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NOT VITAL: Vitals sinnlicher «Not»-Stand

Er ist vermutlich der bekannteste Kunst-Exportschlager der Bündner. Nun holte Stephan Kunz den gebürtigen Sentner für die erste in der Schweiz ausgerichtete Retrospektive ins Kunstmuseum Chur.
Brigitte Schmid-Gugler
Der 69-jährige Not Vital: Aus dem Bergler ist ein Weltenbürger geworden. (Bild: Ennio Leanza/Keystone)

Der 69-jährige Not Vital: Aus dem Bergler ist ein Weltenbürger geworden. (Bild: Ennio Leanza/Keystone)

Brigitte Schmid-Gugler

Der Strohhut ist sein Marken­zeichen. Und die Nasen sind es auch. In der Ausstellung mit dem Titel «univers privat» sind sie Hauptbestandteil einer fast zwei Meter hohen Skulptur. Die Gusskanäle der Bronze bilden die Verbindungstücke der Konstruktion, die, würde man sie weiterdenken, ins Unendliche wachsen könnte. 171 menschliche Nasen, hier sind es Abdrücke von ägyptischen Riechorganen, entstanden im Jahr 1990.

Im Elternhaus in Sent, wo Not Vital während seiner Heimat-aufenthalte wohnt, lagen sie im vergangenen Sommer als Multiples in Schächtelchen verpackt. Was hat er nur mir seinen Nasen?, dachte man damals und findet im Kunstmuseum Chur auch ohne Hinwendung zum konstant verschmitzt lächelnden Strohhut-­Jäger ohne Waffe eine mögliche Erklärung: Man weiss über den Welt-bewohnenden, faszinierten Tier- und Menschenfreund Vital, dass bei ihm alles Befühlte, ­Betrachtete und wohl auch alles durch das komplexeste aller fünf Sinnesorgane Aufgenommene, zur körperhaften Plastik mutieren kann.

Verweigerer, Verkünder, Herausforderer

Im Kunstmuseum Chur sind zum Teil erstmals ausgestellte frühe Arbeiten aus den 1960er-Jahren als Fotoserien zu sehen. Not Vital mit wilden Wuschelhaaren als Menschenskulptur auf Felsbrocken und im Schatten von Bäumen balancierend. Man sieht auf hohen Stelzen, manchmal auch als anatomisch verzerrte Leiber ganz simpel gegen die Wand gelehnte Objekte. Wirbel- und Säugewesen, Felle, die keine sind, Schnauzen, Tatzen, Menschenköpfe. Sie scheinen uns genau so zu betrachten, wie wir sie. Alles in Not Vitals Schaffen – bis hin zum spiegelglatten Selbstporträt aus Edelstahl – hat damit zu tun, dass sein «privates Universum» pulsiert, folglich ausdünstet, gelebt hat, weiterleben, heraus will aus eindimensionalen Zuschreibungen. Bruder und Architekt Duri Vital, der viele Jahre mit Not arbeitete und reiste, bemerkte einmal fast zärtlich, sein teilweise monumental arbeitender Bildhauer-Bruder schaffe es nicht, einen Nagel gerade in die Wand zu schlagen. Muss er auch nicht können. Wir nähmen ihn aber jederzeit als einen Messias, als tänzelnden Tröster, als tröstenden Tänzer.

Mit dem verführerischen Blick des Nichtanklägers

Denn was dieser Künstler-Konservator uns Menschen zeigt und offenbart, ist eigentlich biblischen Gehalts. Seine Werke sagen ohne ein einziges Wort der Anklage alles darüber aus, wie unsere Sinneswahrnehmungen schrumpfen. Auch die des Riechens. Einer der grossen Räume ist mit den 700 «Snowballs», ausgelegt. Sie wurden 2007 aus Murano-Glas geschaffen. Wir möchten weinen, so einfach, so schön, so tränengeladen sind sie in ihrer Präsenz. «Leckt mich doch!» könnte seine «Tongue», eine 39 Zentimeter hohe Bronze-Tierzunge, geschaffen 1986, einem nachlallen. Aber sie tut nichts. Sie sinniert bloss wie eine alternde Ballerina auf ihrem ­Sockel.

Der von einer unzulänglichen Behörde temporär abgesetzte künstlerische Direktor des Hauses, Stephan Kunz, hat einen turbulenten Sommer hinter sich. Hoffentlich reicht diese grandiose Schau, um endlich durchatmen zu können.

Bis 19. 11., Kunstmuseum Chur.

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