«Oft wusste ich nicht was mich erwartet»: Der Güttinger Mario Baronchelli hat während des Lockdowns menschenleere Orte in der Region festgehalten

Die verlassenen Tiefgaragen erinnern an einen Horrorfilm, die Spielplätze ohne Kinder wirken unheimlich. 31 Orte umfasst die Fotoserie des freischaffenden Fotografen – sie strahlen eine bedrückende Bewegungslosigkeit aus.

Emil Keller
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Mario Baronchelli ist freischaffender Fotograf.

Mario Baronchelli ist freischaffender Fotograf.

Bild: Emil Keller

Verlassen steht ein einzelner Stuhl auf der Bühne der Tonhalle St.Gallen. In einer Welt bewohnt von Stühlen würde er gerade eine flammende Rede halten. Doch in Wirklichkeit warten die Sitzreihen darauf, bevölkert zu werden. Abgesagt – dass waren alle Veranstaltungen nach dem 16. März und so verloren plötzlich nicht nur Coiffeure und Kellnerinnen ihren Lebensunterhalt, sondern auch Kinos, Konzertlokale und Museen ihren Zweck.

Auch für den freischaffenden Fotografen Mario Baronchelli lösten sich viele seiner Aufträge in Luft auf. «Ich musste mir eine Aufgabe suchen», erinnert sich der Güttinger und so kombinierte er seine zwei Schaffensfelder, die Kultur- und die Architekturfotografie und verband sie zum Projekt «Abgesagt». Während acht Wochen erkundete er die entvölkerten Konzertsäle und Vergnügungsparks der Region. «Es sollten Orte sein, die nicht für jeden zugänglich sind und gleichzeitig architektonisch etwas hergeben», beschreibt Baronchelli sein Beuteschema.

In der St.Galler Tonhalle steht einsam ein Stuhl auf der Bühne.

In der St.Galler Tonhalle steht einsam ein Stuhl auf der Bühne.

Bild: Mario Baronchelli

Den Anfang machte er in der St.Galler Grabenhalle. Doch anstatt Musikerinnen und Musiker beim Abrocken einzufangen, erwarteten ihn verlassene Barhocker und Toiletten ohne Schlange. Insgesamt fotografierte Baronchelli 31 Orte. Stundenlang streifte der 45-Jährige dabei durch Mehrzweckhallen oder Fitnessstudios und hielt die auf Pause gesetzten Räume fest. Entstanden sind Stillleben von Orten, die eine bedrückende Bewegungslosigkeit ausstrahlen. «Oft wusste ich nicht, was mich erwartet», sagt Baronchelli. Menschliche Spuren liessen sich aber dennoch finden. Yogamatten auf Bühnen, wo sonst Popstars schwitzen, oder abgelassene Schwimmbecken zeugten davon, dass alles auf eine Wiedereröffnung wartete. Verlassene Minigolfanlagen, oder leere Spielplätze verbreiten eine unheimliche Stimmung:

«Ganz allein in einer Tiefgarage zu sein, lässt Erinnerungen an Horrorfilme aufkommen.»

Das Radio dudelt weiter

Leerer Zuschauerraum im Connyland Lipperswil.

Leerer Zuschauerraum im Connyland Lipperswil.

Bild: Mario Baronchelli

Etwas, was viele dieser Orte verbindet, ist die ständig laufende Hintergrundmusik. Selbst wenn niemand zugegen ist, dudelt das Radio im Fitnesscenter oder Casino vor sich hin. «Schliesst man seine Augen, könnte man meinen alles sei normal», so der Fotograf. So entfalten viele der Bilder erst durch den Kontext der Ausnahmesituation ihre volle Wirkung. Leere Stehtische werden zu abgesagten Meetings und verlassene Kirchenaltare zu nie gesprochenen Liebesschwüren. «Ich habe bewusst keine High-End-Architekturfotos gemacht», sagt Baronchelli. Nicht jeder Winkel sollte ausgeleuchtet und jeder Schatten eliminiert sein. Wolken, die den Himmel verdunkeln, machen aus Kinderspielplätzen Orte der Niedergeschlagenheit und kriechende Schatten schleichen sich in die Kirche.

Das St.Galler Volksbad für einmal ohne Wasser im Schwimmbecken.

Das St.Galler Volksbad für einmal ohne Wasser im Schwimmbecken.

Bild: Mario Baronchelli

«Menschen verändern Räume und Räume verändern Menschen», stellt Baronchelli nach seinen Aufnahmen im Thurgau, Appenzell und St.Gallen fest. Eine Ausstellung mit grossformatigen Abzügen könnte sich der Fotograf gut vorstellen, doch geplant ist noch nichts. Ein kommerzielles Projekt war «Abgesagt» von Anfang an nicht. Viel mehr verdeutlicht es für Baronchelli, warum er sich für die Fotografie begeistert: «Es geht darum, Motive zu suchen und zu finden. Ich komme an Orte, die sonst nicht zugänglich sind und treffe Leute, die man sonst nicht trifft.»

www.abgesagt.ch

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