Old Writehand

Karl May Er war Old Shatterhand – für sich, für viele. Der begnadete Schreibschauspieler hat nicht nur tollste Abenteuer erfunden, sondern auch sich selber. Vor 100 Jahren ist er gestorben; zu entdecken bliebe sein Spätwerk, das mitten in Kriegstreiberei und Kolonialismus die Toleranz unter den Völkern feiert. Heiko Strech

Drucken
Teilen
Ich, Old Shatterhand: Karl May posiert in der Rolle seines Lebens. (Bild: Karl May Verlag)

Ich, Old Shatterhand: Karl May posiert in der Rolle seines Lebens. (Bild: Karl May Verlag)

Winnetou und Old Shatterhand: Neben meinem Schreibtisch stehen sie in drei Schaukästen zusammen mit anderen Indianern und Westmännern – fingerlang und sorgfältig handbemalt.

Old Shatterhand stützt sich auf seinen Bärentöter, der Henrystutzen hängt über der rechten Schulter. Winnetou hält mit der linken Hand seine Silberbüchse, hebt die Rechte zum Gruss: Howgh!

Wie oft haben wir als Buben die Figürchen herumgeschoben, zum Reiten, Anschleichen und Kämpfen. Was für heisse Gefühlsabenteuer begleiteten die Abenteuer der Roten und Weissen! Und immer wieder grüssten wir: Howgh!

Prärie und Wüste im Kopf

Vor über hundert Jahren sass einer am Schreibtisch, der hatte Winnetou und Old Shatterhand erfunden. Immerfort ritten seine Figuren durch den Wilden Westen oder Nordafrika – in seinem Kopf. Dann trabten sie aufs Papier. Und dann spielte Karl May seinen Ich-Erzähler Old Shatterhand im wahren Leben. Ein Schreibschauspieler! Wie wenn Schiller als Tell durch Weimar spaziert wäre und Goethe dort als Faust getroffen hätte. Als seine «Reiseerzählungen» längst verlegt waren, reiste er endlich in die Länder, die er mit der Seele und in seinen Nachschlagewerken gesucht hatte – USA, Südamerika, Nordafrika, Balkan usw.

Karl May wurde 1842 in Ernstthal (Sachsen) ins grauenhafte Elend einer Weberfamilie hineingeboren, wie man sie auch in Gerhart Hauptmanns Sozialdrama «Die Weber» findet. Mit einem kleinen Stipendium und dem Geld der Familie, die sich für ihn krummlegte, besuchte May das Lehrerseminar. Wegen Diebstahls von sechs Kerzen flog er raus, kam reumütig in ein anderes Seminar, wurde mausarmer Lehrer in Armenschulen. Weil er eine ausgeliehene Uhr zu lange behalten hatte, flog er für immer aus dem Schuldienst.

Der Schreibtischtäter

Not macht erfinderisch. Und befeuert die Phantasie, die May seit je im Übermass besessen hat. Ab jetzt brilliert er in seinem eigentlichen Fach: Er erfindet Geschichten mit sich selbst in der Hauptrolle. Toll treibt er es etwa als «Polizeileutnant»: Er lässt sich Geld zeigen, konfisziert es als Falschgeld – und verschwindet.

Die «Gage» für den begnadeten Rollenspieler: über acht Jahre Zuchthaus. Im Knast beginnt er mit dem Sich-heraus-Schreiben aus seinem jeweiligen Ist-Zustand – das spiegelt die Grunddynamik seines Lebens.

Nach der Entlassung legt May los. Fliessbandmässig fabriziert er Schundromane. Dann kommen die «Reiseerzählungen» heraus. May wird Kult. Und bleibt der alte Hochstapler. Nur betört er sein Publikum jetzt nicht mehr in der Realität, sondern weniger riskant: in der Literatur.

Schreibtischtäter May dokumentiert seriös die Auftritte seines Shatterhand-Ichs. Das Publikum folgt ihm blind. Zumal er genaue Lebensdaten Winnetous angibt und locker streut, er wolle nächstens mal wieder seinen alten Freund Hadschi Halef Omar in der Wüste treffen.

Massenhaft verteilt er Superstar-Fotos. Traumatisiert durch sein frühes Elend, stilisiert er sich hoch zu einer heldischen Schmetterhand auf allen Gebieten. Das ist so nachvollziehbar wie riskant.

Am Medien-Marterpfahl

Und schon schleichen sich die Feinde an.

Journalisten finden die «Lebenslüge» des ortsfesten Reiseerzählers in Radebeul bei Dresden heraus. Sie halten ihm das tiefe Niveau seiner frühen Kolportageromane vor, übertragen das Urteil blindlings auf seine wertvollen Reiseromane, nennen den Ex-Zuchthäusler einen Kriminellen und «Jugendverderber». Ausgerechnet! Erinnert man sich an den skrupellosen Mörder Santer in «Winnetou»? Der gewissenlose Rufmörder Rudolf Lebius, Skandaljournalist, heftet sich an Old Shatterhands Fersen. Er und andere verwickeln May in zahllose Prozesse.

Über zehn Jahre lang steht er am Marterpfahl der Pressehetzer, verteidigt sich oft ungeschickt. Der reiche Mann – wieder ein armer Kerl. Im Privatleben gibt es ähnlich marternde Prozesse samt Scheidung von der ersten Ehefrau Emma, die sich von Mays Rufmördern instrumentalisieren lässt. Clara wird die zweite Frau. Kleine Mays gibt es mit beiden nicht.

Mystisch und menschlich

Bei alledem: Karl May schreibt weiter. Im verwinkelt-mystischen Spätwerk breitet er Toleranzideale aus, die schon früh in den Reiseerzählungen auftauchen. Als junge Abenteuerleser haben wir sie glatt überlesen. Das Spätwerk – etwa «Im Reich des silbernen Löwen» oder «Ardistan und Dschinnistan>» – gilt es immer noch zu entdecken. In seiner, ja doch, faszinierenden Mischung von Edelkitsch und Kunst. Verquickt mit den populären Handlungselementen der frühen Reiseerzählungen. Zeitlos reisst die May-typische Hoffnungsdynamik mit: im Hinauszielen über das Gefangensein in sich selbst und in der Welt.

Während ringsum Imperialismus, Kriegstreiberei, Kolonialismus samt Rassismus herrschten – da verkündete May kühn seine Botschaft vom Frieden auf Erden, von der Toleranz unter den Völkern, Rassen und Religionen. Mit der Friedensnobelpreisträgerin Bertha von Suttner ist er befreundet. Bittere Ironie: Der rassistische Massenmörder Adolf Hitler war ein eifriger May-Leser.

Die Weltkriege des 20. Jahrhunderts musste Karl May nicht miterleben. Er starb am 30. März 1912. Über 200 Millionen Bände sind heute verkauft, in 40 Sprachen. Nach den Verfilmungen der 60er-Jahre stehen jetzt Neuverfilmungen bevor.

«Für jedes Lebensalter»

Die May-Forschung hat sich mächtig entwickelt. Und Heinrich Mann, Georg Heym, Ernst Bloch oder Carl Zuckmayer gehörten zu den May-Fans. Heute schreibt Romancier Martin Walser: «Ich bin ein Karl-May-Bewunderer. Immer schon gewesen und geblieben. Ich glaube, dass er für jedes Lebensalter geschrieben hat. Als ich ihn früher las, las ich das Abenteuerliche; heute glaube ich, es war das Tröstliche im Abenteuerlichen, das ihn so lesbar macht.»

Sei auch von uns voller Hochachtung hier und heute gegrüsst, Old Writehand! Howgh!

Aktuelle Nachrichten