Opernhaus Zürich
«Macht interessiert mich nicht»: Die Modernität Antonio Foglianis passt ins 21. Jahrhundert

Der italienische Dirigent hat seiner Heimat den Rücken gekehrt und macht im Norden Karriere. Er spricht über seine Privilegien als Dirigent und darüber, wie man gute Musik macht.

Christian Berzins
Merken
Drucken
Teilen
Redet Antonino Fogliani über die Klassikwelt, merkt man, wie modern dieser Dirigent ist.

Redet Antonino Fogliani über die Klassikwelt, merkt man, wie modern dieser Dirigent ist.

Pietro Rocchetta Casadio

Antonino Fogliani hat in der Karriereplanung alles falsch gemacht. Er setze auf die Karte «Oper» und spezialisierte sich zudem auf Rossini, Donizetti und Bellini. Das ist so, wie wenn jemand mit dem Fachgebiet «Porzellan» Kulturjournalist wird und danach Chefredaktor werden will. Darauf angesprochen, sagt der bald 45-jährige Italiener: «Ich bin stolz darauf!», und fügt an:

«Es war der schwierigste Weg, aber jetzt sehe ich: Es war der richtige.»

«Jetzt» nämlich hat er es geschafft, endlich haben die grossen Opernhäuser gemerkt, welch sanft-dramatische Grossartigkeiten er in den Werken sieht und wie er sie aus dem Orchestergraben zaubert. Fogliani dirigiert in London, München und Zürich Opern – und bleibt sich glücklicherweise treu. «Ich kann meine Vergangenheit nicht ändern – und werde mich wohl auch nicht ändern.»

Es geht darum, der Musik Gutes zu tun

Redet er über die Klassikwelt, merkt man, wie modern dieser Dirigent ist, wie sehr er ins 21. Jahrhundert passt. «Wir Dirigenten haben so viele Privilegien, es schien gar, wir ständen über den anderen Musikern. Und da gibt es tatsächlich Dirigenten, die in die Macht verliebt sind. Mich interessiert sie nicht. Mache ich Musik, gefällt es mir, meine Macht ohne Gewalt zu gebrauchen: Wenn ich mit einer Armbewegung erreiche, dass ein Orchester jenen Klang erschafft, den ich will, habe ich alles erreicht. Es geht darum, der Musik Gutes zu tun.»

Youtube

Er weiss, dass sein Denken einige Karriereschritte verlangsamt hat. Es erstaunt auch nicht, dass er noch keine grosse Chefdirigenten-Position innehat. Bereit dazu wäre er, zu gerne würde er endlich selbst bestimmen, welche Sänger und Sängerinnen vor ihm auf der Bühne stehen. Doch an den prestigeträchtigen Bühnen wie etwa in Zürich entscheidet der Operndirektor. «Es gilt, Hierarchien zu akzeptieren», so Fogliani nüchtern.

Doch in eben jenem Zürich steht nun Jacques Offenbachs «Les Contes d’Hoffmann» an, live wird die Aufführung am 11. April gestreamt. Eine spektakuläre Oper, die immer für Aufsehen sorgt, da der Tenor darin glänzen kann und muss, da alle drei Frauenfiguren faszinieren und der Regisseur seiner Fantasie freien Lauf lassen kann.

Kaum sich vor dem Haupteingang des Opernhauses begrüsst, schwärmt Fogliani auch schon über den Tenor, mit dem er in Zürich arbeiten darf: «Stupendo! Ich liebe es, mit einem Musiker wie Saimir Pirgu zu arbeiten.» Da wir über seinen Scherz lachen, fügt er sich entschuldigend an: «Musiker und Tenor sind nun mal nicht immer das Gleiche.»

Wie macht man ganz allgemein gute Musik?

