Erzählung vom Antichrist» einen russischen Autor auf die Bühne des Theaters 111 in St.Gallen. Uraufführung des Stücks ist am 24. Juni.

Will er damit provozieren? «Überhaupt nicht», versichert Massaux. Er habe diese Aufführung bereits letztes Jahr geplant. Ausserdem sei das Stück nicht politisch, sondern behandle ein metaphysisches Thema.

«Ich verstehe nicht, wie man russische Kunst verbieten kann. Dann müsste man ja auch chinesische oder nordkoreanische Künstler verbieten.»

Pierre Massaux, der seit über 20 Jahren literarische Texte für die Bühne bearbeitet, hat die Erzählung des Religionsphilosophen Wladimir Solowjew aus dem Jahr 1900 in eine Theaterfassung umgeschrieben. In der apokalyptischen Erzählung geht es um einen vermeintlichen Gutmenschen und Wohltäter, der die Menschen in Versuchung führt und mit List zur Weltherrschaft gelangt.

Vision von Frieden

Wladimir Solowjew (1853–1900) hatte die Vision von einer Einheitskirche und gilt als einer der Begründer der ökumenischen Bewegung. «Er wünschte sich, dass alle Menschen in Frieden nebeneinander leben können», sagt Massaux. Doch mit der Zeit erkannte Solowjew, dass seine Vorstellung utopisch ist und er verarbeitete diese Erkenntnis in der «Erzählung vom Antichrist». «In dieser Erzählung zeigt sich, wie das Wesen des Antichristen oder Satans in den Menschen wirkt, wie also das Böse personifiziert wird», erklärt der Regisseur und Dramaturg. Die dargestellte Apokalypse sei wie eine Prüfung, bei der man sich dafür entscheiden müsse, wem man glaube und folge.

«Ähnliches sehen wir heute in der Politik, der Wirtschaft oder der Wissenschaft», sagt Massaux. Er hat den russischen Autor gewählt, weil er dessen Intelligenz bewundert und seine Ansichten teilt. «Die Geschichte vom Antichristen muss uns die Augen öffnen: Wer führt und verführt uns? Wenn wir das nicht wissen, können wir nicht als freie Menschen denken und handeln.»

Eine der Darstellerinnen stammt aus der Ukraine, eine aus Weissrussland.

Eine der Darstellerinnen stammt aus der Ukraine, eine aus Weissrussland.

Bild: Tasja Fleury

«Kultur soll verbinden»

Pierre Massaux inszeniert das Stück mit vier Darstellerinnen und einem Darsteller. Eine von ihnen stammt aus der Ukraine, eine aus Weissrussland. «Während der Probenarbeit diskutieren wir auch oft über die aktuelle Kriegssituation und versuchen, damit umzugehen», erzählt Pierre Massaux. Eine Lösung sieht er darin, russische Künstler nicht zu verbieten, sondern einen Weg zu finden, durch die Kultur eine Verbindung zu schaffen. «Ein Muslim und ein Christ besuchen verschiedene Gotteshäuser, aber wenn sie im Orchester nebeneinandersitzen, spielen sie dieselben Noten. Auf der künstlerischen Ebene kann man sich finden», sagt Pierre Massaux.

Eine Begegnung der Kulturen will Pierre Massaux vor allem mit dem Auftritt des russischen Pianisten Mikhail Rudy zeigen: Er wird am Sonntag, 10. Juli, in einer Matinee um 11 Uhr im Waaghaus St.Gallen Werke von russischen sowie ukrainischen Komponisten spielen.

Premiere «Der Antichrist»: 24. Juni 2022, 20 Uhr, Theater 111. Weitere Vorstellungen unter www.theater111.ch.

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