Nichts los in Lechtinghausen

Sie haben zusammen «Instantgeschichen» angerührt, sind mit Spoken Word und Live-Zeichnen als kreatives Duo unterwegs. Nun erscheint Andrea Gersters Kinderroman «Grüne Milch und anderes» mit Bildern von Lika Nüssli.

Bettina Kugler
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Bilder, die weitererzählen und Platz für eigene Ideen lassen, waren Andrea Gerster und Lika Nüssli für den Roman «Grüne Milch» wichtig. (Bild: Hanspeter Schiess)

Bilder, die weitererzählen und Platz für eigene Ideen lassen, waren Andrea Gerster und Lika Nüssli für den Roman «Grüne Milch» wichtig. (Bild: Hanspeter Schiess)

ST. GALLEN/FREIDORF. Woran erkennt man ein ordentliches Dorf? Daran, dass samstags der Rasen gemäht wird, ein Lattenzaun die Einfamilienhaus-Idylle abgrenzt – und daran, dass jedes Gartentor geschlossen ist. Steht eines ewig offen, dann müssen Fremde eingezogen sein. Oder ein Mädchen namens No, nicht mehr ganz Kind, aber auch noch nicht dort angekommen, wo alles so sein muss, wie es ist, fragt nach dem Sinn geschlossener Gartentore. Eine Erfindung der Erwachsenen. Reine Schikane.

Andrea Gerster weiss, wovon sie schreibt in «Grüne Milch und anderes». Sie selbst lebt in einem solchen Dorf, ihre fünf Kinder sind dort aufgewachsen. Nennen wir Freidorf Lechtinghausen. Ein Ort mit Lattenzaun – und Zwischenraum, hindurchzuschaun.

Viel Zeit zum Wörtersammeln

No (die Norina heisst, «doch das passt nicht zu mir. Viel zu weich. Norina schmilzt wie Butter in der Sonne») ist alles ein bisschen zu absehbar in dieser kleinen Welt: der Sommersamstag, die Elterngespräche in der Schule, die Zickigkeiten ihrer Schwester. «Wenn Langeweile einen Namen hätte, hiesse sie Lechtinghausen»: So hebt eine Suada an, die von Thomas Bernhard stammen könnte, dem Übervater aller literarischer Provinznörgler. Hier aber redet eine blitzgescheite Elfjährige, in der sich viele Gleichaltrige (nicht nur Mädchen!) wiedererkennen können. No sammelt interessante Wörter, sie hört genau hin, wenn die Erwachsenen reden, prüft alles mit schonungslosem Blick. Und kommt auf eine ziemlich verrückte Idee, um das Dorf ein wenig aufzumischen.

Druckfrisch liegt der Roman bei Lika Nüssli auf dem Küchentisch in ihrem St. Galler Atelier; die Originalzeichnungen sind griffbereit: No mit der frechen Kappe über der Fransenfrisur; das Fenster zum Vorgarten, in dem Nos Vater den Rasen mäht (bei offenem Gartentor), Wörter, die ungestüm aus Kopfschubladen springen. So geht es bei ihr selbst mit Bildideen, wenn sie Texte von Andrea Gerster liest; «es explodiert geradezu, ich kann sofort loszeichnen», sagt Lika Nüssli. Andrea Gerster erinnert sich noch lebhaft an die Wochen, als immer wieder Mails aus St. Gallen kamen: mit Zeichnungen für «Grüne Milch». «Likas Bilder schaffen einen neuen Zugang, sie sind voll witziger Details – und lassen eigene Vorstellungen zu, erklären nicht alles.» Seit Jahren sind die beiden ein kreatives Duo; sie treten zusammen auf, verbinden Spoken-Word-Performance mit Live-Zeichnen, haben gemeinsam «Instantgeschichten» in Wort und Bild geschaffen. Es läuft gut zwischen ihnen, das zeigte schon «The Best of Tarantino», 2014 im SJW-Verlag Zürich erschienen.

Das aufgeräumte Leben

Geschrieben hat Andrea Gerster «Grüne Milch» vor zehn Jahren, kurz nach dem Erzählband «Käfermanns Liebe» – für ihre jüngste Tochter Oriana. Wie No langweilte sich Oriana stets ein wenig; die Geschwister waren schon ein paar Jahre älter. «Als Mutter fand ich dieses aufgeräumte Leben im Dorf toll», sagt Andrea Gerster. «Es gibt auch Sicherheit.» Sie hat viel vorgelesen, «Jim Knopf», «Rösslein Hü», die Klassiker. Mit etwa zehn wünschte sich Oriana eine eigene Geschichte. «Ich hatte sie an eine Lesung in Zürich mitgenommen, und sie erschrak, als sie hörte, was für morbide Texte ich schreibe.»

Zunächst gab es das Buch als Weihnachtsgeschenk, 2010 kamen die Illustrationen hinzu. Den Roman jedoch als fertigen bei einem Verlag unterzubringen, erwies sich als schwierig. Was keineswegs an seiner Qualität liegt. «Die Verlage wollen den Illustrator selbst bestimmen», sagt Andrea Gerster, «für mich war das Buch aber nicht mehr von Likas Zeichnungen zu trennen.» Da blieb nur eins: den Halbeigenverlag «Vogelfrei» aktivieren und im Selbststudium das Handwerk des Verlegens lernen.

Lehrstück im Bücherverlegen

«Grüne Milch», das erste Kinderbuch Andrea Gersters, ist ihr Lehrstück im Büchermachen geworden; Oriana, inzwischen gelernte Polygraphin, hat das Layout gemacht, der Kanton Thurgau einen Teil der Druckkosten übernommen. Jetzt ist es an No, den Nerv der Gleichaltrigen zu treffen. Mindestens so gut wie «Gregs Tagebücher», deren neuestem Band die Neun- bis Zwölfjährigen derzeit heftig entgegenfiebern. In Lechtinghausen und weltweit.

Andrea Gerster: Grüne Milch und anderes. Mit Bildern von Lika Nüssli. Ab 9, Verlag Vogelfrei 2015, 96 S., Fr. 26.– Buchtaufe mit Live-Zeichnen: Mi, 28.10., 17 Uhr, Stadtbibliothek Katharinengasse 11, St. Gallen