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Interview

Frustriert, verdorben und ungepflegt: Nicole Kidman brilliert als kaputte Polizistin

Hollywood-Star Nicole Kidman ist stolz darauf, Familie und Beruf unter einen Hut zu bringen. Für ihren ­neuen Film «Destroyer» verlässt sie diese heile Welt. Und spielt einen «Bad Cop».
Marlene von Arx, Los Angeles
Nicole Kidman changiert in ihren besten Rollen zwischen Fragilität und eiserner Härte. Bild: Neil Hall/EPA (London, 12. Oktober 2017)

Nicole Kidman changiert in ihren besten Rollen zwischen Fragilität und eiserner Härte. Bild: Neil Hall/EPA (London, 12. Oktober 2017)

In Ihrem neuen Film «Destroyer» sind Sie kaum wiederzuerkennen...

Nicole Kidman: Ich habe mich im Spiegel selber fast nicht erkannt. Aber ich habe nicht viel in den Spiegel geschaut. Das hätte Erin auch nicht getan.

Sie spielen die Polizei-Detektivin Erin, der das Leben aus dem Ruder läuft. Was hat Sie gereizt, in ihre Haut zu schlüpfen?

Die Rolle war etwas Neues für mich, das hat immer seinen Reiz. Interessanterweise hatte ich vier Wochen zuvor «Boy Erased» fertig gedreht, und obwohl die Figuren sehr verschieden sind, spielte ich in beiden Filmen Mütter, die gegenüber ihren Kindern Fehler gemacht haben, die sie korrigieren wollen. Dieses Thema aus unterschiedlichen Winkeln anzuschauen, finde ich spannend. Zudem wollte ich die Regisseurin Karyn Kusama unterstützen.

Wie haben Sie die Figur erarbeitet?

Es gab viele Einstellungen nur auf meinem Gesicht, und so wusste ich, dass alles von innen kommen muss. Karyn zeigte mir Videos von Kojoten als Orientierung. Das tönt vielleicht verrückt, aber mir hat das sehr geholfen. Wie ich im Film in die Welt schaue und mich bewege, ist in Referenz zu diesem Tier. Marlon Brando liess sich für Don Corleone in «The Godfather» von einer Bulldogge inspirieren. Ich liess mich von Kojoten inspirieren.

Sie sinken sehr tief in Ihre Rollen. Nehmen Sie diese Emotionen mit nach Hause?

Schon. Zum Glück ist Keith (Country-Sänger Keith Urban, Anm. d. Red.) ein Mann, der den Künstlerprozess versteht und mir Raum gibt. Er war trotzdem froh, als «Destroyer» endlich abgedreht war. Meine Kinder waren auch etwas schockiert, wie ich aussah. Aber sie sind zehn und acht Jahre alt und wissen, dass sie eine Schauspielerin als Mutter haben und dass ich auf der Gefühlsskala Dinge ausprobiere.

Was hat Ihre Töchter Sunday und Faith bisher am meisten beeindruckt?

Für sie ist der Höhepunkt meiner Karriere, dass ich in «Aquaman» einen Goldfisch verschlungen habe. Er war natürlich kein echter, sondern aus Gelatine.

Zeigen Ihre Töchter Interesse an einer eigenen Showbusiness-Karriere?

Momentan sind sie in einer Phase, in der sie eher Tierärztin werden wollen. Eine Tochter interessiert sich ein bisschen für Regie, aber die Interessen werden sich noch ein paar mal ändern. Und Musik ist natürlich auch ein Thema: Keith hat mir gerade eine Video von Faith beim Geigespielen geschickt. Ich finde, ich habe die talentiertesten Kinder der Welt. Und er findet: Ja ja, sie wird langsam besser.

Apropos Regie: Wieso haben Sie eigentlich noch nie Regie geführt?

Weil meine grosse Leidenschaft immer noch die Schauspielerei ist. Ich bin für die Schauspielerei geboren. Sie hat mir so viel gegeben. Dafür produziere ich ab und zu. Das fing mit «Rabbit Hole» an zu einer Zeit, als mich die Auswahl von Rollen etwas frustrierte. Inzwischen habe ich mit Reese Witherspoon die TV-Serie «Big Little Lies» produziert. Dieser Erfolg gibt mir als Produzentin ein gewisses Selbstvertrauen. Deshalb habe ich mir die Rechte von «Nine Perfect Strangers», das nächste Buch der «Big Little Lies»-Autorin Liane Moriarty, gesichert. Ich habe ihr versprochen, dass wir es schaffen werden, das Buch als Mini-Serie oder Film umzusetzen.

