NONSENSE: Leb wohl, Elizaveta Bam

In ihrem neuen Stück «Bam» nach einem Werk von Daniil Charms unterhält die Compagnie Buffpapier mit absurdem Theater vom Feinsten – mit Gegacker, klassischem Liedgesang und harten Bässen.

Christina Genova
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Kopflos und unheimlich: Die blauen Arbeiter machen sich bereit für die Maschine. (Bild: PD)

Kopflos und unheimlich: Die blauen Arbeiter machen sich bereit für die Maschine. (Bild: PD)

Christina Genova

christina.genova@tagblatt.ch

Elizaveta Bam sitzt in der Falle. Schritte, es klopft. Fliehen, doch wohin? «Elizaveta Bam, öffnen Sie!» Die bedrohliche Stimme kommt aus dem Off. Ein Verbrechen soll die junge Frau begangen haben, doch sie ist sich keiner Schuld bewusst. In ihrer Verzweiflung und Angst flüchtet sich Elizaveta (Lea de Toffel) in einen furiosen Sprechgesang, wechselt von der Berliner Schnauze mühelos ins Schweizerdeutsche und singt in eine Banane – über Brad Pitt ebenso wie über die Mauer in Mexiko. Was das Ganze soll? Keine Ahnung. Aber der Nonsense wirkt befreiend. So befreiend, dass Elizabeta Bams Verfolger Iwan Iwanowitsch (Viviane Borsos) und Pjotr Nikolajewitsch (Christophe Carrère) auf einmal mehr lächerlich als bedrohlich wirken.

Im Stück «Bam», das die St. Galler Compagnie Buffpapier mit dem Berner Tojo Theater auf die Bühne bringt, nach einer nachvollziehbaren Logik oder zusammenhängenden Geschichte zu suchen, ist sinnlos, denn es gibt keine. Das ist anstrengend, weil man als Zuschauer erst einmal krampfhaft zu begreifen versucht, was auf der Bühne passiert. Doch hat man es endlich aufgegeben, kann man sich an den dadaistischen Sprachspielereien und dem schrägen Witz, der in den vielen kleinen Szenen mit ihren absurden Dialogen steckt, erfreuen.

Mit Nonsense gegen die Willkür

Denn warum etwas verstehen wollen, wo es nichts zu verstehen gibt? Besser ist es, den Spiess umzudrehen und der Willkür mit Nonsense zu begegnen. Das war die Devise von Daniil Charms, als er 1927 das Theaterstück «Elizaveta Bam» schrieb, auf welchem «Bam» basiert. Die Auftritte des avantgardistischen Autors und Performance-Künstlers sollen wahre Happenings gewesen sein. Charms lebte unter dem Regime Stalins in der Sowjetunion. Er wurde zweimal verhaftet, durfte kaum etwas publizieren, die von ihm gegründete Künstlervereinigung Oberiu wurde verboten. 1942 starb Charms in der Gefängnispsychiatrie. Das übermächtige System, das nach nicht durchschaubaren Regeln funktioniert, ist auf der Bühne als rumpelnde Maschine präsent. Sie wird von kopflosen Gestalten in unförmigen Arbeitskleidern aus Ikea-Taschen am Laufen gehalten (Kostüme: Iris Betschart). In der Eingangsszene drehen die roboterhaften Wesen ungelenk an den Rädchen des Getriebes, ein daran befestigtes Beil erinnert an die latente Gefahr. Schliesslich spuckt die Maschine ihre Geschöpfe – die Darsteller – über eine Rutschbahn aus.

Zwischen schwankenden Wänden

Die passgenau arrangierte Musik (Urs Baumgartner) hält das Stück zusammen, und so wie die verschiedenen Theatergattungen von Komödie bis zum Melodrama wild gemixt sind, sind es auch die Musikstile. Elizaveta headbangt mit fliegenden Haaren zu harten Bässen. Ihre behandschuhte Mama (Baptiste Eliçagaray) im weissen Deuxpièces mit Fellbesatz und Hütchen singt zwischen im Takt schwankenden Styroporwänden das Chanson «Ah, que la vie est belle» von Brigitte Fontaine – wunderbar! Und der uniformierte Herr Papa (Leon Schaetti) schliesslich ist ein Anhänger des klassischen Liedgesangs. Er hat auch gute Ratschläge parat: «Kaufst du ein Huhn, sieh nach, ob es Zähne hat. Hat es Zähne, so ist es kein Huhn.» Elizaveta nimmt dies zum Anlass, sich zum Huhn zu machen, was in allgemeinem Gegacker und Geflattert endet.

Doch der Klamauk kippt immer wieder mal ins Bedrohliche, etwa wenn Iwan Iwanowitsch eine Wunderkerze wie eine Bombe hält oder Pjotr Nikolajewitsch verführerisch singt: «Leb wohl, Elizaveta Bam». Am Ende übernehmen wieder die Gestalten in Blau, die Maschine setzt sich in Gang.

Weitere Auftritte: Heute Fr und morgen Sa: 20 Uhr, So: 17 Uhr; Grabenhalle, St. Gallen