«Ohne Liebe, wie ein toller Hund»

Christian Labhart erzählt im Dokumentarfilm «Giovanni Segantini – Magie des Lichts», das bewegte Leben des lange im Engadin beheimateten Künstlers. Kunsthistoriker kommen keine zu Wort – ein Konzept, das nicht ganz überzeugt.

Christina Genova
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Ausschnitt aus «Ein Mittag in den Alpen». Das Gemälde befindet sich im Besitz der St. Galler Otto-Fischbacher-Stiftung. (Bild: pd/Foto Flury)

Ausschnitt aus «Ein Mittag in den Alpen». Das Gemälde befindet sich im Besitz der St. Galler Otto-Fischbacher-Stiftung. (Bild: pd/Foto Flury)

ST. GALLEN. Als Giovanni Segantini sieben Jahre alt ist, stirbt seine Mutter Margherita. Vater Agostino bringt ihn fort aus Arco am Gardasee, dem Dorf seiner Kindheit, nach Mailand zu seiner Halbschwester Irene. Der Vater stirbt kurz darauf, Irene hat weder Zeit noch Lust, sich um den Halbbruder zu kümmern. Giovanni Segantini treibt sich auf den Strassen herum, wird aufgegriffen und in eine Erziehungsanstalt gesteckt. Er fühlte sich «allein, ohne Liebe, fern von allen, wie ein toller Hund». Niemand ahnt, dass aus dem einsamen und verwahrlosten Buben ein bekannter Künstler werden wird.

Segantini spricht

Seltsam, dass bisher ein Dokumentarfilm über Giovanni Segantini fehlte, denn sein kurzes Leben voller Tragik scheint wie geschaffen dafür. Regisseur Christian Labhart schliesst nun diese Lücke mit «Giovanni Segantini» – Magie des Lichts». Unkonventionell am Film ist, dass Labhart darin keinen einzigen Kunsthistoriker zu Wort kommen lässt. Der Regisseur verlässt sich vorwiegend auf Zeugnisse, die der Künstler hinterlassen hat: das Fragment einer Autobiographie, Auszüge aus seiner umfangreichen Korrespondenz und programmatische Schriften. Die Zitate werden gelesen von Bruno Ganz. «Segantini spricht», schreibt der Kunsthistoriker Guido Magnaguagno, der dem Regisseur beratend zur Seite stand.

Früher Tod auf dem Schafberg

Und was Segantini sagt, ist manchmal berührend, etwa wenn man erfährt, weshalb er Künstler geworden ist: «So bin ich frei und niemand steht über mir.» Manches hat jedoch heute, über hundert Jahre nach seinem Tod auch zeitbedingt einen etwas pathetischen Anstrich: «Die Kunst stirbt niemals. Sie ist Teil unseres Ichs. Sie ist mit unseren Leidenschaften verknüpft und darum ist sie unzerstörbar.» Ergänzt werden die Texte mit Auszügen aus dem biographischen Roman «Das Schönste, was ich sah» von Asta Scheib. «Weil in diesem Film keine <Talking Heads> vorkommen, muss man sich auf den Text konzentrieren können», sagt Christian Labhart. Dies gelingt durch die ruhigen Bilder des Kameramanns Pio Corradi. «Mit den Texten Segantinis im Hinterkopf reisten wir an die Orte, wo er lebte und liessen uns inspirieren», sagt Labhart. Arco, Mailand, die Seenlandschaft der Brianza, Savognin, Maloja und schliesslich der Schafberg, wo der Künstler 1899 erst 41jährig an einer Bauchfellentzündung stirbt. Nicht verhindern liess sich, dass der ganze «Neuschrott» (Pio Corradi) der in den Strassen herumsteht, ebenfalls zu sehen ist, was etwas Irritierendes hat, da man durch die Texte in eine Vergangenheit eintaucht, durch die Bilder aber wieder in die Gegenwart zurückgeholt wird: «Nur die Berge sehen heute noch so aus, wie zu Segantinis Zeiten», sagt Labhart.

Eine wichtige Rolle spielen im Film Segantinis Gemälde, die mit einer Black Magic-Kamera aufgenommen wurden, die hohe Kontraste aufzeichnen kann. Dadurch kommen die Werke besonders gut zur Geltung. Sie werden ausserdem nicht einfach in der Totalen gezeigt, sondern die Kamera bewegt sich über die Gemälde oder zoomt so nahe heran, dass man die einzelnen Pinselstriche erkennen kann.

Ostschweizer Filmmusik

Die musikalische Leitung liegt ganz in Ostschweizer Händen: Paul Giger und Marie-Louise Dähler haben eine stimmige Auswahl an klassischer Musik mit eigenen Improvisationen ergänzt. Die Aufnahmen mit dem Carmina Quartett und dem Countertenor Franz Vitzthum entstanden in der Chiesa Bianca in Maloja, wo Segantini nach seinem Tode aufgebahrt wurde.

Am Ende überzeugt Christian Labharts Konzept, auf jegliche kunsthistorische Unterfütterung zu verzichten, nicht ganz. So erfährt man nichts darüber, dass Segantini, der wichtigste Vertreter des Divisionismus, nach seinem Tod in Vergessenheit geriet. Erst in den 1960er-Jahren wurde er wiederentdeckt, unter anderem von Josef Beuys, der ihm 1971 die Skulptur «Voglio vedere le mie montagne» widmete – angeblich Segantinis letzte Worte. Heute vergleichen manche Kunsthistoriker ihn gar mit Gaugin oder Van Gogh.

Premiere im Kinok St. Gallen morgen Fr, 19 Uhr in Anwesenheit des Regisseurs Christian Labhart und Paul Gigers. Kino Roxy, Romanshorn, Di 20.15 Uhr.

Segantini mit seiner Lebensgefährtin Bice vor «Das Pflügen», um 1890. (Bild: pd)

Segantini mit seiner Lebensgefährtin Bice vor «Das Pflügen», um 1890. (Bild: pd)