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OPER: «Die Stimme ist wie ein Pferd»

Am Theater Bern gilt Claude Eichenberger als Publikumsliebling mit breitem Repertoire. Nun ist die im Thurgau aufgewachsene Mezzosopranistin erneut zu Gast in St. Gallen – als Carlotta in Franz Schrekers «Die Gezeichneten».
Bettina Kugler
Als Sängerin auch Darstellerin und umgekehrt: Claude Eichenberger. (Bild: Ralph Ribi (St. Gallen, 1. September 2017))

Als Sängerin auch Darstellerin und umgekehrt: Claude Eichenberger. (Bild: Ralph Ribi (St. Gallen, 1. September 2017))

Bettina Kugler

bettina.kugler@tagblatt.ch

Im Stück ist es ein Herzfehler, der die Genueser Malerin Carlotta Nardi zur «Gezeichneten» macht. Zurück aus dem Studium in Antwerpen, führt sie ein ­freies, unkonventionelles Künstlerleben, erweist sich als für ihre Zeit erstaunlich emanzipierte Frau. Der Seelenmalerei hat sie sich verschrieben, die schwache Physis wird ihr freilich zum Verhängnis. Als wir die Mezzosopranistin Claude Eichenberger treffen, knapp drei Wochen vor der Premiere von Franz Schrekers expressionistischer Oper im Grossen Haus, muss sie noch jeden Schritt ohne Stöcke vorsichtig setzen, um ihr verletztes Knie zu schonen. Passiert ist es auf einer Probe vor der Sommerpause, mitten im Spielmodus, in einer Szene in Carlottas Malatelier. «Nicht dass die Inszenierung sonderlich sportiv wäre», sagt Claude Eichenberger, «es stand einfach ein bisschen zu viel herum.»

Auseinanderbrechen einer festgefügten Welt

Umso intensiver hat sie sich in den Sommerwochen mit der Musik befasst: einer rauschhaft üppigen, ausdrucksstarken Partitur, mit grossen Klangwogen und orchestralem Farbreichtum. «Die Gezeichneten», entstanden zwischen 1913 und 1915, uraufgeführt 1918 in Frankfurt, erlebt gerade eine wahre Renaissance, obwohl sie viel Personal braucht und schwer zu besetzen ist. Der Rückblick auf ein Jahrhundert, auf das Auseinanderbrechen einer festgefügten Welt, fasziniert, das zeigen auch Bücher wie Florian Illies’ «1913». Die Musik atmet noch den Geist des späten 19. Jahrhunderts; sie klingt nach Wagner und Strauss, auch Mahler mischt sich in die Partitur. Schreker schöpft aus dem Vollen; neben Zeitgenossen wie Korngold und Zemlinsky hat er seinen eigenen Stil gefunden: überromantisch, betörend schön.

Im Trio der Hauptfiguren ist Carlotta die rätselhafteste, musikalisch reichhaltigste. Claude Eichenberger fühlt sich stimmlich zu Hause in Schrekers Klangfülle. «Es gibt für jede Stimme eine Epoche, die sich besonders aufdrängt, die einfach passt», sagt sie. Zu erleben war das bereits in der zurückliegenden Spielzeit am Theater St. Gallen: Da übernahm sie in der ausverkauften Dernière von Wagners «Lohengrin» die Partie der Ortrud – und erntete stürmischen Applaus. Der eine oder andere Bekannte aus Schulzeiten wird mit dabei gewesen sein; schliesslich ist die 43-Jährige im Thurgau aufgewachsen. Ein Musiklehrer an der Mittelschule in Kreuzlingen entdeckte damals ihre Begabung. In Bern, wo sie seit zehn Jahren festes Ensemblemitglied ist, gilt sie als Publikumsliebling. Ein umfangreiches Repertoire an Partien hat sie sich dort erarbeitet; sie konnte als Mezzo-Allrounderin viel Verschiedenes ausprobieren und mit Ende dreissig langsam aus dem rein Lyrischen herauswachsen.

Zunächst ein wenig Scheu vor der Opernbühne

In der Ostschweiz kennt man Claude Eichenberger eher durch Auftritte im Trogner Kantatenzyklus der J. S.-Bach-Stiftung. Jahrelang pendelte sie souverän und leichtfüssig zwischen Lied, Oratorium und Oper, empfand die Bereiche stets als komplementär. «Bühnenerfahrung tut bei Konzerten gut und umgekehrt», so ihre Erfahrung. Dabei hatte sie zunächst ein wenig Scheu vor dem Theater, konnte sich eine Opernkarriere kaum vorstellen. Auch hier half der Zufall nach. Als Quereinsteigerin an einem Festival wurde Claude Eichenberger schlagartig klar, dass die Sängerin und die Darstellerin zusammengehören. «Es war, als habe mir vorher ein Teil des In­struments gefehlt.» Unterdessen haben sich die Schwerpunkte verschoben; Bach und die Alte Musik sind in den Hintergrund gerückt. «Zu den Spezialisten würde ich mich nicht zählen; man muss sich dieser Musik ganz hingeben. Man kann eben nicht auf allen Hochzeiten tanzen.» Gerade das gefällt ihr am Sängerberuf: Dass sie sich weiterentwickeln, in neue Räume vorstossen kann, wie in einer grossen Bibliothek. Dass Esprit und körperliche Präsenz zusammenspielen.

Man merkt es auch an den Bildern, die sie verwendet, um ihre Erfahrungen auf der Bühne und bei der Arbeit an ihrem Instrument zu veranschaulichen. Kraft und Energie braucht sie dafür; die Stimme sei wie ein Pferd. «Es nimmt ­inzwischen andere Distanzen, und da muss ich es laufen lassen.» Die entsprechenden Partien seien immer rechtzeitig auf sie zugekommen; ein Glück, das man nicht bestellen könne. Nach der Geburt ihres inzwischen sechsjährigen Sohnes veränderte sich die Stimme; Claude Eichenberger musste sich neu posi­tionieren und beweisen. Mit Selbstvertrauen und Leidenschaft legt sie sich nun wieder Oper für Oper «in die Kurve», wie sie sagt. Erst recht, wenn auch das Knie wieder heil und belastbar ist.

Premiere: Sa, 16.9., 19.30 Uhr, Theater St. Gallen

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