OPER VOR ORT: Pasta con Belcanto

Bereits zum dritten Mal macht die Oper vor Ort in St. Gallen Halt. Und sie geht noch näher an die ­Zuhörer heran. Domenico Cimarosas «L’italiana in Londra» verspricht pralles Buffa-Erlebnis direkt im Restaurant.

Martin Preisser
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Oper hinter dem Buffet: Das Trio Bernhard Bichler, Ursina Leuenberger und Barbara Schingnitz. (Bild: Michel Canonica)

Oper hinter dem Buffet: Das Trio Bernhard Bichler, Ursina Leuenberger und Barbara Schingnitz. (Bild: Michel Canonica)

Martin Preisser

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Es darf ausdrücklich mit dem Besteck geklappert werden, und es darf ungeniert Wein nachbestellt werden. Die fünfköpfige Sängercrew und das Instrumentalsextett singen und spielen mitten im (fast) normalen Restaurantbetrieb. Die Oper vor Ort tritt an ungewöhnlichen Orten auf und nimmt in ihrer neuen Produktion ganz bewusst Tuchfühlung mit ihrem Publikum auf.

Die Minioperntruppe mit Sitz in Winterthur hat in St. Gallen 2014 im Textilmuseum und vor anderthalb Jahren in der Universität Oper quasi zum Anfassen präsentiert und sich in kurzer Zeit ein Stammpublikum geschaffen. Die meisten Karten für Domenico Cimarosas Oper «L’italiana in Londra» sind daher bereits weg. Die Oper vor Ort ist gefragt.

Die Truppe ist in der Stadt auf Beizentour gegangen, um ein geeignetes Restaurant als Spielort zu finden. Im «Baratella» ist sie fündig geworden. Und «Baratella»-Chef Franco Marchesoni ist auf die Idee sofort aufgesprungen. «Für mein Lokal ist solch eine Produktion natürlich auch eine wunderbare Werbung», sagt er. Zum Belcanto des neapolitanischen Opernkomponisten serviert er Antipasti misti, dann eine Pasta mit vegetarischem Sugo, mit Zucchini und Melanzane. Als Dessert dann die in der Schweiz weniger bekannte Zuppa inglese.

Klare, sorgfältige Opernarbeit

Eine italienische Oper, die in einer Londoner Pension spielt, passt schon vom Ambiente her perfekt in den Saal des «Baratella». Einfach nur ein musikalischer Gag zu einem feinen italienischen Menu ist die Produktion aber beileibe nicht. Mit wie viel Sorgfalt, Liebe und interpretatorischer Klarheit die Oper vor Ort ihre Stücke realisiert, haben die ersten beiden St. Galler Auftritte bewiesen.

Den Cimarosa-Stoff inszeniert diesmal Matthias Flückiger, in der St. Galler Theaterlandschaft eine bekannte Grösse.Belcanto mitten unter Restaurantgästen: Die übliche Trennung zwischen Publikum und Opern- crew ist komplett aufgehoben. Das ist auch ein mutiger Entscheid. «Vieles ist weniger planbar, vieles wird aber auch spontaner. Wir müssen als Akteure unglaublich wach und flexibel bleiben», sagt die in St. Gallen aufgewachsene Sängerin Ursina Leuenberger. «Wir sind nicht mehr auf einer Bühne, wir müssen einen Radius von 360 Grad bespielen», doppelt Sänger Manfred Plomer nach. Die Akteure müssen sich mit dem am Opernabend vierköpfigen Servicepersonal arrangieren, viele Positionswechsel müssen eingefädelt sein, und doch ganz natürlich wirken.

«Das Timing ist viel strenger als auf einer richtigen Opernbühne», sagt die Sängerin Barbara Schingnitz. Von mehr Freiheit und mehr Natürlichkeit spricht die Crew. «Die ‹Oper vor Ort›-Idee haben wir mit dem Spiel im Restaurant jetzt am radikalsten umgesetzt», sagt Ursina Leuenberger. Es wird warm sein bei achtzig Gästen im Lokal und für die Sänger und Musiker wenig Sauerstoff geben. Entspannt geht Regisseur Matthias Flückiger an die ungewohnte Inszenierung heran. «Der Ort sagt uns: ‹Spielt mit mir, dann spiel ich mit Euch.›» Das spezielle Setting gebe viel vor, viele herkömmliche Regietechniken funktionierten bei dieser Art Oper nicht, sagt Flückiger. «Dafür werden wir mit Lebendigkeit und Spontaneität belohnt, und mit uns das Publikum, das auf ganz direkte Weise in der Oper mitgenommen wird.» Roman Digion, der die fünf Streicher vom Cembalo aus leitet, schwärmt von Cimarosas Musik: «Das ist quirlige Buffa-Musik, stilistisch steuert sie schon auf Rossini zu.» Aber er weiss auch: Gute Buffa-Oper verlangt viel Präzision, und in einem Lokal wir dem «Baratella» ganz besonders.