Opern
Buh-Rufe zum Zürcher Opernsaisonfinale: «Lucia di Lammermoor» wäre besser abgesagt worden

Gaetano Donizettis Neuproduktion zeigt, wie ideenlos das Opernhaus Zürich zurzeit agiert.

Christian Berzins
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Blutbad in der Hochzeitsnacht: Irina Lungu buchstabiert die Primadonnen-Rolle.

Blutbad in der Hochzeitsnacht: Irina Lungu buchstabiert die Primadonnen-Rolle.

Herwig Prammer / Opernhaus

Es wäre besser gewesen, das Opernhaus Zürich hätte neben allen anderen Vorstellungen auch noch die Neuproduktion von Gaetano Donizettis «Lucia di Lammermoor» abgesagt. So hätte man überhaupt keine Kosten und Mühen mehr gehabt, die Direktion hätte sich kurzarbeitend in die Ferien verabschieden können.

Diese «Lucia» und ein paar sie umrahmenden Liliput-Produktionen täuschen nicht darüber hinweg, dass sich das Haus in dieser Saison aus der Verantwortung geschlichen hat, Zürich trotz Corona etwas zu bieten. Gerade mal vier Vorstellungen spielt man «Lucia» zu einem Einheitspreis von 230 Franken. Der Preis zeigt, dass das vom Intendanten gepriesene Motto «Oper für alle» Schalmei ist. Warum nicht eine teure und eine billige Kategorie? Kommt es bei 80 Millionen Subventionen pro Abend drauf an, ob man 23'000 oder 110'00 Franken einnimmt?

Ein Abend unter einem Unglückssternenmeer

Der Abend stand unter einem unglücklichen Stern, der zum Unglückssternenmeer wurde. «Lucia di Lammermoor» versinnbildlicht, wie unglücklich und ohne Linie an diesem Haus zurzeit gearbeitet wird. Die Sänger passen nicht zusammen, die Regisseurin nicht zu ihnen, die Dirigentin ist in die Probebühne verbannt, kann von dort nur einen farblosen Sound liefern, im Forte ist er scheppernd. Eine normale Koordination zwischen Sängern und Dirigentin ist unmöglich. Warum der Technikzauber? Längst wäre es erlaubt, im Orchestergraben zu spielen.

Die Dirigentin Speranza Scappucci (hier bei einem Konzert des Luzerner Sinfonie Orchesters im KKL Luzern).

Die Dirigentin Speranza Scappucci (hier bei einem Konzert des Luzerner Sinfonie Orchesters im KKL Luzern).

Roger Gruetter

Mit Speranza Scappucci hätte man eine Dirigentin, die es wagt, aus den (schlechten) Donizetti-Traditionen auszubrechen. Immer wieder treibt sie das Tempo an, zeigt, wie schwungvoll und pulsierend auch vermeintliche Standard-Phrasen sind. Welche Farben sie dem Orchester entlockt, kann man leider nur erahnen.

Einst war Lisetta Oropresa als Titelheldin angesagt. Aber diese Ausnahmekönnerin hatte wohl keine Lust, für gerade mal vier Abendgagen acht Wochen lang in Zürich zu verbringen und sagte kurzerhand ab. Als ihr Ersatz Irina Lungu zum Schluss in freudiger Erwartung eines «Brava!»-Regens auf die Bühne stürzte, hörte sie nichts dergleichen. Kurz darauf wurde Regisseurin Tatjana Gürbaca mit kräftigen Buh-Rufen empfangen.

Gürbaca führte die Figuren sehr präzis, schaffte es, dass der Tenor die Hände an den Hosentaschen liess und führte uns, wie zurzeit Mode, in die Kindheit der Protagonisten. Aber warum sie das alles tut, wurde nie klar.

So war es am Opernhaus Zürich einst: «Lucia di Lammermoor» mit Edita Gruberova und Francisco Araiza.

Youtube

Soll man nun noch schreiben, wie ungehobelt, rau und laut Massimo Cavalletti (Enrico) sang. Tenorstar Piotr Beczala hat immerhin die Grösse, kraftmeiernd in einer Rolle zu brillieren, die auch nicht mehr zu seiner Kragenweite passt. Ein Oleg Tsibulko (Raimondo) hingegen ist peinlich für eines der teuersten Opernhäuser der Welt: Er wurde für die Nebenrolle aus Russland eingeflogen.

Gott sei Dank hat sich der Verantwortliche für dieses Sängerdesaster, der russische Operndirektor und Casting-Chef Michael Fichtenholz, von Zürich verabschiedet. Regisseur und Intendant Homoki sind die Sänger sowieso nur Mittel zum szenischen Zweck.

«Lucia di Lammermoor» ist bis am 30. Juni zu sehen.

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