Leider wird Fogliani nicht im Orchestergraben stehen, sondern wegen Covid-19-Schutzmassnahmen bloss im Probesaal: Der Klang von Chor und Orchester kommen via Glasfaser auf die Bühne. Fogliani betont, dass es nun eine zusätzliche Solidarität brauche. «Keiner kann eine Show abziehen, es gilt, miteinander Musik zu machen, sich zu helfen.» Er kann auf Erfahrung bauen, hat er doch bei den Festspielen in St. Gallen und Bregenz ähnlich agiert.

«Jeder musste dort ein wenig zurücktreten. Vielleicht waren wir uns dadurch näher als sonst.»

Einschränkungen gibt es durchaus, Fogliani aber erwähnt sie bloss nebenbei, fragt vielmehr, wie man denn eigentlich ganz allgemein gute Musik mache – und gibt die Antwort gleich selbst: «Man muss die Freiheit geniessen – eine innere Freiheit. Das heisst aber nicht, dass ich machen kann, was ich will. Ich muss immer etwas für die Musik machen, nicht für mich, nicht für mein Ego.»

Youtube

Er erwähnt die berüchtigten, ewig gehaltenen Spitzentöne der Sänger, die durchaus schön sein können. «Sobald es aber stört, ist der ganze musikalische Prozess gestört, dann ist es nur noch Egoismus.» Auch ein Dirigent, der sich wild bewegt, die schönen Haare schüttle, trage wenig zur Musik bei.

«Man sieht es heute oft, vielleicht zu oft. Man merkt sofort, wenn ein Musiker nur agiert, um zu zeigen, wie gut er ist.»

Antonino Fogliani tut das nicht und wurde wahrscheinlich deswegen auch oft unterschätzt. Ein Italiener durch und durch, der es aber hasst, wenn von seinen Kollegen falsche italienische Aufführungstraditionen, ja billige musikalische Klischees, weitergegeben werden.

«Italien ist krank und undankbar»

Kommt man auf seine Heimat zu sprechen, hört das Gegenüber Bemerkungen zwischen Zynismus und Sarkasmus. Geradeaus bekennt er: «In Italien läuft zu viel konfus. Unser Land ist krank und undankbar, Italien hat keinen Stolz mehr. Die Politik hat keine Ideen, wie mit Kultur umzugehen ist. Ich liebe Italien, aber zwischen mir und dem Land ist etwas kaputtgegangen.» Und so hat er denn keine Lust mehr, zu oft in Italien zu sein, obwohl italienische Orchester eine einzigartige Sensibilität für italienische Musik hätten – «wenn sie Lust haben», fügt er an.

Gefragt, ob es denn besser sei, wenn er sein italienisches Musikdenken in den Norden bringe, statt in Italien als Marke zu feiern, sagt er trocken: «Ich fühle mich im Norden nützlicher.» Dann erzählt er, wie er in München Donizettis «Lucia di Lammermoor» dirigierte und die Musiker ihm sagten: «Wir dachten nicht, dass diese Musik so schön ist.» Fogliani dazu:

«Ich hatte ihnen bloss gesagt: Tut so, als ob ihr Schubert spielen würdet. Und sie waren wie verwandelt.»

Die fehlende Wertschätzung gehört wohl auch dazu, obwohl er in Rom, Napoli und in der Mailänder Scala engagiert war. Bologna, wo Fogliani wohnte, hat ihn verschmäht. Er bekennt jedenfalls, dass er die Heimat vor zwei Jahren verlassen habe und nun mit Frau und Sohn in Lugano lebe. Seit den Tagen, als er erstmals in St. Gallen dirigierte, damals 2008, habe er sich in die Schweiz verliebt, schwärmt auch von Bern und Genf. Hoffentlich von Zürich, wo ab 2025 nicht nur ein neuer Intendant, sondern auch ein Opernhaus-Chefdirigent gesucht wird.

Jacques Offenbach: Les Contes d’ Hoffmann, Opernhaus Zürich, Stream ab 11.4., 19 Uhr. Ev. kann die Aufführung im Mai live gesehen werden.