Oratorienchor St.Gallen feiert Jubiläum: «Chöre erhalten die kulturelle Landschaft»

400 Jahre Oratorienchor St.Gallen: Der Chor hat eine opulente Festschrift herausgegeben. Statt einer einfachen Chorchronik ist ein spannendes St.Galler Musikgeschichtsbuch entstanden.

Martin Preisser
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Spannende Musikgeschichte: die Oratorienchor-Chronik.

Spannende Musikgeschichte: die Oratorienchor-Chronik.

Bilder: Martin Preisser

Chorchroniken, Festschriften zu Jubiläen lesen sich oft etwas trocken und sind meist nur für Eingeweihte interessant. Da geht der Oratorienchor St.Gallen ganz andere Wege. Das neue Buch «Aussergewöhnlich – lebendig – verankert» zeichnet nicht nur 400 Jahre Chorgeschichte nach (womit der Chor der älteste der Schweiz ist).

Es ist, verfasst von vierzehn Autorinnen und Autoren, auch und vor allem ein Buch über ein wichtiges Stück St.Galler Kultur- und Sozialgeschichte. Aufgeteilt in überraschende Themen und Zugänge ist es zu einem kurzweiligen Buch geworden, bei dem man sich an ganz verschiedenen Stellen ein- und festlesen kann.

Der Chor war immer am Puls der Zeit

Der heutige Dirigent Uwe Münch bringt es auf den Punkt und definiert Chöre als Metaphern der Gesellschaft: «Der anspruchsvoll musizierende Laienchor ist eine nachhaltige Hilfe zum Erhalt der kulturellen Landschaft.»

Das siebte Kapitel des opulent aufgemachten Buchs zeigt einen Zeitstrahl, der die Musikgeschichte und die Geschichte des Oratorienchors übereinander stellt. Das macht Lust aufs Vergleichen und Entdecken. Etwa, dass der Oratorienchor 1845 nur neun Jahre nach der Uraufführung in St.Gallen erstmals Mendelssohns «Paulus» aufgeführt hat. Heisst: Man war auch im 19. Jahrhundert am Puls der Zeit. Und 1816 war der Chor mit Haydns «Schöpfung» und den «Jahreszeiten» topaktuell.

400 Jahre Oratorienchor: Der Eintrag ins Ehrenbuch des Chores.

400 Jahre Oratorienchor: Der Eintrag ins Ehrenbuch des Chores.

Auch um moderne Musik hat der Oratorienchor in den letzten Jahrzehnten keinen Bogen gemacht. Eduard Meier, der den Chor bis 2009 dirigierte, hat 37 Palmsonntagskonzerte verantwortet, bei einem Drittel dieser Konzerte stand Musik des 20. Jahrhunderts auf dem Programm. «Die Offenheit für Zeitgenössisches ist enorm», freut sich der heutige Dirigent Uwe Münch.

«Chorsingen ist Balsam für die Seele»

Chorsingen ist nicht eine Nische, sondern ein Stück lebendiger kultureller Gesellschaft in einer Stadt. Und Chorsingen tut gut. «Singen ist Balsam für meine Seele», schreibt ein Chormitglied über die Motivation, jedes Jahr ein anspruchsvolles geistliches Werk einzustudieren. «Gegensätzlich zu den vielen Denkprozessen des Alltags geht es beim Singen um Sensitivität, Meditation und Kontemplation», schreibt ein anderes Oratorienchormitglied. Der Chor, der 1620 von acht Gymnasiasten als Collegium musicum gegründet wurde, hat eine wechselvolle Geschichte, auch mit vielen Fusionen, hinter sich. Überrascht ist man als Leser, wie viele historische Zeugnisse es im Stadtarchiv gibt. Und wie viele Gegenstände aus der Chorgeschichte im Historischen Museum aufbewahrt sind. Das Buch zeigt sie in ganzer Fülle.

Der auch grafisch schön gemachte Band macht neugierig auf Musikgeschichte, aber auch auf die politischen und gesellschaftlichen Bedingungen in einer Stadt. Heikle Themen wie Nachwuchssorgen oder die Probendisziplin werden genauso historisch beleuchtet wie die Geschichte der Frauen im Chorgesang oder ihre Rolle im Chor oder Chorvorstand.

Wie entsteht eine Auftragskomposition?

1896 hat der Oratorienchor das «Deutsche Requiem» von Brahms erstmals aufgeführt. Heute zählt es neben der Johannes- und der Matthäuspassion von Bach zu den meistaufgeführten Werken dieses Chores. Auch beim Jubiläumskonzert am 4. und 5. April steht es auf dem Programm. Dazu ein Werk der Moderne aus der Feder eines St.Galler Komponisten, Alfons K. Zwicker. Er hat zwei Gedichte von Nelly Sachs vertont und schreibt in einem interessanten Kapitel des Jubiläumsbuches über den Entstehungsprozess dieser Auftragskomposition, die auch einen Kinder- und Jugendchor miteinbezieht.

Tradition und fester Kanon grosser geistlicher Werke, aber auch der Blick auf die aktuelle Zeit und ihr Musikgeschehen: Auf diesen Pfeilern ist der Chor aufgebaut, und von dort will er auch in die Zukunft schauen.

Das Buch ist im Buchhandel oder beim Oratorienchor erhältlich. www.oratorienchorsg.ch

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