Ode an einen Geiger

Hörbar Klassik Joseph Joachim war in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts der renommierteste Geiger – darüber hinaus regte er wichtige Kompositionen für sein Instrument an.

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Hörbar Klassik

Joseph Joachim war in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts der renommierteste Geiger – darüber hinaus regte er wichtige Kompositionen für sein Instrument an. Ihm huldigt Berufsgenosse Daniel Hope auf der CD «The Romantic Violinist – A Celebration of Joseph Joachim». Das gewichtigste Werk, welches Joachim anregte, das Violinkonzert von Brahms, bleibt allerdings ausgespart. Dafür findet sich das 1. Violinkonzert g-Moll von Max Bruch; wie bei Brahms hat Joachim auch hier mit Vorschlägen in die kompositorische Substanz eingegriffen. Hope mit seinem zugriffigen Ton, der die gefühlshafte Emphase keineswegs scheut, lässt kaum Zweifel daran, dass er das Zentrum dieser Aufnahme ist. Die Stockholmer Philharmoniker unter Sakari Oramo geraten ebenso ins zweite Glied wie der Pianist Sebastian Knauer bei den kammermusikalischen Zeugnissen aus dem Joachim-Umfeld, etwa von Clara Schumann und Johannes Brahms. Und Joachim als Komponist? Über edle, gefällige Salonmusik geriet er weder in der Romanze noch im Notturno sonderlich hinaus.

Deutsche Grammophon 477 9301. Daniel Hope spielt mit Migros Classics das Bruch-Konzert auf Tournée: am 27. April in St. Gallen.

Die romantische Geige

Hope wird bei seinem St. Galler Auftritt vom Belgischen Nationalorchester begleitet. Das schlägt die Brücke zur zweiten CD-Edition. Denn zur selben Zeit, als Joachim wirkte, brachte die vielgerühmte franco-belgische Violinschule mit Henri Vieuxtemps ebenfalls einen Geiger von internationalem Rang heraus. Schumann beschrieb Vieuxtemps' Interpretation poetisch: «Wie eine Blume duftet und glänzt dieses Spiel zugleich» – ein Bild für die schwebende Eleganz auch seiner Kompositionen. Da hat Vieuxtemps einiges mehr zu bieten als Kollege Joachim. Das gilt vor allem für seine sieben Violinkonzerte, zwischen 1840 und 1880 entstanden: klassizistisch die frühen Stücke, romantischer die späteren. Interessant an unserer Einspielung des kompletten Œuvres ist der Versuch, gleich sieben Geiger einzusetzen, junge Talente aus der Schule des renommierten Augustin Dumay. Erkennbar wird dabei auch, wie sich die Zeiten gewandelt haben. Anforderungen, die vor über hundert Jahren nur Virtuosen wie Vieuxtemps bewältigten, spielt heute auch der Nachwuchs zwar nicht gerade mühelos, aber souverän.

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Mario Gerteis

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