OPERNPREMIERE: Ausgestellte Machtgier

Wie im Museum wirkt «Nabucco» in der Inszenierung des Spaniers Emilio Sagi am Theater St. Gallen. Viel Applaus gab es am Samstag für das Verdi-Début von Kapellmeister Hermes Helfricht.

Bettina Kugler
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Ein grosser Thron für einen übergrossen Ehrgeiz: Abigaille (Raffaella Angeletti) übernimmt die Macht. (Bild: Tanja Dorendorf/Theater St. Gallen)

Ein grosser Thron für einen übergrossen Ehrgeiz: Abigaille (Raffaella Angeletti) übernimmt die Macht. (Bild: Tanja Dorendorf/Theater St. Gallen)

Bettina Kugler

bettina.kugler@tagblatt.ch

Elementare Kräfte walten in dieser Oper wie in kaum einer anderen: Verdi lässt es mächtig krachen in «Nabucco». Wo immer möglich – und das ist oft; der Stoff aus dem Alten Testament über die babylonische Gefangenschaft des Volkes Israel fordert archaische Wucht – steht in der Partitur fortissimo. Blitze durchzucken das Libretto; dabei entladen sich heftige Leidenschaften. Wenn Nabucco, grössenwahnsinnig geworden, sich zum Gott ausruft, funkt es im Palast von Babylon, dass der Putz von der Decke bröckelt. Den irren, machtversessenen Blick freilich hat er lange vorher schon, und der Blitz Gottes ist nur einer von vielen in zwei musikalisch dichten Stunden. Zudem eher harmloser, als nähme Jahwe Rücksicht auf den Spielbetrieb eines modernen Dreispartenhauses: Nur nichts kaputtmachen, die Oper soll ja noch ein paarmal über die Bühne gehen.

Die Inszenierung geht auf Distanz

Fünfzehn Jahre sind am Theater St. Gallen seit dem letzten «Nabucco» vergangen; der neue ist eine Koproduktion mit der Opera de Ovieto. Ein spanisches Regieteam unter Emilio Sagi, Filmregisseur und Spezialist für Zarzuelas, zeichnet verantwortlich für die auf den ersten Blick eher kühle, vom Bibelschinkenkitsch entrümpelte Inszenierung. Die dann freilich doch nicht ganz verzichten mag auf üppige Insignien der Macht: goldverzierte Vorhänge, güldene Götzenbilder, einschüchternde Gewänder am Hof Nabuccos (Bühne: Luis Antonio Suárez, Kostüme: Pepa Ojanguren). Dabei wähnt man sich während der Ouvertüre und im ersten Teil eher in einem Museum für Religionsgeschichte, das an den Liebeskind-Bau in Berlin erinnert. Hinter einem transparenten roten Vorhang sieht man die Hebräer umherstreifen wie Touristen. Aus dem Schnürboden hängen riesige Bahnen mit der heiligen Schrift. Die Zerstörung ihres Tempels, das Exil in Babylon scheint Teil der Erinnerungskultur geworden zu sein. Wie ein Kurator, nicht wie ein Hohepriester tritt Zaccaria hier in Erscheinung. Dann kommt Nabucco – und mit ihm das alte, machtprotzige Spiel.

Die Leitung im Orchestergraben hat Kapellmeister Hermes Helfricht, 24 Jahre jung und blitzgescheit – was seinem Dirigat in zügigen, vorwärtsdrängenden, aber nie hektischen zwei Stunden anzumerken ist. Von Anfang an versteht er die Wucht Verdis nicht als Lärm und Wüten, sondern als Verve. Blitzschnell zeichnet das Sinfonieorchester, mit Verdis Theatralik bestens vertraut, die Wechsel zwischen knalligen Effekten und schönen, schwelgerischen Kantilenen und adelt manche Trivialität der Partitur durch liebevolle Akkuratesse.

Helfricht bringt ein Juwel zum Funkeln

Es funkelt und knistert aus dem Graben (übrigens auch auf der Bühne, da ist es der glänzende Bodenbelag). Das macht vergessen, dass die Inszenierung in ihrem musealen Ansatz gefangen bleibt und die Figuren auf der Bühne weitgehend sich selbst überlässt. Helfricht bringt derweil den Ideenreichtum der Musik zum Blühen, setzt auf präzise Rhythmik, die reizvollen Soli, die überragende Potenz des Chores (Einstudierung: Michael Vogel). Nicht auf goldenen Flügeln erscheint den Hebräern im Gefangenenchor die verlorene Heimat – sie halten sich fest am blutroten Stoff ihrer Geschichte.

Während das «Wüten, Blutvergiessen, Schimpfen, Schlagen und Morden» (so Otto Nicolai über das Libretto, das er selbst ablehnte) auf der Bühne eher clean, auf Symbole reduziert daherkommt, mindert das nicht den hohen Anspruch an die Solisten. Etwas konturenlos bleibt Demos Flemotomos als Ismaele: ein Tenor mit ansprechender, heller Stimme, der freilich wenig zu tun hat, auch darstellerisch. Susanne Gritschneder ist Nabuccos Tochter Fenena, mit grosser Stimme, zuweilen etwas scharf im Timbre. Die Liebe ihrer Halbschwester Abigaille geht zielstrebig auf Macht. Raffaella Angeletti setzt sich der Raserei, dem dramatischen Auf und Ab der Partie mit jeder Faser aus; erschütternd einsam wirkt sie auf der Bühne. Während Tariq Nazmi mit profundem, in allen Lagen farbenreichem Bass grandios als Zaccaria debütiert (und dank seiner Statur die Szene dominiert), hat der Sizilianer Damiano Salerno schon reichlich Erfahrung mit Verdi. Er gibt einen stimmlich wandlungsfähigen, unberechenbaren Nabucco. Der grosse Applaus galt aber vor allem dem jugendlichen Helden am Dirigentenpult.