OPER: Kein Alltag, sondern stets ein Fest

Der Verein Musiktheater Wil wird 150 Jahre alt. Die Tradition ist wichtig, der Zeitgeist auch. Jede neue Produktion ist für alle Beteiligten immer wieder ein echtes Abenteuer. Gefeiert wird der Geburtstag mit Bellini.

Martin Preisser
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Seit Jahrzehnten mit dem Wiler Musiktheater-Virus infiziert: Kurt Pius Koller (musikalischer Leiter), Nicole Bosshard (Sopranistin), Eugen Weibel (Präsident) und Paul Angele (Bühnenmeister) (v. l.). (Bild: Ralph Ribi)

Seit Jahrzehnten mit dem Wiler Musiktheater-Virus infiziert: Kurt Pius Koller (musikalischer Leiter), Nicole Bosshard (Sopranistin), Eugen Weibel (Präsident) und Paul Angele (Bühnenmeister) (v. l.). (Bild: Ralph Ribi)

Martin Preisser

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@tagblatt.ch

Zum 125-Jahr-Jubiläum der Theatergesellschaft Wil schrieb der damalige Präsident, Richard Osterwalder, in seinem Grusswort: «Es ist das Erleben des Einzelnen in einer Gemeinschaft, die da heisst ‹Theaterfamilie›, eine Leistung zu schaffen, welche dann auf der Bühne zum Tragen kommt.»

Von Freude und Begeisterung als Motor spricht Osterwalder. «Nicht müssen, sondern dürfen ist das Geheimnis der grossartigen Ausstrahlung, welches das Liebhabertheater auszeichnet.» Heute, 25 Jahre später, zum 150. Geburtstag des Musiktheaters Wil, wie der Verein jetzt heisst, könnten die jetzigen Verantwortlichen diese Sätze ohne Abstriche unterschreiben.

Musiktheater, mit Schwerpunkt auf der Oper, auf hohem Niveau und mit Laien und Profis gemeinsam: Dass das alle drei Jahre immer wieder klappt, ist auch das Resultat einer langen Tradition. «Die lange Geschichte des Musiktheaters Wil ist auch eine Verpflichtung, diesem Erbe immer wieder liebevoll Sorge zu tragen», sagt Kurt Pius Koller, seit einem Vierteljahrhundert Dirigent des Vereins. 1867 beginnt die Geschichte des Wiler Musiktheaters, damals mit einer Aufführung von Albert Lortzings «Zar und Zimmermann».

Steuerkommissärin mit grosser Stimme

Und bis heute sei die Herausforderung, mit wenigen Mitteln grosses Musiktheater zu machen, eine der Hauptantriebskräfte, sagt Nicole Bosshard. Die Sopranistin mit Hauptberuf Steuerkommissärin hat sich in Wil mit grossen Rollen als Solistin ganz nach oben und in die Herzen ihres Publikums gesungen.

Sie bestreitet heute und morgen Abend bei den Festkonzerten die fantastische wie äusserst anspruchsvolle Koloratursopranrolle der Amina in Vincenzo Bellinis «La Sonnambula». Die Opernsängerin spricht vom grossen Genuss, vor heimischem Publikum zu singen und eine Rolle innerhalb der Wiler Theaterfamilie so überzeugend wie möglich auszufüllen. «Die Freude an der Musik ist das, was uns hier alle verbindet», sagt Nicole Bosshard.

«Es sind immer wieder die engagierten Menschen, die den Erfolg der gemeinsamen Arbeit von Laien und Profisängern ausmachen», sagt Eugen Weibel. Der ehemalige Textilmanager hat sich frühpensionieren lassen, um jetzt als Vereinspräsident einen ehrenamtlichen Fulltime-Job zu machen. Die 150-jährige Tradition einer Musiktheaterkultur, die auch Symbol für den souveränen Bürger gewesen sei, sei bis heute ein wichtiger Antriebsmotor. «Wir müssen die Tradition aber immer wieder in neue Formen giessen, der heutige Zeitgeist muss einfliessen. Einfach am Verstaubten festzuhalten wäre unmöglich», sagt Weibel. «Wir setzen auf hohe Qualität, aber wir haben ganz bewusst eine regionale Kulturaufgabe.» Der Präsident spielt im Sinfonischen Orchester Wil selbst Schlagzeug. Es ist schweizweit das einzige Laienorchester, das als Opern­orchester auch im Graben spielt.

Balance zwischen Fordern und Nachgeben

Kurt Pius Koller leitet das Orchester, aber auch den Chor zu St. Nikolaus und den Männerchor Concordia, zusammen die drei Säulen des Musitheaters Wil. «Die Herausforderung ist der Umgang mit beschränkten Mitteln und die Balance bei der Probenarbeit mit Laien zwischen Fordern und Nachgeben», sagt Koller. «Wenn wir musizieren, ist das nicht einfach Berufsalltag, sondern immer ein besonderes Fest. Wir spielen Oper nicht einfach professionell herunter, sondern probieren, bei jeder Aufführung alles hineinzulegen. Und ich glaube, genau das spürt das Publikum. Der riesige Reiz ist schon der, grosse Werke wie Verdis ‹Nabucco› wirklich hinzubekommen. Das sind einzigartige Erfahrungen.»

Seit vierzig Jahren ist Paul Angele beim Musiktheater Wil mit von der Partie. Der Spenglermeister ist für die Bühnentechnik verantwortlich. Bei jeder neuen Oper ist er bei allen 25 Aufführungen dabei und garantiert die Sicherheit auf der Bühne. «Solche Musik hautnah zu erleben, gemeistert von unserer Theaterfamilie, das befreit enorm. Ich gehe jedes Mal beseelt nach Hause und kann dann wunderbar schlafen.»