St.Galler Festspiele
Barocke Spielarten der Liebe: Das Ensemble La Venexiana sang Madrigale von Monteverdi in der Kirche St.Laurenzen

Bereits zum zweiten Mal gastierte das italienische Barockensemble La Venexiana im Rahmenprogramm der St.Galler Festspiele, diesmal mit einem ausschliesslich Claudio Monteverdi gewidmeten Programm. Die Liebe siegt darin über Schmerz, Tod und Verzweiflung – und auch über flüchtige Notenblätter.

Bettina Kugler
Drucken
Hier in grösserer Besetzung mit Streichern: das italienische Ensemble La Venexiana.

Hier in grösserer Besetzung mit Streichern: das italienische Ensemble La Venexiana.

Bild: PD/Kaupo Kikkas

Für einmal wünscht man sich in der Kirche St.Laurenzen eine Untertitelung – wie ein paar Schritte weiter, auf der Opernbühne der St.Galler Festspiele für Verdis Oper «Giovanna d'Arco». Oder stattdessen ein separates Programmblatt mit den gesungenen Texten. Denn die Madrigale und Concerti Claudio Monteverdis, die das Ensemble La Venexiana für das Konzert im Rahmen der Festspiele am Freitagabend zu einem abwechslungsreichen Pasticcio unter dem Motto «Omnia vincit amor» («Über alles siegt die Liebe») zusammengestellt hat, leben vom Wort, von der tief empfundenen, zu Herzen gehenden Textgestaltung.

Zwar sind mit dem Sopran-Duett «Pulchra es» und dem Tenorsolo «Nigra sum» auch zwei viel gesungene Nummern aus der «Vespro della Beata Vergine», der «Marienvesper» von 1610 im Programm, ausserdem einige der bekanntesten weltlichen Stücke Monteverdis. Doch angesichts der Fülle von neun Madrigalbüchern, die zwischen 1587 und 1651 erschienen sind – das letzte davon erst nach dem Tod des Komponisten –, gibt es auch vieles zu entdecken. Und da Emanuela Galli, Vittoria Giacobazzi, Marta Fumagalli, Alessio Tosi und Salvo Vitale sängerisch farb- und facettenreich gestalten, ist es schade um jeden Satz, den man nicht wenigstens verstohlen auch noch mitlesen kann. Das gedruckte Programm, ein durchaus gehaltvolles für sämtliche Veranstaltungen der Festspiele, mit Einführungen und Interviews, führt lediglich die Titel an – und ihre Quelle.

Vielsaitig begleitet auf Harfe, Cembalo, Erzlaute und Theorbe

Die Affekte freilich lassen sich auch ohne vertiefte Italienischkenntnisse und ohne Einbettung in ein plastisch inszeniertes Drama klar erkennen und nachempfinden: Meist genügen wirklich die ersten Worte. Sie stürzen in ein Wechselbad von Schmerz und Wonne, Sehnen, Trauer, Tändelei. Schon im ersten Stück «Di far sempre gioire» gibt es kein langes, bedächtiges Verweilen: Es lüftet einen unsichtbaren Vorhang, gibt den fünf Sängerinnen und Sängern in komprimierter Kürze Gelegenheit, sich solistisch und als Quintett vorzustellen. Seit Jahren gehört La Venexiana zu den führenden Ensembles für italienische Barockmusik um 1600; schon einmal waren sie bei den St.Galler Festspielen zu Gast. Entsprechend gut besetzt war die Laurenzenkirche am Freitag.

Begleitet und getragen werden die Sängerinnen und Sänger von Harfe, Erzlaute, Theorbe und Cembalo (Chiara Granata, Franco Pavan, Lorenzo Feder, Gabriele Palomba); in den geistlichen Nummern wechselt Lorenzo Feder ans Orgelpositiv. Kaum etwas gibt hier einen untergründigen Groove, wie man es von späterer Barockmusik kennt. Dabei gibt es auch bei Monteverdi Sätze mit einem jazzartigen «Walking Bass» oder einem Lamento-Motiv in tiefer Lage.

Spiel mit Dissonanzen und starker Expressivität

Das solide, schön timbrierte Bassfundament bildet Salvo Vitale, ruhig strömend oder locker beweglich wie die hohen Stimmen – aus denen die Sopranistin Emanuela Galli, eine Sängerin mit jahrzehntelanger Praxis im frühbarocken italienischen Repertoire, zuweilen etwas schneidend hervorsticht. Als Einzige im Ensemble lotet sie expressive Grenzen aus, die in den Madrigalen durchaus angelegt und erwünscht sind; gerade für seine Radikalität im Ausdruck, für seine dissonanten Kühnheiten und jähen Wechsel von Dur nach Moll und zurück wurde Monteverdi seinerzeit angegriffen – aber auch bewundert.

Schalk und komödiantische Spielfreude, aber auch sanften tenoralen Schmelz bringt Alessio Tosi ein, etwa in «Bel pastor», einer verspielten Schäferszene. Doch sein Geraschel mit den lose in der Mappe flatternden Noten dürfte die Aufnahmetechniker von Radio SRF 2 noch eine Weile beschäftigen. Dass früher oder später alle Blätter verstreut um den Taufstein liegen würden, war fast schon abzusehen. Ja, auch über eine wenig schludrige Vorbereitung siegt letztlich die Liebe: zu geschmeidig-virtuosen Stimmen und einem Repertoire, mit dem die Geschichte der Oper beginnt.