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Am Krautfestival werden Orte
mit Kunst aufgeladen

Die Stadt neu entdecken und anders erfahren? Das Kraut-Kunstfestival macht dies möglich. Für einige Stunden verwandeln sich wenig beachtete Orte im Aussenraum in künstlerische Experimentierfelder für Kunstschaffende aus dem In- und Ausland.
Andrea Portmann
Manu Luis bei der ersten Intervention des Krautfestivals am Luzerner Bundesplatz. (Bild: PD/Sabina Oehninger)

Manu Luis bei der ersten Intervention des Krautfestivals am Luzerner Bundesplatz. (Bild: PD/Sabina Oehninger)

Unorte, «terrain vagues», Durchgangsorte, Übergangsorte, Orte an Randzonen, Orte, denen man im Alltag wenig Beachtung schenkt. Sie alle tragen ein schlummerndes Potenzial in sich, ein Versprechen, eine Stimmung des «noch nicht», des «vielleicht». Das Kuratorenteam des Kraut-Festivals, bestehend aus den Künstlern Reto Leuthold, Paul Lipp, Esther Leupi und der Architektin Alice Busani, aktiviert mit den eingeladenen Kunstschaffenden insgesamt sechs solcher Orte.

Das erste «Kraut» nistet sich am 19. Juli auf der Verkehrsinsel um das WC-Häuschen beim Bundesplatz ein. An der Fassade hängen Porträts seltsamer, an Moos erinnernde Gebilde, auf weissem, mit einem Bleistiftraster überzogenen Grund. Geheimnisvolle Malereien des in Basel lebenden Künstlers Daniel Karrer. Ähnlich wie das WC-Häuschen wirken die dargestellten Objekte, als wären sie aus Zeit und Raum gefallen und jemand hätte versucht, sie einzufangen. Fragil und exponiert wirken diese Malereien auf Holz, umso mehr, weil man sich gewohnt ist, dass diese Art von Kunst im geschützten Raum von Kunstinstitutionen hängt.

Er klimpert und hüpft herum

Auf dem Vorplatz unter den Linden macht eine mit schwarz-weissen Schriftplakaten versehene Kultursäule auf sich aufmerksam: «Stadtteil. Mitte. Bauliche Unterhaltsarbeiten. Moosstrasse: diverse Schlaglöcher mit bituminösen Kaltmischgut gestopft und verdichtet. 26. 6. 2018, 27. 6. 2018 – Joaquin, Werner.» Absurde Poesie? Ein Protokoll eines pedan­tischen Dokumentaristen? Das Kollektiv Michael Meier & Christoph Franz macht in dieser Intervention städtebauliche Veränderungen lesbar, unmittelbar in der Zone, die es betrifft, und produziert dabei in trockener, knapp gehaltener Sprache spröde Städtebaupoesie.

Und dann kommt er. Manu Luis, ein in Berlin lebender belgischer Musiker, Performer, DJ. Er stellt sich an sein kleines, mit einem roten Karotuch behängtes Tischchen. Mit knallender Wucht collagiert er wild Synthie, exotische Klänge, Gesang, Rap, Eurodance, Bling Bling, an klassische Musik erinnernde Passagen.

Er klimpert auf seinem Keyboard, hüpft und gestikuliert, und das alles in einer Intensität und Begeisterung, die den Raum (und einige Beine) zum Vibrieren bringt, den kreisenden Verkehr sich verlangsamen, Passanten ihren Schritt verlangsamen lässt, Velofahrer zum Stehenbleiben bewegt – neugierige Blicke von rundherum, und es geschieht etwas Unerwartetes: Die Verkehrsinsel öffnet sich, wird zu einem grösseren, pulsierenden Raum. Nach dem Einnehmen dieses ersten «Krautes» fühlt man sich (vor allem wegen der musikalischen Performance) belebt, und es wird eindrücklich bewusst, was an einem solchen Ort in der Stadt alles möglich wäre (Stichwort: Café).

Ein Springbrunnen erhebt sich plötzlich

Das zweite «Kraut» taucht an einem Übergangsort auf. In der Passage, die über eine Treppe den Löwengraben mit der Rössligasse verbindet. Hier hält man sich normalerweise nicht auf, man passiert. Doch heute, an diesem schwül heissen Dienstagabend, ist es anders. Etwas passiert hier. Man hört ein Plätschern. In der Mitte des Ortes erhebt sich ein kleiner Springbrunnen. Eine Düse ragt aus dem Boden und lässt in acht filigranen Fontänen lustig Wasser in durchsichtige runde Behältnisse tanzen. Auf dem Boden entstehen kleinere und grössere Lachen. Der Ort verwandelt sich in einen lauschigen Innenhof – eine indische Familie kommt die Treppe herunter, der kleinste Junge hüpft von Wasserfleck zu Wasserfleck, der Opa krempelt sich die Hosen hoch. Verspielt und kraftvoll zugleich ist diese Installation der in Luzern lebenden Künstlerin Katrin Keller.

An der einen Wand lässt ein poetisches Fragment ein Märchen erahnen oder eine Fabel, die hier beginnen könnte: «... und wenn der Wind kommt, winkt sie.» Durch die stimmigen poetischen und formalen Setzungen von Renata Bünter bringt sie den Ort zum Sprechen: Er zeigt sich in seinen materiellen Eigenheiten und seinen architektonischen Details. Während beide Künstlerinnen mit ihren Interventionen diesem Ort einen neuen Zauber entlocken, füllt der Industrial- und Noise-Komponist Samuel Savenberg aka SSSS den Raum während rund 30 Minuten mit seinen massiven Klängen und Geräuschen und macht auch das Unheimliche und Bedrohliche, das Übergangsorte eigen ist, auf eindringliche Weise erfahrbar. Ein vorbeispazierender Anwohner meint sogar, das sei doch keine Musik, das klinge teuflisch. Ja, wenn das kein Kompliment ist.

Weitere Krautfestival-Interventionen finden noch bis am 17. August statt. Infos: www.kraut.li

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