Freipass #67
«Rassismus liegt mir als Thema sehr am Herzen»: Die St.Galler Mezzosopranistin Jennifer Panara im Fragebogen

Jede Woche spielen wir Ostschweizer Kulturschaffenden den Ball zu und fragen: Was lernen Sie gerade neu? Worauf freuen Sie sich? Heute mit der Mezzosopranistin Jennifer Panara, Ensemblemitglied am Theater St.Gallen. Sie freut sich auf die Premiere der Operette «Die Fledermaus» und bereitet sich bereits auf ihre nächste Rolle vor.

Bettina Kugler
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Die gebürtige Amerikanerin Jennifer Panara ist seit 2019 Mitglied im Opernensemble des Theaters St.Gallen.

Die gebürtige Amerikanerin Jennifer Panara ist seit 2019 Mitglied im Opernensemble des Theaters St.Gallen.

Bild: Fay Fox

Die Mezzosopranistin Jennifer Panara stammt aus Medford, New Jersey und studierte Gesang in Cincinnati und San Francisco. Sie ist seit der Saison 2019/2020 festes Ensemblemitglied am Theater St.Gallen und war in den vergangenen drei Jahren in zahlreichen Produktionen zu erleben, unter anderem in Charles Gounods «Faust» und Georg Friedrich Händels «Giulio Cesare in Egitto», in Missy Mazolis «Breaking the waves» und Giuseppe Verdis «La Traviata». Derzeit singt sie in Joseph Bolognes «Der anonyme Liebhaber» die Partie der Jeannette.

Ihr Stimmfach bringt es mit sich, dass Jennifer Panara häufig Hosenrollen spielt, also junge Männer verkörpert: etwa den Grafen Orlofsky in Johann Strauss' Operette «Die Fledermaus», die Ende Oktober in einer Inszenierung von Guta Rau im St.Galler Theaterprovisorium auf die Bühne kommt.

Jennifer Panara tritt aber auch als Konzertsängerin auf – zuletzt war sie Solistin im Sommerkonzert des Sinfonieorchesters St.Gallen zur Saisoneröffnung. Im Frühjahr 2022 wirkte sie mit in «Make America schräg again», einer Produktion des Westdeutschen Rundfunks Köln mit Werken von amerikanischen Komponistinnen und Komponisten, die als «Mavericks» galten – als «Spinner».

Was lernen Sie gerade neu?

Jennifer Panara: Man sagt ja so schön: «Nach der Premiere ist vor der Premiere»! Deshalb habe ich schon jetzt angefangen, meine nächste Rolle als Lisette Soer in Kris Defoorts Oper «The Time of Our Singing» einzustudieren. Dieses Stück, das in St.Gallen ab April 2023 auf dem Spielplan steht, behandelt aktuelle Themen, die mir persönlich am Herzen liegen, wie soziale Gerechtigkeit, Rassismus und Polizeigewalt, und die vom Avantgarde-Jazz beeinflusste Musik ist anders als alle anderen Opern, die ich kenne. Ausserdem lerne ich, wie wichtig es ist, mir neben der harten Arbeit auch Zeit zum Ausruhen zu nehmen. Oft braucht der Körper genau das, um schliesslich zehnmal produktiver zu sein.

Jennifer Panara (2.v.r.) als Zweite Dame in Mozarts «Zauberflöte» am Theater St.Gallen – die Produktion wird im Dezember wiederaufgenommen.

Jennifer Panara (2.v.r.) als Zweite Dame in Mozarts «Zauberflöte» am Theater St.Gallen – die Produktion wird im Dezember wiederaufgenommen.

Bild: Edyta Dufaj

Was haben Sie zuletzt für sich entdeckt?

Das Buch «Tar Baby» (auf Deutsch: «Teerbaby») von Toni Morrison. Eine gute Freundin hat mir diesen Roman geschenkt, da mir zuvor einige andere Werke der Autorin gefallen hatten. Die Geschichte handelt von einer intensiven Liebesbeziehung zwischen zwei Menschen aus verschiedenen gesellschaftlichen Schichten. Morrisons Roman hat mich dazu angeregt, einige Vorurteile und Annahmen der Gesellschaft sowie meine eigenen zu überdenken.

Aktuell singt Jennifer Panara (links) in Joseph Bolognes Oper «Der anonyme Liebhaber» am Theater St.Gallen.

Aktuell singt Jennifer Panara (links) in Joseph Bolognes Oper «Der anonyme Liebhaber» am Theater St.Gallen.

Bild: Edyta Dufaj

Was hat Sie in den letzten Monaten am meisten beschäftigt?

In letzter Zeit habe ich sehr oft über das Thema «Familie» nachgedacht: darüber, was es heisst, nach einer Kindheit, in der so viel Ungesundes herrschte, eine gewählte Familie aus blutsverwandten und nicht blutsverwandten Personen zu kultivieren. Ich habe mich jahrelang gefragt, ob es für mich jemals möglich sein könnte, eine so liebevolle Familie zu haben, wie sie andere anscheinend haben. Ich bin unglaublich dankbar für die Menschen, die ich heute an meiner Seite habe.

Vervollständigen Sie den Satz: Wenn ich nicht Sängerin geworden wäre, wäre ich heute ...

... entweder Tierärztin, oder ich hätte es mir zur Lebensaufgabe gemacht, so viele Strassenhunde wie möglich zu retten. Vielleicht ist Letzteres ja eines Tages noch möglich.

Mit wem würden Sie gerne einmal zusammenarbeiten und warum?

Ich würde sehr gerne mit Billy Porter zusammenarbeiten. Er ist nicht nur ein unglaublich talentierter Sänger, Schauspieler und eine echte Mode-Ikone – was mich noch mehr an ihm inspiriert, ist sein Engagement für gesellschaftspolitische Anliegen.

Worauf freuen Sie sich?

Ich freue mich sehr auf die Premiere der Operette «Die Fledermaus» am 29. Oktober im Theater St.Gallen. Als Prinz Orlofsky darf ich eine herrlich schräge Figur spielen – und die Musik ist ein wahrer Genuss für die Ohren. Es wird ein lustiger Theaterabend werden.

Die Fledermaus. Operette von Johann Strauss. Premiere 29.10., 19 Uhr, Theaterprovisorium «Umbau», Theater St.Gallen.