Nostalgisch, aber von heute

Der Kanadier Seth arbeitet an einem höchst eigenwilligen Comic-Universum, das sich mit vergangenen Zeiten beschäftigt, jedoch im Endeffekt zeitlos Allgemeingültiges über das Leben aussagt.

Hans Keller
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Seth unterwegs in kanadischer Comicgeschichte: Mit dicken Konturen quadratisch (links) oder feinem, dynamischem Strich und freieren Formen. (Bilder: pd)

Seth unterwegs in kanadischer Comicgeschichte: Mit dicken Konturen quadratisch (links) oder feinem, dynamischem Strich und freieren Formen. (Bilder: pd)

Die Dramatik des Ersten Weltkriegs hat zurzeit auch bei Comicschöpfern Hochkonjunktur. Der französische Meister Tardi suhlt sich geradezu in blutigem Grabenkriegsmatsch, und der für seine Balkankriegs- und Palästina-Reportagen bekannte Joe Sacco kritzelt auf Panoramen akribisch Schlachten nach.

Alles kann ein Comic sein

Heute lässt sich jedes erdenkliche Thema in Comics umsetzen. Innerhalb dieser in Bildern erzählten Welten existieren auch Exponenten, die entlang von Comic-Traditionen fabulieren und dabei Allgemeingültiges über das Auf und Ab sowie die Wechselbäder im Leben herausarbeiten – weitab von Säbelrasseln, Mord und Totschlag.

Der 1962 geborene Kanadier Seth gehört zu diesen ruhigen Erzählern. Rückwärtsgewandt, interessiert er sich vor allem für Cartoon- und Comiczeichner der 20er- bis 60er-Jahre. Und davon gab es in Kanada eine ganze Menge, wie wir in Seths neuem Band «Vom Glanz der alten Tage» (Original 2013, deutsche Übersetzung 2014) erfahren. Anhand dieses Bandes und des Wurfes «Eigentlich ist das Leben schön» (Original 1996, deutsch 2010) lässt sich Seths Persönlichkeit gut umreissen.

Meisterliche Graphic Novel

Bei «Eigentlich ist das Leben schön» handelt es sich um eine meisterliche Graphic Novel, die Seth nach Erfahrungsjahren bei der Serie «Mister X» konzipierte. Sie funktioniert wie eine Art Selbstspiegelung des Autors, der altmodisch mit Hut und im Mantel monologisierend durch den kanadischen Alltag driftet, vorwiegend denjenigen von Toronto, wo er lebt. Im Schneetreiben reflektiert er über die Bedeutung alter Cartoons für sein Leben: «Ich scheine ständig Sachen, die ich erlebe, mit irgendeinem alten Comic-Gag zu verbinden.» Als «grosser Anhänger der Vermeidung» mag er keine Veränderungen. Beim Schmökern in einem «New Yorker» stösst er auf einen Cartoon eines gewissen Kalo, der ihn besonders beeindruckt.

Der stets leicht deprimierte Protagonist, dessen Leben alles andere als ein lustiger Cartoon-Gag ist, macht sich auf die Spurensuche nach Leben und Werk dieses Kalo, der, so stellt es sich heraus, ein Kanadier namens Kalloway gewesen ist. Für die Recherche vernachlässigt er sogar eine frisch eingefädelte Beziehung zu einer hübschen Frau. Obschon die Story – Seth hat sich selbst nie auf die Suche nach Kalo gemacht – fiktiv ist, besitzt sein sicherer Zeichenstil Ähnlichkeit mit jenem Kalos. Der Charme des Buches besteht nicht zuletzt im Einfangen des Duftes kanadischer Landschaften, einsamer Bahnhöfe, von Städten und Dörfern, in denen die Abendschatten an Holzhäusern entlangschleichen – man erlebt Ontario als Staffage zu diesem leicht verrückten Plot sozusagen hautnah.

Pflegte Seth in «Eigentlich ist das Leben schön» einen feinen, wenn auch durchaus dynamischen Cartoon-Strich, nähert er sich mit den dicken Konturen in den meist quadratischen Panels in «Vom Glanz der alten Tage» einer Art humoristischem Piktogramm-Stil. Anhand zweier Archive respektive Museen werden hier die Schicksale diverser kanadischer Cartoonisten und Comiczeichner nacherzählt.

Bauchige Darstellungen

Wichtig an den bauchigen und launigen bildlichen Darstellungen von Zeichnern und ihren Werken: sie lassen keinesfalls immer auf die Charaktere ihrer Schöpfer rückschliessen, aber alle haben sie auf ihre Art und Weise kanadisches Leben der jeweiligen Epoche aufgezeichnet und karikiert. Hier liegt die allgemeingültige Bedeutung dieses scheinbar so abseitigen Werkes. Von den Abenteuern eines berittenen Polizisten im steifen Pfadihut, der sich gelegentlich wie ein Superheld aufführt, bis zu «Kao Kuk», einem Weltraum-Eskimo, begleiten all diese Phantasiegestalten das kanadische Gesellschaftsleben, das in etlichen Belangen dem unseren ähnelt.

Eigentlich ist das Leben schön, zweifarbig, 170 S., Fr. 29.80 / Vom Glanz der alten Tage, s/w, 135 S., Fr. 36.50, beide Edition 52