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Luzerner Künstlerpaar in Ungarn: Orbans langer Schatten fällt bis ins 500-Seelen-Dorf

Das Luzerner Künstlerpaar Gabor Fekete (64) und Monika Sigrist (52) hat Ungarn vor den Parlamentswahlen Anfang Jahr mit einem Wohnmobil bereist. Über Bürgerwehren und schräge Gestalten aus der Provinz.
Interview: Julia Stephan
Monika Sigrist und Gabor Fekete vor der von ihnen gestalteten Bretterwand vorm Hotel Palace in Luzern. (Bild: Dominik Wunderli (Luzern, 12. Dezember 2018))

Monika Sigrist und Gabor Fekete vor der von ihnen gestalteten Bretterwand vorm Hotel Palace in Luzern. (Bild: Dominik Wunderli (Luzern, 12. Dezember 2018))

Gabor Fekete und Monika Sigrist, Sie sind Anfang Jahr für zwei Monate durch Ungarn gereist. Ich selbst habe das ländliche Ungarn so in Erinnerung: leere, aufgeräumte Dörfer mit mehr bellenden Hunden als Menschen und viele Kilometer Gartenzäune. Was war Ihr Eindruck?

Monika Sigrist: Viele Häuser stehen leer, die Jungen sind abgewandert. Und man steht als Fremder unter starker Beobachtung. Deshalb haben wir uns für unser Kunstprojekt, für das wir alle 19 Komitate – so heissen die ungarischen «Kantone» – mit einem Wohnmobil bereisen wollten, immer zuerst beim Bürgermeister angemeldet. Wir brauchten eine Legitimation, um schneller mit den Menschen in Kontakt zu kommen. Am Anfang taten wir das telefonisch. Doch das war ein Fehler.

Warum?

Sigrist: Man sagte uns: «Ihr braucht gar nicht zu kommen.» Also gingen wir einfach hin. Am Ende waren die Leute geschmeichelt. Man hat uns problemlos Gesprächspartner vermittelt.

Gabor Fekete: Das Land stand damals kurz vor den Parlamentswahlen. Wir wollten die Stimmung im Land aus der direkten Begegnung mit den Menschen auffangen – mit Foto- und Filmdokumentationen.

Den Ungarn wird nachgesagt, sie sprächen nicht gerne über Politik. Wie haben Sie das Eis gebrochen?

Fekete: Ein Freund hatte uns ­diesbezüglich vorgewarnt. Und im selben Atemzug gemeint: «Lass uns lieber übers Essen reden.» Da liegt so ein Pessimismus und eine Politikverdrossenheit über diesem Land. Ich bin als 17-Jähriger aus Ungarn in die Schweiz geflüchtet. Ich fühle mich wieder an die kommunistischen Zeiten erinnert. Die Menschen haben Angst, offen zu reden.

Sigrist: Wir haben die Menschen nie direkt nach ihrer politischen Haltung gefragt. Wir wollten nur wissen: Was sind deine Wünsche? Was sind deine Ängste für die Zukunft? Die meisten hatten eine sehr vage Vorstellung von demokratischen Werten.

Fekete: Die Älteren sind einfach nur froh, wenn sie ihre kleine Rente behalten dürfen. Kaum ein Pensionär in der Schweiz würde sagen, er habe keine Erwartungen mehr ans Leben. Bei uns geht man im Alter noch Ski fahren. In Ungarn hingegen vermisst man den Respekt und einen sozialen Schutzraum wie die Kirche.

Stehen die Zäune für ein weggebrochenes Gemeinschaftsgefühl?

Sigrist: Vieles basierte früher auf Freiwilligenarbeit. Man half sich aus. Heute zwingt Orbans Fidesz-Partei Arbeitslose zur Mitarbeit. Sonst streicht man ihnen die ­Sozialhilfe.

Bei uns geht man im Alter noch Ski fahren. In Ungarn hingegen vermisst man den Respekt und einen sozialen Schutzraum wie die Kirche.
Gabor Fekete, Illustrator und Fotograf

Haben Sie das Heimatdorf Felcsut des Ministerpräsidenten Viktor Orban besucht?

Fekete: Wir waren nah dran. Durch das 1800-Seelen-Dorf geht eine von der EU finanzierte Zugstrecke mit mehreren Haltestellen, die niemand nutzt. Der lokale Fussballverein besitzt ein Stadion für rund 4000 Zuschauer, in dem sich die ungarische Oligarchie trifft. Viel spannender war aber ein kleineres Dorf nebenan.

Warum?

Sigrist: Dort kamen wir mit einem Feuerwehrmann und Orban-Gegner in Kontakt. Er erzählte, dass der öffentliche Verkehr nicht gut ausgebaut sei und sie ihre Kinder mit dem Auto zur Schule fahren müssen. Als wir auf dem Heimweg Fotos machten, hielt ein ­Wagen neben uns. Der Fahrer, von mächtiger Statur, war Mitglied einer Bürgerwehr. Er meinte: «Sie können nur fotografieren, wenn ich Ihnen das erlaube.»

Fekete: Ich wagte eine Charmeoffensive und sagte: «Wie wunderbar, dass Sie meine Frau und mich beschützen.» Da war er sofort besänftigt. «Bei uns gibt es keine Probleme», meinte er. «Keine Zigeuner, keine Schwulen, keine Juden.» Der Mann war Faschist von Kopf bis Fuss. Er hat uns in seinem Wagen mitgenommen. Die Abwehrhaltung kippte in Gastfreundschaft.

Haben Sie ihn fotografiert?

