Nikolay Borchev und die himmlische Sängerin

Er stellt sich mit Nikolay vor und ist sehr nett. Zwischendurch strahlt er sogar richtiggehend. Anders als dieser Typ, den Nikolay Borchev am Abend im Theater St. Gallen spielt.

Rolf App
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In aufgeräumter Stimmung: Nikolay Borchev, Opernsänger. (Bild: Urs Bucher)

In aufgeräumter Stimmung: Nikolay Borchev, Opernsänger. (Bild: Urs Bucher)

Er stellt sich mit Nikolay vor und ist sehr nett. Zwischendurch strahlt er sogar richtiggehend. Anders als dieser Typ, den Nikolay Borchev am Abend im Theater St. Gallen spielt. Deprimiert steht er am Ende auf der Bühne, er hat die Frau seines Lebens verpasst – und erst noch den besten Freund umgebracht.

«Man versteht das mühelos»

In fahlem Licht endet «Eugen Onegin» von Pjotr Tschaikowsky, eine wunderbar lyrische Oper voller Liebessehnsucht und -schmerz. Es ist die Geschichte einer Zurückweisung, und Nikolay Borchev macht als Eugen Onegin keine gute Figur darin.

Und: Es ist eine Traumrolle für einen Bariton, der wie er aus Russland stammt. Und der hier in St. Gallen Russisch singt, in dieser wunderbar melodischen Sprache, die sich in eine Musik einfügt, die man, wie Nikolay Borchev betont, «mit ihren Leitmotiven und ihrer tiefen Romantik auch ohne Text mühelos versteht».

Ein Klassiker in vielerlei Form

Tschaikowsky habe das Stück denn auch zur Uraufführung dem Opernstudio des Moskauer Konservatoriums überlassen, «er wollte junge Sänger mit ihren eigenen Empfindungen». Nikolays Liebe zu «Eugen Onegin» hat ebenfalls früh begonnen. «Mit vierzehn kannte ich sie auswendig und habe mir auch ganz viele Inszenierungen angeschaut», erzählt er beim Kaffee. «Deshalb habe ich sofort zugesagt, als der St. Galler Operndirektor Peter Heilker mich gefragt hat.»

In Moskau, wo Borchev aufgewachsen ist, ist «Eugen Onegin» der Klassiker. Der diesem Werk zugrunde liegende Versroman von Alexander Puschkin gilt als eine Art «Enzyklopädie der russischen Seele». «Man wächst damit auf», sagt Nikolay Borchev, «es gibt unzählige Theaterstücke, Verfilmungen, Opern und Ballette. Und wenn man wie ich im Ausland lebt, empfindet man auch nostalgische Gefühle.»

Nikolay Borchev spricht gut Deutsch. Er hat zuerst in Moskau, dann in Berlin studiert, wo er wohnt. Das heisst, genauer: Er hat dort ein Appartement – «damit ich ein Zuhause habe». Denn er ist viel unterwegs. Neun Jahre lang hat der heute 35-Jährige, der der Bayrischen Staatsoper angehört, zwei Spielzeiten der Wiener Staatsoper. Seither reist er rund um den Erdball, singt Opern, Operetten, Oratorien, Kantaten und Lieder.

«Eine groteske Komödie»

Wie dieses Wanderleben aussieht, das lässt sich gut an seinem St. Galler Zwischenstop illustrieren. Heute steht noch einmal «Eugen Onegin» an, Nächste Station ist Brüssel, wo am Opernhaus La Monnaie unter der Leitung von René Jacobs «L'Opera Seria» geprobt wird, ein Werk des unbekannten Florian Leopold Gassmann. «Er war ein Zeitgenosse Mozarts», erzählt Borchev. «<L'Opera Seria> ist eine groteske Komödie über Opernklischees und -konflikte. Sie handelt auch vom Albtraum eines Sängers – dass alles daneben geht. Und als Krönung verschwindet der Impresario mit dem ganzen Geld.»

Sein Geld verdient Nikolay Borchev mit der Stimme, doch am Anfang stand das Klavier. «Wir hatten zu Hause ein schönes altes Klavier, darauf habe ich schon als Kind herumgeklimpert. Meine Mutter hat mich dann zur Musikschule gebracht.» Mit dreizehn hat er im Konzert eine Sängerin gehört mit Mozarts «Exsultate, jubilate». «Das war so himmlisch schön, dass ich Sänger werden wollte – ohne zu wissen, dass ich das Zeug dazu habe.»

Der beste Beruf der Welt?

Ist es immer noch himmlisch, Sänger zu sein? Nikolay Borchev schaut uns eindringlich an. «Wissen Sie, wenn die Stimme funktioniert, dann ist es der beste Beruf der Welt. Aber wenn man krank ist oder andere Probleme hat, dann spiegelt sich das alles in der Stimme.»

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