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Nur das ausgestreckte Zebra fehlte

Bachmann-Preisträgerin Nora Gomringer ist am Montag mit Schlagzeugbegleitung im St. Galler Kult-Bau aufgetreten. Im prächtigen Salon las und sang sie mit souveräner Heiterkeit Antiromantisches, Skurriles und Abgründiges.
Hansruedi Kugler
Nora Gomringer mit ihrem Schlagzeug-Begleiter Philipp Scholz auf der Bühne im Kult-Bau. (Bild: Benjamin Manser)

Nora Gomringer mit ihrem Schlagzeug-Begleiter Philipp Scholz auf der Bühne im Kult-Bau. (Bild: Benjamin Manser)

ST. GALLEN. Ein Geheimtip ist die Lesereihe Noisma an der Konkordiastrasse 27 eigentlich nicht mehr. Und trotzdem immer wieder für Entdeckungen gut. Seit zehn Jahren finden hier fünf Lesungen pro Saison statt – im Salon und Übungsraum des Klavierduos Ute Gareis und Klaus-Georg Pohl. Bis zu hundert Personen finden Platz, auf Stühlen, Fauteuils und Sofas, neben Stehlampen, Bücherregalen und Zimmerpalmen. «Ein wunderbar gemütlicher und grosszügiger Ort», schwärmt Nora Gomringer. «Ich warte geradezu auf den Elefanten, der hereingeführt wird. Es hat hier so was Kolonialistisches», scherzt sie. «Ein ausgestrecktes Zebra würde sich auch gut machen.»

Vor Bachmann-Preis gebucht

Sinn für spontane, unbekümmerte Heiterkeit ist nur eines der vielen Talente der Lyrikerin Nora Gomringer. «Flippig und interessant, sprachspielerisch und performativ eine Wucht», schwärmt Mitorganisator Florian Vetsch, der sie vor vier Jahren in St. Gallen gesehen hatte und diesen Sommer für eine Lesung angefragt hat. Ihm gelang dabei ein doppelter Glücksgriff: Am Vormittag des 5. Juli sagte die Lyrikerin zu, am Nachmittag desselben Tages hatte sie den Bachmann-Preis in der Tasche. So war klar, dass die Lesung vorgestern in St. Gallen vor vollem Haus, beziehungsweise im vollen Salon stattfinden würde. Mitgebracht hat Nora Gomringer den Leipziger Schlagzeuger Philipp Scholz, mit dem zusammen sie «Peng! Du bist tot!» als «fatalyrische Performance» präsentiert.

Ohne Hohn und Spott gehaucht

Nora Gomringer haucht, flüstert und singt so leichtfüssig und warmherzig ins Mikrophon, dass man versucht ist zu denken: Hier sitzt eine Märchentante in ihrer Sanftmut – und überhört dabei fast die sarkastischen Abgründe der Texte. Und von denen gibt es jede Menge. Zum Beispiel im Gedicht «Vielmals», in dem sie von verkauften Kindern erzählt: «Einmal war der Bauer so müde, dass er im Stall auf meiner Schwester einschlief. Einmal nahm ich Rizinus und verlor das Kind. Einmal pinkelte sie im Stehen, um ihre Füsse auf der eiskalten Weide zu wärmen.»

Bitter wirkt das sarkastische Märchen trotzdem nicht. Aggressivität, Hohn und Spott ist nicht die Art der Gomringer. Das zart Gehauchte und lächelnd Gesungene, die perlenden Xylophon-Töne und die federleicht gejazzten Trommelwirbel produzieren einen betörend sympathischen Sound. «Das Schlagzeug kann sehr lyrisch sein und eigene Geschichten erzählen», sagt sie. Da sitzt keine gequälte Seele auf der Bühne, sondern eine lebensfrohe und tatendurstige Frau, die ja Direktorin des internationalen Künstlerhauses in Bamberg ist, dieses Jahr mehrere Gedicht- und Aufsatzbände veröffentlicht hat und eine sehr, sehr gebildete Person ist – hörbar in vielen Genres zu Hause: Sie hat Anglistik, Germanistik und Kunstgeschichte sowie zwei Jahre an einer Musicalschule studiert, ihre Mutter ist Germanistin, ihr Vater der berühmte Lyriker Eugen Gomringer («schwiizer sii schwizer bliibe nu luege»).

«Wandern ist langweilig»

Vor allem aus dem aktuellen Band «ach du je» liest Nora Gomringer vor und spannt thematisch den Bogen vom Weltkrieg zum Wandern, vom skurrilen Tiermärchen zum Gedichtetip. Und trägt einige zentrale Sätze ihres Bachmann-Preis-Textes vor: Die polyphone Recherche im Mehrfamilienhaus, aus dem der 13jährige schwule Tobias gefallen oder gesprungen ist. Aber wie gesagt, viele Texte sind leichter, etwa jener Auftragstext für Tourismus Leukerbad: «Gang mit Hermelin» – aus zehn Wanderungen habe sie aussuchen dürfen, um im Gomringer-Stil einen Text zu schreiben, erzählt sie. Weil sie Wandern langweilig findet, entschied sie sich für die kürzeste. Und erfand ein lispelnd sprechendes Hermelin mit Liebesschmerz, das sie auf der Wanderung begleiten will, worauf sich ein skurriler Dialog über die Liebe ergibt. Ja, eine Lustige sei sie schon, meint Nora Gomringer, aber nicht nur. Weil sie auf der Bühne so souverän, offen- und warmherzig agiert, mag man ihr das trotzdem fast nicht glauben.

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