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Die Goldenen Zitronen spielen in St.Gallen von nützlichen Katastrophen

Die legendäre Punkband Die Goldenen Zitronen spielt übermorgen im Palace St. Gallen. Ihr Sänger Schorsch Kamerun erzählt von den Anfängen der Band in den 1980er-Jahren in Hamburg und sagt, wie Musik heute noch irritieren kann.
Marc Peschke
Die Goldenen Zitronen mit Sänger Schorsch Kamerun vorne in der Mitte. (Bild: Frank Egel)

Die Goldenen Zitronen mit Sänger Schorsch Kamerun vorne in der Mitte. (Bild: Frank Egel)

«Immer diese Widersprüche, Widersprüche!» Wenn Schorsch Kamerun singt, dann klingt das gelegentlich immer noch wie eine hastige Meldung aus dringendem Anlass. Immer diese Widersprüche: Einmal waren die 1984 gegründeten Goldenen Zitronen fast Stars – und wurden als neue «Fun-Punk-Hoffnung» bejubelt. Zeit, etwas anders zu machen: Das Album «Das bisschen Totschlag» aus dem Jahr 1994 markierte den Neubeginn. Seitdem liessen übersteuerte Gitarren, ein nervöser, holpernder Sprechgesang und das Jaulen einer Orgel eine Verweigerungshaltung erkennen, deren Produktivität bis heute grenzenlos ist. Es steckt immer noch Unbestechlichkeit in der Musik der Hamburger Band, die fordert und fasziniert. Die Härte, welche die Goldenen Zitronen in der Welt entdecken, geben sie ans Publikum weiter. Fordernd und rhythmisch. Da ist die schmeichelnde, dann schneidende Stimme des Sängers Schorsch Kamerun. Dazu poltert und federt die Musik – jederzeit bereit, mit fliegenden Fahnen in der Endlosschleife verloren zu gehen.

«Die Welt ist nicht mehr Schwarz und Weiss»

Inzwischen sind 13 Alben der Goldenen Zitronen erschienen. Das jüngste, «More Than A Feeling» wurde gerade erst veröffentlicht. Auf diesem zeigen Julius Block, Ted Gaier, Schorsch Kamerun, Enno Palucca, Stephan Rath und Mense Reents erneut, wie gegenwärtig ihre Musik ist. «Bei vielen unserer Themen haben sich Eindeutigkeiten erledigt», sagt Schorsch Kamerun im Interview. «Auch wir müssen erkennen, dass die Welt nicht mehr so klar in Schwarz und Weiss zu beschreiben ist, wie sie es vielleicht noch zu unseren Anfangstagen war: So kann ein Gentrifizierungskritiker gleichzeitig Stadtmarken-Aufwerter sein.»

«Unsere Musik sucht nach der Irritation»

Stücke wie «Nützliche Katastrophen» zeichnen ein beunruhigendes Bild der Welt: «Ich baue Wände voll erzeugter Ängste/ Und werde zum Regenten ernannt», singt Kamerun. Der düstere, flirrende Sound dazu ist gemacht aus Krautrock, Störgeräuschen und Eighties-Avantgarde, aus Elektro, Hip Hop, Noise, New Wave und Postpunk, aus glanzvollem Pop – vor allem aber ist diese Musik gemacht aus einer Haltung, die immer noch Punk ist, auch wenn sie heute anders klingt. Kamerun: «Unsere Musik sucht nach einem Ausdruck, der möglichst klar ein bestimmtes Nichteinverständnis inklusive spürbarer Irritation erzeugen will, weil wir glauben, dass die meiste popkulturell erzeugte Haltung heute ansonsten fürchterlich austauschbar gerät.»

Immer noch eine politische Band

Die Goldenen Zitronen, politisiert im Hamburg der 1980er-Jahre und seit einigen Jahren auch als Theatermusiker- und Regisseure aktiv, singen auf dem neuen Album über Mauern im Meer, über rechte Wutbürger, über ein diffuses Wir-Gefühl, über gentrifizierte Grossstädte, über die minimale Frauenquote im Schwarzen Block, machen den G20-Gipfel in Hamburg in dem Track «Die alte Kaufmannsstadt Juli 2017» zum Thema, erzählen von der alten BRD und haben sogar Platz für ein Liebeslied. «Bleib bei mir» heisst es und wird von Kamerun im Duett mit Sophia Kennedy gesungen.

Der Sound zu pausenlosen Sensationsmeldungen

«More Than A Feeling», der Titel des Albums, spielt auf eine Unruhe und Beklommenheit an, welche viele Menschen seit einigen Jahren erfasst hat. Das Album ist der giftig bis nörgelige Soundtrack zu einer Zeit der «epischen Terrorwarnungen», der «pausenlosen Sensationsmeldungen», der «lustvollen Nebelkerzen», doch klingt es an vielen Stellen grooviger denn je. Warum? «Damit man die Beklommenheit besser fühlen kann», sagt Kamerun. «Wenn unsere teilweise recht düsteren Themen auch noch steif, abweisend und unsinnlich rüberkämen, könnten wir sie ja gleich in der Kiste lassen.» Jetzt ist diese ganz und gar nicht unsinnliche Band im Palace zu Gast. Im Vorprogramm sind Shari Vari zu erleben, Helena Ratka und Sophia Kennedy, mit, wie sie es nennen, «experimental pop music».

Hinweis
Do, 11.4, 20.30 Uhr, Palace St. Gallen

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