Sigrist: Ja, es ist eines unserer besten Porträts geworden. Später bot er uns ein Haus zum Kauf an.

Wie liess sich diese Angst vor Überfremdung in Sujets fassen?

Fekete: Wir kamen schnell auf das Bild des Zauns, das wir auch in der Ausstellung im Akku Emmen als Motiv verwendet haben. Wir haben ein Foto des gefrorenen Plattensees auf Holz geplottet, daraus Bretter sägen lassen und einen Zaun gebaut. Mit einem Bewegungsmelder wurde Hundegebell ausgelöst. Die Besucher sollten sich erschrecken, so wie es uns in den Dörfern oft passierte. Denn selbst diese idyllische Szene ist ein potemkinsches Dorf.

Kamen Sie öfters in brenzlige Situationen?

Sigrist: Einmal besuchten wir das Privathaus eines Bürgermeisters, das mit 18 Überwachungsbildschirmen ausgestattet war. Der Mann hatte unser Wohnmobil und seine Schaf- und Rinderherden jederzeit im Blick. Wir baten ihn um ein Interview, wollten ihn vor seinem Haus fotografieren. Seine Sekretärin fragte: «Welches Haus soll es denn sein?»

Sigrist: Als wir Fragen zu stellen begannen, sagte er plötzlich, jetzt sei Schluss. Wir mussten einen Abgang machen.

Was konnten Sie über ihn in Erfahrung bringen?

Sigrist: Ihm gehört nicht nur der halbe Ort, sondern auch der umliegende Wald. Dort gehen Touristen aus Westeuropa gegen viel Geld auf die Jagd.

Fekete: Ich entschuldigte mich bei ihm, dass unser Wohnmobil so dreckig sei wegen der Schlaglöcher. Worauf er meinte: «Wird alles repariert, wir warten nur noch auf das Geld.» Offener kann man Korruption kaum leben.

Sigrist: Wir haben schon sehr schräge Typen angetroffen. Einer führte ein Hotel, das sich dem Motto «Gross-Ungarn» verschrieben hatte. Die Strasse zum Hotel hiess «Der Weg der Helden». In den Zimmern hingen und lagen Karten, Fahnen und Kostüme aus Zeiten der Monarchie.

Was steckt hinter dieser Monarchie-Versessenheit?

Sigrist: Sehr viel von dem, was wir nicht verstehen, hat mit dieser Vergangenheit zu tun. Etwa die besondere Beziehung der Ungarn zu ihren Herrschern. Orban inszeniert sich ja selbst als Königsherrscher. Kürzlich hat er angekündigt, er wolle in den Budapester Königspalast einziehen. Man dachte lange, das sei ein Witz. Nicht einmal die Kommunisten hatten sich das getraut.

Auffällig ist, dass man Orbans Konterfei im Gegensatz zu anderen Autokraten in der Öffentlichkeit kaum sieht – auch nicht auf einer Tasse des zum Parlament gehörigen Shops. Ist diese Unsichtbarkeit eine Strategie, die in Ihren Foto- und Videoarbeiten aufscheint?

Fekete: Ja, sein Gesicht setzt er nur spärlich ein. Andererseits scheint er keine Angst zu haben, sich als reale Person unters Volk zu mischen. Wir haben ihn am Nationalfeiertag am 15. März aus nächster Nähe seine Rede proben sehen. Er war kaum abgeschottet, wir konnten ihn sogar dabei filmen. In alten Dokumentarfilmen inszeniert er sich als Gastgeber und liebender Familienvater. Das war vor acht Jahren. Heute sitzen seine Kinder auf guten Posten und sind steinreich.

Wurden Sie selbst schon Opfer der Zensur?

Fekete: Orban hatte mich als Auslands-Ungar brieflich ermutigt, wählen zu gehen. Also habe ich mich im Internet als Wähler registriert. Doch eine ­Bestätigung blieb aus. Im Büro meines Wahlbezirks beruhigte man mich: Es sei alles in Ordnung. Als die Wahlunterlagen nicht eintrafen, erkundigte ich mich auf der ungarischen Botschaft in Bern. Dort meinte eine Mitarbeiterin, ich solle mich am Wahltag bei ihr melden, sollte etwas schiefgehen. Als ich meine Stimme abgeben wollte, sagte man mir: «Sie stehen nicht auf der Liste.» Ich verlangte die Mitarbeiterin, doch die war in Argentinien. Auf dem Nachhauseweg hörte ich im Oppositions-Radio von ähnlichen Fällen wie dem meinen. Ich habe dem Radio spontan meine Geschichte erzählt.

Besteht eine Chance, dass Ihr Projekt jemals in Ungarn gezeigt wird?

Sigrist: Gegenüber künstlerischen Projekten sind die Ungarn aufgeschlossen. Der Werkbeitrag des Kantons Luzern wird uns ermöglichen, nach Ausstellungsorten zu suchen. Unsere Arbeit ist ja keine mit dem moralischen Zeigefinger auftretende Oppositionsschrift, sondern es geht darum zu verstehen, was in Ungarn passiert und um einen Aussenblick auf dieses Land.

Fühlt sich die ungarische Kulturszene in Ihrer Arbeit behindert?

Fekete: Der im letzten Jahr verstorbene Essayist, Journalist und Schriftsteller Mihály Dés, mit dem ich einen Fotoband gemacht habe, war einer der grossen Oppositionellen Ungarns. Er sagte immer: «Es ist mir egal, wie die über mich denken. Ich schreibe so lange, bis man mich einkerkert.» Nicht alle trauen sich das heute noch. Und mit dem Wegzug der Soros-Universität wird das Land viele seiner Intellektuellen verlieren.

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