Niemand lebt so gefährlich wie sie: Kriegsfotografinnen werden mit einer Ausstellung geehrt

Reden wir von Kriegsreportern, stellen wir uns Männer vor. Haudegen, harte Kerle. Das Fotomuseum Winterthur zeigt jetzt «Fotografinnen an der Front».

Sabine Altorfer
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Gerda Taro fotografierte die republikanische Milizionärin bei der Ausbildung am Strand von Barcelona 1936.

Gerda Taro fotografierte die republikanische Milizionärin bei der Ausbildung am Strand von Barcelona 1936.

Gerda Taro, © International Center of Photography, New York

Aus politischer Motivation reist Gerta Pohorylle 1936 nach Spanien. Sie will den Krieg gegen Franco dokumentieren und Europa mit ihren Bildern aufrütteln. Sie fotografiert Milizionärinnen am Strand beim Training, Tote im Leichenschauhaus, Kinder zwischen Ruinen und Kämpfer an der Front. Eindringlich, nahe, wie als Beteiligte. Die aus Deutschland emigrierte Jüdin arbeitet unter dem Namen Gerda Taro. 1937 stirbt sie, erst 27-jährig, überrollt von einem Panzer.

«Sie ist vielleicht die erste weibliche Kriegsfotografin, die in Action stirbt»

, schreibt das «Life»-Magazin im Nachruf. Viele Gerda Taros Bilder erscheinen in Illustrierten der Zeit, die meisten aber unter dem Pseudonym ihres später viel bekannteren Mannes Robert Capa.

Gerda Taro in Spanien im Juli 1937, dem Jahr in dem sie starb.

Gerda Taro in Spanien im Juli 1937, dem Jahr in dem sie starb.

Bild: Wikipedia

Wir erinnern uns an die Kriege in Bildern

Ob Spanischer Bürgerkrieg, Vietnam, Irak, Kambodscha oder Zweiter Weltkrieg: Wenn wir die Wörter hören, tauchen in unseren Köpfen Bilder auf. War und ist irgendwo auf der Welt ein Krieg, sehen wir täglich Bilder der Kämpfe, der Toten, der Zerstörung. Feiern sollen die Berichterstatter den Kampf, die Siege und die Tapferkeit der eigenen Truppen. Doch sie zeigen auch die Grausamkeit, das Leid und die Angst – der Soldaten wie der Zivilbevölkerung. Das ist so, seit es Fotografie gibt und ist vor allem so, seit sich Fotos schnell und einfach verschicken lassen.

So präsent die Bilder sind, so unbekannt sind oft die Fotografen. Spricht man von ihnen, stellt man sich Männer vor: Haudegen, Abenteurer, unerschrocken Typen. Manchmal auch Männer, die im Krieg gegen den Krieg fotografierten. Was nicht ins Bild passen will, ist das Bild einer Reporterin auf dem Schlachtfeld. Auf acht «Fotografinnen an der Front» macht die Ausstellung im Fotomuseum Winterthur aufmerksam.

Die Amerikanerin Lee Miller, surrealistische Fotokünstlerin bekam 1944 den Auftrag ein Feldlazarett in der Normandie zu fotografieren, doch sie bricht aus dem Rayon aus, reist und schreibt, folgt den Truppen bis nach Osteuropa, bis zur Befreiung der Konzentrationslagers Dachau und Buchenwald. Die Vogue-Redaktion ist begeistert über ihre Reportagen, ihre durchkomponierten, distanzierten Bilder.

An die Front aus Zufall oder aus Überzeugung

Nicht Distanz, sondern anwaltschaftliche Nähe suchen die meisten Fotografinnen. Das machen die Kuratorinnen Anne-Marie Beckmann und Felicitiy Korn als einen Unterschied von Frauen und Männern aus.

Nur als Schatten aber eindringlich: Susan Meiselas, Soldaten durchsuchen Busreisende am Northern Highway, El Salvador, 1980.

Nur als Schatten aber eindringlich: Susan Meiselas, Soldaten durchsuchen Busreisende am Northern Highway, El Salvador, 1980.

Susan Meiselas / Magnum Photos NYC 212-929-6000

Auch dass Fotografinnen oft das Leid der Zivilistinnen, die Unbeschwertheit-trotz-Allem bei Kindern oder die Gewalt gegenüber Unterlegenen und Gefangenen festhalten.

«Wenn ich es nicht fotografiere, wird es nicht bekannt»

, sagte Anja Niedringhaus. Für Agenturen fotografierte sie in Bosnien, Irak, Gaza und Libyen den Clash von Gewalt und Alltag, von Sterben und Überlebenwollen. Eindringlich und nahe. Zu nahe: 2014 wurde die 49-jährige Deutsche in Afghanistan erschossen.

Das Symbol des Umsturzes: Carolyn Cole dokumentiert wie ein von Schüssen durchlöchertes Wandbild von Saddam Hussein 2003 kurz nach dem Einmarsch der US-Truppen in Bagdad übermalt wird.

Das Symbol des Umsturzes: Carolyn Cole dokumentiert wie ein von Schüssen durchlöchertes Wandbild von Saddam Hussein 2003 kurz nach dem Einmarsch der US-Truppen in Bagdad übermalt wird.

Carolyn Cole / Los Angeles Times

«Gefahr muss man aushalten und den Willen haben zu bleiben», sagt Carolyn Cole. Als der Irakkrieg begann, war sie in Bagdad, sie blieb und fotografierte die Bombardierung, setzte Soldaten in Szene, zeigte die Ohnmacht Gefangener oder wie ein von Schüssen übersätes Bildnis von Saddam Hussein übermalt wurde. Es ist ein Symbolbild dieses Krieges, die Fotografin aber kennt kaum jemand.

Tipp:
«Fotografinnen an der Front»
Fotomuseum Winterthur
bis 24. Mai.

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