Nochmals nah bei den Heiligen

Josef Osterwalder hat die Uraufführung der Chormotetten von Carl Rütti nicht mehr erlebt. Der Abend mit der Dommusik geriet zur berührenden Erinnerung.

Martin Preisser
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Komponist Carl Rütti. (Bild: pd)

Komponist Carl Rütti. (Bild: pd)

In «Notkers Lied» hat der letzte Woche verstorbene Autor Josef Osterwalder an Charon, den greisen Fährmann, erinnert, der die Toten über den Fluss Styx bringt. Notkers Lied trage hinüber über «die Strudel der Angst», «über den Fluss des Vergessens, einem neuen Morgen entgegen». Vier von sieben Motetten, die der Zuger Komponist Carl Rütti nach Texten von Josef Osterwalder vertont hat, wurden an der dritten diesjährigen Abendmusik zum Advent letzten Montag vor einem grossen Publikum in der Kathedrale uraufgeführt. «Josef Osterwalder hört uns aus seiner neuen Welt zu», schrieb die Dommusik St. Gallen tröstlich auf das Textblatt.

Fassliche Worte

Gallus, Othmar, Notker, Wiborada, die Bistumsheiligen – nochmals ist Josef Osterwalder ihnen in diesen Gesängen unter dem Titel «ganz schön heilig» auf sehr persönliche, aber auch schlichte Art nah. Hoffnung, aber auch Verzagen, die Stunde der Verleumdung und Marter, aber auch die Stunde der Auferstehung – in klaren, fasslichen Worten, in unkomplizierter Mystik zeigt Osterwalder die Heiligen auch als Symbole für uns alle beschäftigende universale Lebensfragen.

Carl Rütti hat bereits für das Kinder- und Jugendchortreffen als Abschluss des Gallusjubiläums Ende Oktober Texte von Josef Osterwalder vertont. Als «sehr zugänglichen und bescheidenen Menschen, der immer an der Quelle schien» hat ihn der Komponist in Erinnerung. Und für die Gesänge findet Carl Rütti einen eindringlichen, meist sehr fliessenden Tonfall. «Heilige der Zeit, die uns behutsam zum Ziel führen» komponiert Rütti in einem meditativ und sanft gehaltenen Stil; die Musik unterstützt subtil die Schlichtheit und Nachvollziehbarkeit der Heiligen-Texte.

Bildhafte Programmatik prägt den Zyklus der Motetten, und in packend plastischer Dramatik gestaltet der Komponist Wiboradas «Zeit des Leidens und doch Zeit der Ernte». Und für die Fahrt über den Fluss des Vergessens überzeugt besonders sanft Wellenartiges der Orgelbegleitung.

Anspruchsvoller Chorsatz

Carl Rütti ist ein erfahrender und international gefragter Komponist geistlicher Werke und ist daher auch fähig, seine Partituren an das Können der Ausführenden anzupassen. Für das Collegium Vocale der St. Galler Dommusik unter Domkapellmeister Hans Eberhard hat er anspruchsvolle Chorsätze realisiert. Der Chor überzeugte mit einer sehr engagierten, den meditativen Charakter des Zyklus unterstreichenden Darbietung.

Nordische Orgelmusik

Auf welch hohem Niveau der Kathedralchor singt, bewies er auch mit drei Liedern zum Advent von Max Reger. Fein säuberlich, mit klarer Stimmführung und tadellos intoniert kamen diese A- Cappella-Perlen von der Tribüne. Fast auch zwischen Düsternis und Hoffnung bewegte sich Domorganist Willibald Guggenmos mit zwei apart ausgewählten nordischen Orgelbeiträgen. Dumpfes Ostinato, stampfende Klänge und übermässige Akkorde beherrschten die Cortège des Niederländers Marius Monnikendam.

Musikalischer Abschied

Stillere wie sich schiebende Klangflächen auf einer kirchentonalen Basis, Musik zwischen Himmel und Erde – die «Procession» aus der «Kathedralmusik» des schwedischen Zeitgenossen Gunnar Idenstam bildete dann einen feinen Übergang zu den vertonten Osterwalder-Texten, die in der feinsinnigen Tonsprache Carl Rüttis zur stillen musikalischen Abschiedsfeier für den verstorbenen St. Galler Theologen und Journalisten wurden.