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Orgelsommer Luzern: Open-Air-Feeling in der Kirche

Entdeckungsreise mit dem englischen Organisten Christopher Herrick: Der erste internationale Gast am Orgelsommer löste das Motto «Originale» auf überraschende Weise ein.
Urs Mattenberger
Organist Christopher Herrick. (Bild: PD, 3. April 2016)

Organist Christopher Herrick. (Bild: PD, 3. April 2016)

Am Dienstag, so schien es, prallten um die Hofkirche Luzern musikalische Welten aufeinander. Das wurde mir klar, als ein Nachbar zufällig neben mir sein Velo parkierte. Mitleidig nahm er zur Kenntnis, dass ich die Treppen hochsteigen musste zum Konzert des diesjährigen Orgelsommers, während er sich an diesem schönen Sommerabend ins Blue-Balls-Getümmel stürzte.

Sein Blick verriet: Coole Open-Air-Stimmung gegen ein ernstes Orgelrezital hätte er niemals getauscht. Natürlich auch deshalb, weil er nicht wusste, dass der Hoforganist Wolfgang Sieber gängige Klischees widerlegt, indem er den Orgelsommer zu einem «Freiraum der Orgelmusik» macht, wie Andreas Liebig im Programmheft schreibt. Sieber hatte das im Eröffnungskonzert vor einer Woche mit buntscheckig kombinierter Tanzmusik vorgeführt. Aber würde das auch gelten, wenn – laut Programmheft – ein «Altmeister» das Instrument spielt, in diesem Fall der international tätige Konzertorganist Christopher Herrick?

Urknall rückwärts

Alle Zweifel waren gleich nach dem ersten Stück wie weggeblasen. Mit einer «Toccata giocosa» des 1958 geborenen Hans-André Stamm verlieh der Engländer Herrick dem Rolls-Royce unter den Luzerner Orgeln die Leichtigkeit und Transparenz einer Spielorgel, ohne die monumentale Kraft der über 6000 Pfeifen zu verleugnen. Möglich machte es ein rhythmischer Flow, der das ganze Stück durchpulst, und eine Registrierung, die gleissende Klangflächen mit auch mal kräftig aufgerauten Bässen und Mittelstimmen so durchlüftete, dass immer Raum zum Atmen blieb.

Gegen das stereotype Orgelmuster einer monumental strahlenden Klangsteigerung am Schluss war zwar auch dieses Programm nicht gefeit. Christian Praestholms erstes der drei Preludes zu traditionellen dänischen Hymnen etwa steigerte sich abschaubar aus mystischem Dunkel zu einer gleissenden Klangorgie. Aber Herrick präsentierte auch für dieses in der Orgelmusik beliebte Muster individuelle Lösungen. Die «Litanies» des Messiaen-Zeitgenossen Jehan Alain etwa übersteigerten es zu einer dicht brodelnden Klangmasse, die im halligen Verklingen zum Schluss die spannungsvoll verschmolzenen Elemente der Reihe nach freisetzte und kurz vor dem Verstummen hörbar machte, als würde ein Urknall rückwärts ablaufen.

Grosse Oper auf der Orgel?!

In Enrico Bossis hochromantischer Pièce héroïque op. 128 waren solche Steigerungen eingebunden in eine opernhafte Szene, in der Herrick die breite Palette an orchestralen Möglichkeiten vorführte, die dieses Instrument bietet. Selten hört man auf einer Orgel eine Bassklarinette so wehmütig und menschlich singen wie hier in der langsamen Introduktion. Und selten bleibt der Orgelklang auch im leidenschaftlich aufgewühlten Tutti so konturenscharf und rhythmisch prägnant wie hier auf dem leidenschaftlich-wilden Höhepunkt des Stücks.

Daran konnte ausgerechnet das populäre Schaustück, der Triumphmarsch aus Giuseppe Verdis «Aida», nicht anschliessen. Das überraschte insofern, als bei Bossi die Übertragung des Opernhaften auf die Orgel frappant funktionierte. Hier aber führte der umgekehrte Weg zu einer satten Monumentalität, mit der Orgelmusik auch rasch ermüden kann – eine Gefahr, der der Organist mit kolorierten Zwischenstücken entgegenwirkte.

Die Trompetenstimmen, die im «Aida»-Marsch eigentümlich unprofiliert blieben, machten aus dem zweiten Stück von Hans-André Stamm eine Fiesta Mexicana, die mit ihren süffigen Melodien und Latin-Rhythmen sogar einen Schuss Blue-Balls-Feeling in die kühle Hofkirche zauberte.

Nach dem rhythmisch beschwingten Schlussstück – eine Festmusik des Norwegers Mons Leidvin Takle – war die Rückkehr in den Luzerner Festivaltrubel deshalb fliessend. Die heulenden elektrischen Gitarren, die vom Pavillon herüberklangen, aufgeraut wie die schnarrenden Bässe der Orgel, wirkten jetzt wie eine Art Bossi mit anderen Mitteln. Vielleicht hatte das der Orgelsommer-Besucher gemeint, als er mit dem Kopf zum Pavillon hinüberdeutete. Die Hand, die die Finger wild über imaginäre Gitarrenseiten zupfen und streichen liess, hätte genauso gut jene des Organisten (gut sichtbar dank der Videoübertragung vor den Kirchenchor) sein können.

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