Frustriert, ungepflegt, mit tiefen Furchen und selbstzerstörerisch: Nicole Kidman (links) ist kaum wiederzuerkennen. Bild: Ascot

Frustriert, ungepflegt, mit tiefen Furchen und selbstzerstörerisch: Nicole Kidman (links) ist kaum wiederzuerkennen. Bild: Ascot

Für die zweite Staffel von «Big Little Lies» haben Sie Meryl Streep verpflichtet. War das schwierig?

Nein, überhaupt nicht. Sie sagte zu, ohne das Drehbuch gelesen zu haben, weil sie Reese und mich und die anderen Frauen unterstützen wollte. Das finde ich super, doch dann bekamen wir das Knieschlottern, denn ihr Part musste ihr auch würdig sein. Aber Stanley Kubrick hat mir mal gesagt, ich soll nie jemanden auf einen Sockel stellen, denn so kann man nichts Schlaues kreieren. Das stimmt natürlich.

Ist Meryl Streep denn immer noch ein Vorbild für Sie – auch nachdem Sie selber so viel erreicht haben?

Auf jeden Fall. Zuerst wollte ich ja Ballett-Tänzerin werden, aber ich wurde zu gross. Dann las ich viel über Schauspielkunst – auch was Meryl Streep über ihr Streben nach der Bestleistung sagte. Das imponierte mir. Sie war auch immer ein Vorbild, weil sie es schaffte, Beruf und eine funktionierende Ehe aufrechtzuerhalten sowie Kinder grosszuziehen. Der Kreis schliesst sich jetzt. Ich hoffe, ich kann der nächsten Generation von Schauspielerinnen auch zeigen, dass man beides kann.

Sie gehören zu den wenigen Frauen, die Familie und Beruf unter einen Hut bringen?

Oh, nein, natürlich nicht immer. Als ich mit Sunday schwanger war, wollte ich den Job an den Nagel hängen und mich ganz für die Familie auf die Farm in Nashville zurückziehen – wohl ein Ausdruck der Hormone! (lacht). Doch meine Mutter sagte, ich solle einen Fuss in der Tür behalten. Ich hörte auf sie, wie so oft.

Standen Sie Ihren Eltern immer sehr nahe?

Ja, meine Schwester und ich konnten sie alles fragen. Sie hatten immer eine Antwort, die direkt war. Dafür bin ich sehr dankbar. Als mein Vater vor vier Jahren plötzlich starb, war das ein Schock. Die ganze Welt wurde sehr instabil für mich. Das musste ich lange verdauen, denn es ist mir schon drei-, viermal passiert, dass Menschen plötzlich aus meinem Leben gerissen wurden.

Gehören die beiden Kinder aus der Ehe mit Tom Cruise auch dazu? Es heisst ja, Scientologen müssen den Kontakt mit Leuten, die die Kirche verlassen, abbrechen.

Ich sehe meine Kinder und liebe sie. Sie sind erwachsen. Sie können ihre eigenen Entscheidungen treffen. Sie haben sich entschlossen, Scientologen zu sein. Egal, was ein Kind macht, es muss wissen, dass die Liebe da und die Tür offen ist.

Sie sind katholisch aufgewachsen. Wie wichtig ist Religion heute?

Sehr wichtig. Der Glaube ist stark in unserer Familie und wir gehen auch in die Kirche. Aber wir indoktrinieren die Kinder nicht. Sie können ihre eigenen Schlüsse ziehen, aber es ist mir wichtig, ihnen einen guten moralischen Kompass auf den Weg zu geben.

Wann kommt Ihre Autobiografie?

Was, ich? Um Himmels willen: Nie im Leben! Da können Sie Gift drauf nehmen. Ich führe zwar Tagebuch. Aber in Buchform etwas in die Welt setzen ist nicht mein Stil.

Weiblicher Clint Eastwood

Die 51-Jährige beeindruckt im Krimi «Destroyer» als Detective Erin Bell – eine Polizistin in Los Angeles, die nur noch ein Schatten ihrer selbst ist. In Flashbacks erfährt man, dass die fehlbare Mutter einer 17-jährigen Tochter nicht immer ein Wrack war. Regisseurin Karyn Kusama («Girlfight») inszeniert Kidman als eine Art weib­licher Clint Eastwood am Punkt ohne Wiederkehr. Schade nur, muss dieser rare weibliche Anti-Hero mit einer kompliziert verschachtelten Erzählung um die Aufmerksamkeit des Publikums kämpfen. (mva)

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