Ohne jede Larmoyanz

Der 53jährige Comic-Zeichner Reto Gloor muss mit einer unheilbaren Krankheit leben und arbeiten. Sein neues Buch «Das Karma-Problem» schildert die fatale Entwicklung.

Hans Keller
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Flächig, aber ausdrucksvoll: Seite aus dem Comic «Das Karma-Problem» von Reto Gloor. (Bild: Edition Moderne)

Flächig, aber ausdrucksvoll: Seite aus dem Comic «Das Karma-Problem» von Reto Gloor. (Bild: Edition Moderne)

Was passiert, wenn einem Künstler das für ihn wichtigste Organ respektive Körperteil versagt? Beethoven komponierte seine Neunte Sinfonie praktisch taub, desgleichen Smetana seine letzten Opern. Die Klänge ertönten in ihren Köpfen. Der 1962 in Schöftland geborene und in Basel lebende Comic-Zeichner Reto Gloor liebt seinen Beruf mit Leib und Seele. Im Jahr 2010 erhält er aufgrund von Symptomen wie Gleichgewichtsstörungen die niederschmetternde Diagnose MS (Multiple Sklerose).

Der Kopf voller Bilder

Gloors Zeichnungen – in der Zusammenarbeit mit Texter Markus Kirchhofer für «Matter» sowie «Meyer & Meyer» zu sehen – waren von expressiver Spontaneität. Ein lebendiger Pinsel und eine schnelle Feder sausten über das Blatt. Heute, fünf Jahre nach dem MS-Bescheid, kann Reto Gloor nicht mehr von Hand zeichnen. Doch sein Kopf steckt immer noch voller Bilder, die festgehalten werden wollen.

Wer von einer schweren Krankheit wie MS betroffen ist, wird in seinen Aktivitäten und seiner Flexibilität eingeschränkt. Dinge, die man vorher mit links bewältigte, erweisen sich plötzlich als nicht mehr machbar. Beziehungen zur Umwelt verändern sich, zum Leidwesen des Betroffenen und ihrer Umwelt.

Seine Dokumentation in Bildern und Texten kommt ohne jegliche Larmoyanz, sondern nüchtern und aufrichtig daher. Denn ausser den Problemen, die ihm seine Krankheit zunehmend bereiten, befindet sich der Comiczeichner noch in anderen Belangen an einem Wendepunkt: er hatte – ohne Wissen um seinen Zustand – den Job als Zeichnungslehrer aufgegeben, um sich ganz den Comics widmen zu können. Die Expansion nach Frankreich gelingt jedoch nicht; das Geld wird knapp, und da sich in der Folge auch Existenzängste einstellen, fällt Gloor in Depressionen.

Der Zeichner versucht, die Krisen zu bewältigen. Er probiert es mit Heilmethoden, die nichts mit Schulmedizin zu tun haben. Gurus, Ayurveda-Kuren in Indien und alternative Ernährungsberater sollen weiterhelfen. Wirkliche Erfolge bleiben jedoch aus. Schliesslich entscheidet er, sich nicht weiter an irgendwelchen Pseudophilosophien zu orientieren, sondern versucht seinen Schwierigkeiten mit jenen Fähigkeiten Paroli zu bieten, die ihn geprägt haben: Bildergeschichten. Dank Computer kann der zum Zeichnen nicht mehr fähige Gloor die Geschichte seiner Erkrankung in «Das Karma-Problem» trotzdem in Bildern festhalten.

Einfachere Formen

Im Comic lotet Gloor die Möglichkeiten des Computers aus. Er setzt auf flächige, vergleichsweise einfache Formen. Sie vermögen oft eine Stimmung oder Inhaltliches klarer und besser auszudrücken; sie lösen das verzettelt Filigrane der Handzeichnung ab. Gesichter und ihre Mimik wiederholen sich nun eben im Verlauf der Handlung, dafür wird viel und attraktiv mit Schattenrissen gespielt, wie sie im 18. und 19. Jahrhundert modisch waren. Damit sowie mit anderen Effekten erreicht Reto Gloor eine Vereinfachung der Optik, die als Chance für ein Comic-Neuland gewertet werden darf.

Reto Gloor: Das Karma-Problem – MS – eine unheilbare Krankheit übernimmt die Kontrolle, Edition Moderne, 96 S., Fr. 35.–