Normas Seelen-Berg-und-Talfahrt

Es ist ein interessanter Zufall: Am selben Abend sind in St. Gallen und Luzern Inszenierungen der Oper «Norma» von Vincenzo Bellini dem Publikum präsentiert worden. Gemeinsam sind ihnen herausragende Sängerinnen.

Rolf App
Merken
Drucken
Teilen
Nein, sie kann ihnen nichts tun: Norma (Yolanda Auyanet) nimmt ihre Kinder (Nando Kuhn, Leonie Martel) in die Arme. (Bild: Iko Freese)

Nein, sie kann ihnen nichts tun: Norma (Yolanda Auyanet) nimmt ihre Kinder (Nando Kuhn, Leonie Martel) in die Arme. (Bild: Iko Freese)

«Son io», gesteht Norma, und gibt Pollione einen Kuss. Blutverschmiert und gefesselt steht er vor ihr auf der düsteren Bühne des Theaters St. Gallen, verschwunden ist das Bonvivanthafte des ersten Akts. Das Volk aber, das ihre Worte vernommen hat, wendet sich ab. Oroveso, Normas Vater, ist tief entsetzt.

Das Ende aller Heimlichtuerei

Norma hat den Schleier weggerissen von jenem Geheimnis, das sie so sorgsam gehütet hat. Weil es den Tod in sich birgt. Ihren Tod, vielleicht auch jenen ihrer Kinder. Denn der Vater dieser Kinder heisst Pollione, er ist Prokonsul der verhassten Römer im besetzten Gallien. Und zu seinen besten Zeiten ein begnadeter Verführer, der nicht nur das Herz der – zur Keuschheit verpflichteten – Priesterin Norma erobert hat, sondern auch jenes ihrer Kollegin Adalgisa.

Auf geradezu geniale Weise haben der Opernkomponist Vincenzo Bellini und sein Librettist Felice Romani 1831 das Drama um öffentliche Pflicht und private Leidenschaft, um verbotene Liebe in Zeiten des Kriegs und um eine Dreiecksbeziehung, die alles ans Licht zerrt, zu einer «Tragedia lirica» geformt, die ihren Hauptdarstellern sängerisch und darstellerisch viel, im Falle Normas sehr viel abverlangt.

Schultern, auf denen alles ruht

Pollione muss sich glaubwürdig wandeln vom überheblichen Eroberer des Landes und der Herzen zum Reumütigen. Adalgisa muss ihrer Liebe abschwören: Norma, die alles überstrahlende Hauptfigur, ist ihre Freundin und wird es noch mehr. Diese Norma schliesslich geht durch abrupte Wechselbäder des Gefühls. Sie schwankt zwischen Rachegefühlen, Mordphantasien und – immer noch – einer tiefen Zuneigung zu diesem Mann. Zu Beginn des zweiten Akts will sie sogar ihre eigenen Kinder umbringen, es ist eine höchst gespenstische Szene.

In ihrer Verkörperung der Norma vollbringt Yolanda Auyanet die Leistung des Abends. Sie verfügt über grosse Ausstrahlung, hat viel Kraft in ihrem Sopran. Und sie hat all die Zartheit, die sie in der Rolle der Priesterin auf ihrer Seelen-Berg-und-Tal-Fahrt erst so überzeugend macht. Schon ihre von grosser innerer Ruhe erfüllte Arie «Casta diva» erntet lebhaften Zwischenapplaus. Und wenn ihr im ersten Akt die von Alessandra Volpe mit warmem Mezzosopran gesungene Adalgisa ihre Affäre mit einem Unbekannten beichtet, umspielen sich beide Stimmen in einem wunderschönen Duett.

Der ganze Zauber der Musik

Das von Giampaolo Bisanti geleitete Sinfonieorchester St. Gallen begleitet die beiden sehr dezent. Wie es überhaupt Bellinis Musik in ihrem ganzen feingliedrigen Zauber und in ihren vielen Farben so vor uns ausbreitet, dass den menschlichen Stimmen viel Raum bleibt. Tiefe Streicher rühren ans Herz, Holzbläser tragen in das Drama Leichtigkeit hinein.

Martin Muehle schliesslich, der Dritte im Bunde der Hauptdarsteller, hat als Pollione anfangs tatsächlich Stahl in der Tenorstimme, wie es Operndirektor Peter Heilker versprochen hat. Dieser Römer weiss, wie er den Frauen ans Mieder geht, und er sieht auch danach aus. Doch kann Muehle auch die ihm im zweiten Teil abverlangte Wandlung glaubwürdig umsetzen mit einer zu vielen Schattierungen fähigen Stimme.

Wenig überzeugend: Oroveso

Als sein Freund und Begleiter Flavio hat Nik Kevin Koch zu Beginn einen kurzen Auftritt, Levente Páll kommt als Oroveso dann wieder eine wichtigere Rolle zu. Sie verkörpert er allerdings derart statisch, dass man ihm seine seelische Erschütterung nicht wirklich abnimmt – zumal er altersmässig auch kaum als Normas Vater durchgehen kann.

Berloffas kluge Regie

Das ist allerdings nur ein Nebenpunkt an einem Opernabend, der das Premierenpublikum zu Recht in Begeisterung versetzt hat. Neben den Hauptdarstellern ist es vor allem Nicola Berloffas kluge Regie, die dem Abend Eindringlichkeit verleiht und das an Handlung eher arme Werk mit Bewegung erfüllt.

So symbolisiert am Anfang ein toter, von den Galliern mit Blumen betrauerter Jüngling die politische Lage. Norma und Adalgisa wenden sich wechselseitig einander zu und voneinander ab, als sie von Freundinnen zu Rivalinnen werden. Alles ist genau durchdacht, auch in Marco Giustis Lichtregie.

Andrea Bellis Bühne zeigt eine Ruine, in deren Innenhof die Szenen des von Michael Vogel einstudierten und von Emmanuel Gázquez choreographisch geschulten Chors sich abspielen. Im Mittelteil der Oper werden in diesen Raum die Wände jenes Zimmers herabgesenkt, in dem unter der Obhut Clotildes (Manuela Iacob Bühlmann) Normas «verbotene» Kinder (Leonie Martel und Nando Kuhn) leben.

Zeitlos aus dem 19. Jahrhundert

Berloffa hat seine «Norma» ins 19. Jahrhundert versetzt, Valeria Donata Bettella staffiert die Damen mit prachtvollen, in ihrer Farbgebung der Handlung angepassten Reifröcken aus. Man kann diese zeitliche Situierung gut verstehen; sie lenkt die Aufmerksamkeit dorthin, wo diese Oper aktuell ist und bleibt: Ins Innere der Figuren, zu ihren Leidenschaften und zu ihren Verletzungen. Norma, das ist eine Frau im tiefsten Zwiespalt.

Die Luzerner Norma (Morenike Fadayomi) und ihr Pollione (Carlo Jung-Heyk Cho). (Bild: pd/Tanja Dorendorf)

Die Luzerner Norma (Morenike Fadayomi) und ihr Pollione (Carlo Jung-Heyk Cho). (Bild: pd/Tanja Dorendorf)