NO BILLAG: So wichtig ist die SRG für Ostschweizer Künstler

Was, wenn die Fernseh- und Radiogebühren abgeschafft werden? Wie wirkt sich das auf Hörspiele und Filme aus, wo finden Bands oder Comedians noch Gehör? Ostschweizer Künstler, Musiker und Autorinnen erzählen, was sie vor der Abstimmung umtreibt.
Marcel Walker, Künstlervermittler, Stein AR.

Marcel Walker, Künstlervermittler, Stein AR.

Sendeschluss für Kinder

Pamela Dürr, Hörspielautorin, St.Gallen. (Bild: Urs Bucher (Urs Bucher))

Pamela Dürr, Hörspielautorin, St.Gallen. (Bild: Urs Bucher (Urs Bucher))

Mein grösstes Problem mit der No-Billag-Initiative ist weniger der Effekt auf meine persönliche Arbeitssituation, vielmehr die Sorge um die unabhängige Berichterstattung und die sehr absehbaren Folgen ihrer politischen und finanziellen Privatisierung. Wir können doch nicht bei vollem Bewusstsein den einzigen unkäuflichen, zu Ausgewogenheit verpflichteten Träger abschaffen! Aber natürlich hätte ein Ja auch auf meine Arbeit Einfluss. Es würden wohl in der Schweiz – und damit weltweit – keine Hörspiele mehr in Mundart produziert und keine Schweizer Sendungen in Radio und Fernsehen explizit für Kinder und Jugendliche mehr verwirklicht werden. Ich würde also die Themen meiner Hörspiele nicht mehr in der Schweiz verankern und nichts mehr in Mundart schreiben, da hierzulande voraussichtlich keine Hörspiele mehr produziert würden. Meine Kinderhörspiele, allesamt in Mundart und mit in der Schweiz relevanten Themen, würden nicht mehr gesendet, und es würden garantiert keine solchen Aufträge mehr erteilt. Die SRG ist zurzeit tatsächlich die einzige Stelle, die Mittel und Interesse hat, diese Bereiche zur fördern. Kinder haben ansonsten keine finanziell potente Lobby. Notiert: bk.

Kein Airplay, weniger Konzerte

Marc Frischknecht, Musiker, St.Gallen.

Marc Frischknecht, Musiker, St.Gallen.

Für mich und viele andere Musiker ist es einen Anreiz, gute Produktionen aufzunehmen, um im Radio gespielt zu werden. Die Radiosender SRG sind die einzigen Stationen mit nationaler Ausstrahlung. Ohne Airplay im Radio kommt man als Musiker kaum an neue Hörer und Konzertbesucher. Bei den Streamingdiensten ist es als Schweizer nicht einfach, den Kopf herauszustrecken. Da meine Musik bei diversen Spartensendern von Virus, Couleur 3, Srf 3, Swisspop, aber auch nichtstattlichen Betrieben wie 3fach oder Stadtfilter (welche ebenfalls gebührenfinanziert sind), läuft, würde mit der Annahme der Initiative ein gewichtiger Teil meiner Einnahmen wegfallen. Ich schätze zudem die Diversität der verschiedenen Sender und Programme der SRG. Die Berichterstattung von SRF 1 geniesst bei mir einen sehr hohen Stellenwert. Die Qualitätsunterschiede beim TV zwischen staatlich finanzierten Sendern und privaten empfinde ich als enorm. Redaktionell aufgearbeitete Themen fehlen bei den Privaten fast vollständig. Natürlich bin ich nicht mit allem zufrieden, SRF 3 könnte mutiger sein. Trotz Kritikpunkte finde ich ‹No Billag› vollkommen die falsche Richtung. Mehr miteinander statt gegeneinander. Notiert: kaf


Private haben wenig Geduld

Marcel Walker, Künstlervermittler, Stein AR.

Marcel Walker, Künstlervermittler, Stein AR.


Mit meiner Agentur Bretterwelt vertrete ich Künstler im Humorbereich wie Lisa Catena, Alfred Dorfer, Daniel Ziegler, Heinz de Specht, Fabian Unteregger und Simon Enzler. Um Erfolg zu haben, muss man spielen und nochmals spielen – und so eine «Community» entwickeln und auch als Person wie als Figur wachsen. Radio und Fernsehen können auf diesem Weg als Teilchenbeschleuniger wirken. Radio ist naturgemäss sehr text- und inhaltsbezogen, im TV muss alles immer wahnsinnig schnell gehen. Deshalb eignen sich Stand-up-Künstler fürs Fernsehen. Schwer hat es dort aber, wer in einem Trio Musik macht. Redaktoren sagen mir, dass dann die Quoten sofort in den Keller rasseln. Alles ist auf Einzelmasken fokussiert. Bei Simon Enzler und «Comedy im Casino» hat das gut geklappt. Generell habe ich die Erfahrung gemacht, dass private Sender schneller den Erfolg erwarten und zu wenig Geduld aufbringen. Diesbezüglich würde ich von der SRG mehr Grundlagenarbeit erwarten. Allerdings kommt es vor, dass Künstler von den etablierten Medien gemieden werden – und dennoch Erfolg haben. «Divertimento» ist so ein Fall. Mit den Social Media haben sich da neue Kanäle aufgetan. Notiert: R.A.

