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Ewigkeitsmusik aus der Lagerbaracke

Olivier Messiaen komponierte sein «Quatuor pour la fin du temps» 1941 in Kriegsgefangenschaft; die Uraufführung fand vor 400 Mithäftlingen im Lager Görlitz statt. Nächste Woche ist das Werk in der Tonhalle St. Gallen zu hören.
Bettina Kugler
Im Kriegsgefangenenlager schrieb er ein Quartett für das Ende aller Zeit: Olivier Messiaen, mit Cellist Etienne Pasquier und Zuhörern. (Bild: PD)

Im Kriegsgefangenenlager schrieb er ein Quartett für das Ende aller Zeit: Olivier Messiaen, mit Cellist Etienne Pasquier und Zuhörern. (Bild: PD)

«Stalag VIII A 49 geprüft» steht auf dem Stempel, mit dem ein Funktionär des Kriegsgefangenenlagers im schlesischen Görlitz ein geschichtsträchtiges Konzert genehmigte: die Uraufführung von Olivier Messiaens «Quatuor pour la fin du temps» am 15. Ja­nuar 1941. Der Komponist, vor ­Ausbruch des Zweiten Weltkriegs ­Organist der Kirche La Trinité in Paris, zeitlebens aus seiner tiefen Religiosität schöpfend, war einer von 5000 Häftlingen in Görlitz; er schrieb das Kammermusikwerk in der Gefangenschaft.

Hochvirtuoses Vogelgezwitscher

Heute zählt es zu den Schlüsselwerken der Moderne: So kühn und visionär ist seine Anlage in acht lautmalerischen Sätzen, die eine Passage aus der Offenbarung des Johannes aufnehmen und musikalisch das Ende der Zeit aufscheinen lassen. Zuhörer wie Ausführende berührt es tief; es packt heftig. Kommt hinzu, dass die Entstehungs- und Aufführungsgeschichte seinen Rang als klingendes Mahnmal bekräftigt hat. «Man ist beflügelt und vollkommen fertig, wenn man es gespielt hat», sagt etwa der Klarinettist Dimitri Ashkhenazy; «es ist ein Meisterwerk nicht nur des 20., sondern aller Jahrhunderte.»

Ein erster Satz, das Solo «Abîme des oiseaux», war schon im Juni 1940 fertiggestellt worden. Der Klarinettist Henri Akoka soll es im Beisein Messiaens auf freiem Feld uraufgeführt haben, im Trubel der Gefangennahme, unter zusammengepferchten Soldaten. Der Rücken eines Cellisten diente als Notenständer, Akoka verzweifelte fast angesichts der Virtuosität, die ihm Messiaens Vogelimitation abverlangte.

Ein Publikum in Lumpen, schadhafte Instrumente

Dass Messiaen im Lager Görlitz weiterkomponieren konnte, verdankte er einem musikbegeisterten Aufseher, der Notenpapier und Instrumente organisierte. Am Klavier blieben die Tasten hängen, das Cello hatte nur drei Saiten – überhaupt ist die Besetzung für Violine, Klarinette, ­Cello und Klavier ungewöhnlich. Gleichwohl wird kaum ein Quartett des 20. Jahrhunderts so oft gespielt, meist von Musikern, die sonst solistisch konzertieren. Im Meisterzyklus am Dienstag sind es die Geigerin Carolin Widmann, die Klarinettistin Sharon Kam, die Cellistin Tanja Tetzlaff und der Pianist Antti Siirala.

400 Kriegsgefangene erlebten 1941 die Uraufführung in einer Baracke: Soldaten aus allen Schichten, Bauern und Ärzte, ­Intellektuelle und Hilfsarbeiter; frierend, in zerlumpten Kleidern. «Nie wieder hat man mir mit grösserer Aufmerksamkeit und solchem Verständnis zugehört», so erinnerte Messiaen sich später an die gewaltige Wirkung seiner Endzeitmusik.

Dienstag, 22.1., 19.30 Uhr, Tonhalle St. Gallen

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