Freipass #81
«Ich habe mit tausendjährigen Dokumenten gearbeitet»: Der St.Galler Autor und Historiker Rafael Wagner im Fragebogen

Jede Woche spielen wir Ostschweizer Kulturschaffenden den Ball zu und fragen: Was lernen Sie gerade neu? Worauf freuen Sie sich? Heute mit dem Mediävisten und Autor Rafael Wagner. Er hat zwei historische Abenteuerromane veröffentlicht, die im Bodenseeraum angesiedelt sind. Am 18. Januar liest er in St.Gallen.

Christina Genova
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Rafael Wagner füllt als Autor die Lücken der historischen Überlieferung mit Fantasie.

Rafael Wagner füllt als Autor die Lücken der historischen Überlieferung mit Fantasie.

Bild: PD

Der Mediävist und Autor Rafael Wagner ist in Rheineck und in Buechen bei Staad aufgewachsen. Heute lebt er mit seiner Familie im Kanton Aargau. Rafael Wagner studierte in Frankfurt am Main Geschichte, Archäologie und Ältere deutsche Literaturwissenschaften. Anschliessend arbeitete er an der Universität Basel, im Stiftsarchiv St.Gallen sowie für einen Wissenschaftsverlag in Zürich. Heute ist er als Redaktor des Historischen Lexikons der Schweiz in Bern tätig.

2021 erschien beim Gmeiner-Verlag Rafael Wagners historischer Roman «Flucht durch Schwaben», der erste Band der «Marcus von Arbona»-Reihe. Sie ist im frühmittelalterlichen Bodenseeraum angesiedelt und basiert auf Rafael Wagners Dissertation. Im vergangenen Herbst hat Wagner den zweiten Band «Das Erbe der thebäischen Legion» bei Books on Demand veröffentlicht. Darin begibt sich Marcus von Arbonia, ein junger Krieger vom Bodensee, auf die Spuren der sagenumwobenen thebäischen Legion. Am 18. Januar liest Rafael Wagner in St.Gallen und erzählt von der Entstehung der Romanreihe.

Was lernen Sie gerade neu?

Rafael Wagner: Ich mache mich im Moment mit der Kleidung und Technik des viktorianischen Zeitalters vertraut und versuche unter anderem, die Funktionsweise von Dampfautos zu verstehen. Als Mediävist wollte ich mich eigentlich auf historische Romane fokussieren, die im frühen Mittelalter angesiedelt sind, doch habe ich mich inzwischen auch schon in das eine oder andere Fantasyprojekt hineinmanövriert – so aktuell in eine Geschichte im fantastischen Steampunkuniversum. Das Wissen um die vorantreibende Macht von Dampfmaschinen und die Vorstellung, dass ohne die Erfindung des Verbrennungsmotors Dampfautos noch im 20. Jahrhundert das vorherrschende Fortbewegungsmittel gewesen wären, fasziniert mich sehr.

Rafael Wagner: Das Erbe der thebäischen Legion. Books on Demand 2022, 412 S., Fr. 17.–

Rafael Wagner: Das Erbe der thebäischen Legion. Books on Demand 2022, 412 S., Fr. 17.–

Bild: PD

Was haben Sie zuletzt für sich entdeckt?

Für das Autorendasein neu entdeckt – oder wohl eher lange Zeit etwas unterschätzt – habe ich die sozialen Medien. Überhaupt erfordert es Überwindung, mit einem Hobby an die Öffentlichkeit zu gehen. Durch Kanäle wie Instagram, die ich ursprünglich eigentlich nur als zusätzliche Werbemöglichkeit betrachtet habe, bin ich inzwischen in eine vielschichtige Community aus Autoren und Bloggerinnen geraten, die sich gegenseitig unterstützt, berät und sich bei Bedarf Mut zuspricht. So bin ich beispielsweise auf die St.Galler Buchmesse Fantastica aufmerksam geworden und auch den passenden Grafikdesigner für das Cover meines aktuellen Romans konnte ich auf diesem Weg finden.

Was hat Sie in den letzten Monaten am meisten beschäftigt?

Ehrlicherweise muss ich sagen, dass es meine dauerkranken Kinder sind, die meine Frau und mich seit unserer Coronainfektion im letzten Sommer auf Trab halten. Abgesehen davon war es aber mein bewusster Schritt zum Selfpublisher, der sich als äusserst zeitintensiv und spannend zugleich herausgestellt hat. Dass ich mich vom Lektorat über den Buchsatz und die Werbung um alles allein kümmern musste und durfte, hat mir ganz neue Möglichkeiten und auch Entscheidungsfreiheiten aufgezeigt. Die Lernkurve war selten steiler.

Vervollständigen Sie den Satz: Wenn ich nicht Autor geworden wäre, wäre ich heute ...

Schreiner. Zumindest wäre das die Lösung gewesen, wenn ich die Aufnahmeprüfung für die Kantonsschule in Heerbrugg damals nicht bestanden hätte. Das Arbeiten mit Holz fühlte sich schon immer sehr erfüllend an, wenn auch nicht so sehr wie das Schreiben. Zum Glück hat dann doch alles genau so geklappt, wie ich es mir gewünscht hatte. Durch mein Studium war es möglich, mir neben dem Schreiben auch noch alle anderen Jugendträume zu erfüllen: Ich wollte immer Historiker oder Archäologe werden und konnte beides studieren. Ich durfte sowohl mit über tausendjährigen Dokumenten arbeiten als auch in römischen Militärlagern graben.

Mit wem würden Sie gerne einmal zusammenarbeiten und warum?

Mit dem englischen Schriftsteller Bernard Cornwell. Er hat aus der Not eine Tugend gemacht, indem er als Brite in den USA wegen fehlender Arbeitsbewilligung mit dem Bücherschreiben begann. Mit seinen unzähligen historischen Romanen ist er nicht nur sehr erfolgreich und bekannt geworden, er schafft es auch, selbst ein junges Publikum für unsere Vergangenheit zu begeistern. Historische Romane haben einst auch mich zum Geschichtsstudium bewogen und es wäre natürlich eine besondere Freude, wenn meine Romane einmal dieselbe Wirkung auf die eine oder andere Person hätten.

Worauf freuen Sie sich?

Auf die nächste Schreibsession. Wenn immer sich mir die Möglichkeit zum Schreiben bietet, dauert es nicht lange, und ich tauche vollends in eine neue Welt ein, die sich mit Bildern und selbst Geräuschen und Gerüchen vor meinem inneren Auge abspielt und darauf wartet, niedergeschrieben zu werden. Nichts bereitet mir grössere Freude, als durch eine solche Welt zu wandeln, mich immer wieder von neuen Ereignissen und Gefühlen überraschen zu lassen und all dies zu Papier zu bringen.

Hinweis

Rafael Wagner liest am 18. Januar in der Buchhandlung Rösslitor in St.Gallen. Einlass 19.30 Uhr, Beginn 20 Uhr. Keine Voranmeldung nötig.