OPER: Die «Nabucco»-Legende

Mit «Nabucco» schafft Giuseppe Verdi den Durchbruch und begründet seinen Ruf als Musiker der Revolution. Morgen hat das Werk mit dem berühmten Gefangenenchor Premiere in St. Gallen.

Rolf App
Drucken
Teilen
Szene aus «Nabucco» mit Chor. Vorne Il Gran Sacerdote (Tomislav Lucic) und Abigaille (Raffaella Angeletti). (Bild: Tanja Dorendorf/T+T Fotografie)

Szene aus «Nabucco» mit Chor. Vorne Il Gran Sacerdote (Tomislav Lucic) und Abigaille (Raffaella Angeletti). (Bild: Tanja Dorendorf/T+T Fotografie)

Rolf App

rolf.app@tagblatt.ch

Zum 150-Jahr-Jubiläum Italiens ereignet sich im März 2011 in der Römer Oper Denkwürdiges. Nachdem in Giuseppe Verdis 1842 komponierter Oper «Nabucco» der Gefangenenchor erklungen ist, ergiesst sich heftiger Beifall auf die Mitwirkenden, und jemand ruft: «Viva l’Italia!» Der Dirigent Riccardo Muti hält einen Moment inne, und ergreift dann das Wort. Er geisselt den radikalen Sparkurs der Regierung Berlusconi – und wiederholt das Stück dann, indem er das Publikum einlädt mitzusingen.

Wieder einmal bestätigt sich der Ruf dieses Chors der unterdrückten Hebräer, dass er die heimliche Nationalhymne Italiens sei – und sein Schöpfer der «Musiker der italienischen Revolution», wie es Verdis Komponisten-Kollege Pietro Mascagni 1901 bei dessen Tod formuliert. Zum Beweis des aufrührerischen Charakters seiner Musik werden «I Lombardi alla prima crociata» von 1843, «Ernani» von 1844 und «Attila» von 1846 angeführt, die im Gewand historischer Themen von Befreiung träumen. Und, als früheste dieser Opern, eben «Nabucco», die morgen Samstag am Theater St.Gallen Premiere hat.

Unbestritten ist: Mit seiner dritten Oper ist Giuseppe Verdi ein ungewöhnlich zugkräftiges, gerade mit seinen Chören enorm eindringliches Werk gelungen, das auch sofort Erfolg hat. Innerhalb von nur zwei Jahren nehmen mehr als vierzig italienische Opernhäuser «Nabucco» auf den Spielplan.

Verdi erzählt zwei verschiedene Geschichten

In einer autobiografischen Skizze hat Verdi 1879 auf der Höhe seines Ruhms erzählt, wie er nach dem Tod seiner Frau und seiner Kinder entschlossen gewesen sei, nie mehr eine Note zu komponieren. Da habe ihm der Impresario Bartolomeo Merelli ein Textbuch in die Manteltasche gesteckt, und als er dieses zu Hause «mit einer heftigen Bewegung» auf den Tisch warf, sei es zufällig beim Vers «Va, pensiero, sull’ali dorate» aufgeklappt: Bei «Zieh, Gedanke, auf goldenen Flügeln» also, den Worten, mit denen der Gefangenenchor einsetzt. Er sei elektrisiert gewesen, habe nicht einschlafen können, und habe dann, in der Nacht, das Libretto mehrmals durchgelesen. Es ist eine schöne Geschichte, die nur den einen Nachteil hat: Dass sie nicht stimmt. Denn wenige Jahre zuvor hat er sie mit den Worten «Eccoti la storia mia vera, vera, vera» so erzählt, dass nicht der Gefangenenchor, sondern das ab der dritten Aufführung gestrichene Finale ihn dazu gebracht habe, den Auftrag anzunehmen.

Der Gefangenenchor, dessen Text Verdi in der späteren Version derart beeindruckt haben soll, wird zu Beginn nicht mehr beachtet als andere Chöre. So hat am Premierenabend die Hymne «Immenso Jeovha» («Allmächtiger Jehova») im Publikum die grösste Begeisterung entfacht. Und dem Ruf Verdis als frühem Verfechter eines geeinten, unabhängigen Italien widerspricht auch, dass Verdi «Nabucco» Maria Luisa widmet, der habsburgischen Regentin des Fürstentums Parma.

In Mailand singt niemand den Gefangenenchor

Zu dieser Zeit ist seine Heimat ein Flickenteppich kleinerer und grösserer Fürstentümer. Tonangebend sind in weiten Teilen Norditaliens die österreichischen Habsburger, im Süden die spanischen Bourbonen und in Mittelitalien der Papst. Doch dem Zeitgeist entgeht auch Italien nicht. Er taucht zunächst in Gestalt Napoleons auf. Nach dessen Sturz setzt in Intellektuellenkreisen eine Rückbesinnung («Risorgimento») auf die alte Grösse Italiens ein, wobei es radikale und gemässigte Richtungen gibt. Im europäischen Revolutionsjahr 1848 kommt es lokal zu Aufständen, doch Österreich unterdrückt sie rasch. Erst als das Königreich Piemont-Sardinien 1859 mit dem französischen Kaiser Napoleon III. ein Bündnis eingeht, wendet sich das Blatt. Im neu geschaffenen Nationalstaat haben anfangs nur zwei Prozent der Einwohner das Stimmrecht, unter ihnen der Grossgrundbesitzer Verdi. Dem Nationenbildungsprozess vorausgegangen ist eine kulturelle Wandlung, in der im Falle Italiens die Oper eine nicht zu unterschätzende Bedeutung hat. Schon vor Verdi zeichne sie sich «bereits durch ihre Sensibilität für patriotische Untertöne aus und ihre Fähigkeit, dem Schmerz eines unfreien Volkes eine Stimme zu geben », schreibt Vittorio Coletti im Verdi-Handbuch.

Dass «Nabucco» eine besondere Rolle gespielt hat, darf bezweifelt werden. Als 1848 die Österreicher vorübergehend aus Mailand vertrieben werden, spielt man in der Scala nicht Verdi, sondern Bellinis «Norma» – die auch 1859/60 vor der politischen Einigung Italiens hoch im Kurs steht. Im volkstümlichen Theater Carcano singen die Menschen patriotische Lieder, niemand aber stimmt den Gefangenenchor an. In Verdis Musik pulsiere etwas vom Geist Giu- seppe Mazzinis, einem der Protagonisten der Revolution, stellt der Musikwissenschafter Uwe Schweikert fest. Aber die Botschaft «Nabuccos» sei «weder nationalistisch noch gar republikanisch und taugt erst recht nicht als Aufruf zu den Barrikaden».