Drehbücher liegen auf Eis

Philipp Langenegger, Schauspieler, Urnäsch.

Philipp Langenegger, Schauspieler, Urnäsch.


Die Auswirkungen der Initiative bekomme ich jetzt schon mit, noch bevor überhaupt abgestimmt wurde. Vor ein paar Tagen hatte ich ein Casting bei einer der drei grossen Schweizer Casterinnen. Auf ihrem Schreibtisch lagen drei wunderbare Drehbücher, tolle, grosse Geschichten. Diese Drehbücher werden im Moment nicht angefasst. Wenn die No-Billag-Initiative angenommen wird, liegen die drei Drehbücher nicht mehr auf dem Tisch. Ich mache mir wirklich Sorgen und frage mich, wie viele andere fantastische Drehbücher dann verschwinden werden. Ein weiteres Beispiel: Wir haben vor ein paar Jahren ein tolles Mundarthörspiel produziert, «Öber em Tal» von der jungen St. Galler Autorin Rebecca C. Schnyder. Jetzt im März nehmen wir die Fortsetzung davon auf. Ich fürchte aber, wenn die Initiative angenommen wird, gibt es auch in diesem Bereich Einschränkungen. Dabei ist ein Hörspiel auf Mundart etwas Wunderbares! Mir hat ein Bauer erzählt, dass er nicht aus dem Traktor ausgestiegen ist, bis er«Öber em Tal» zu Ende gehört hatte, weil es so spannend war. Deutsche Kollegen haben mir geschrieben und mich gefragt, ob die Initiative ein Witz sei. Leider ist es keiner. Notiert: miz

Demokratie braucht Dokfilme

David Bernet, Dokumentarfilmer, Rheineck/Berlin.

David Bernet, Dokumentarfilmer, Rheineck/Berlin.


Seit einigen Jahren lebe und arbeite ich in Berlin. Die No-Billag-Initiative ist auch hier ein grosses Thema. Wird sie angenommen, wäre das eine Zeitenwende. Alle Filmschaffenden würden abwandern, die gesamte Schweizer Filmbranche müsste sich an den europäischen Nachbarn orientieren. Niemand würde mehr Schweizer Dokumentarfilme produzieren. Und nein, das werden nicht private TV-Stationen übernehmen. In Deutschland gibt es viele starke Privatsender: Sie produzieren Unterhaltung, aber nicht das, was eine Demokratie braucht. Dokfilme, kritische Analysen, die Kinofilmwelt, daran haben Private nicht teil! Demokratie heisst für mich Dialog, es geht darum, die Lebenswelten von anderen zu verstehen. Das ist ein dauernder Prozess. Dokumentarfilme sind dafür das beste Transportmittel, sie liefern die Basis für einen offenen Diskurs, den eine Demokratie braucht. Sie erschliessen neue Horizonte mit Themen, die man nicht in einer sexy Reportage abhandeln kann. Im Privatfernsehen existieren aber weder der künstlerische Dokfilm noch der künstlerische Kinofilm. Das politische System sollte dafür sorgen, dass alle daran teilhaben können.Notiert: miz

Mein Medienkonsum ist selektiv

Andrea Gerster, Autorin, Freidorf.

Andrea Gerster, Autorin, Freidorf.


Es gibt Dinge, die wir als Gesellschaft gemeinsam finanzieren sollten. Dazu gehört die SRG. Gerade als Kulturschaffende weiss ich, wie sich das anfühlt, wenn ein Projekt nur dann unterstützt wird, wenn es verspricht zu rentieren. Und genau darauf läuft die No-Billag-Initiative hinaus.
Ich hoffe sehr, dass die Initiative klar abgelehnt wird. Im Nachgang soll sich die SRG aber kritisch und analytisch mit ihren Sendeformaten und Inhalten auseinandersetzen, denn die Befürworter der Initiative sind ernst zu nehmen. Mein eigener Medienkonsum ist selektiv. Oft weiss ich im Vorfeld, was ich sehen beziehungsweise hören möchte. Ich bewege mich dabei praktisch immer innerhalb der öffentlich-rechtlichen Sender. Lokalradio höre ich eher nebenher. Ich muss allerdings zugeben, dass ich die Programme der regionalen Fernsehsender nicht beurteilen kann, weil ich sie nicht schaue. Wenn ich raten müsste, was deren Inhalt ist, würde ich sagen, Wetterprognosen und Diskussionsrunden über lokale Angelegenheiten. Aber wahrscheinlich liege ich falsch; ich werde bei Gelegenheit diese Bildungslücke zu schliessen versuchen. Notiert: dl

Schauspieler Philipp Langenegger. (Bild: Benjamin Manser)

Schauspieler Philipp Langenegger. (Bild: Benjamin Manser)

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