Klassik-Festival auf dem Bürgenstock: Nicht nur die Musik macht es aus

Das Bürgenstock Resort bringt sein eigenes Kammermusikfestival. Und setzt sich damit einer harten Konkurrenz aus. Neben der Musik ist es vor allem das Ambiente, das diesen Anlass zum Erlebnis macht.

Roman Kühne
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Die Aussicht ist auf dem Bürgenstock fast genauso Protagonistin wie die Künstlerinnen und Künstler. (Bild: Dominik Wunderli, 18. Mai 2019)

Die Aussicht ist auf dem Bürgenstock fast genauso Protagonistin wie die Künstlerinnen und Künstler. (Bild: Dominik Wunderli, 18. Mai 2019)

Kaum je war ein Titel treffender. Die neu aufgezogene Konzertreihe im Bürgenstock Resort nennt sich «Classics with a View». Und wenn man etwas hat, an diesem samstäglichen Premierenkonzert im grossen Ballsaal des fünf Sterne Hotels, so ist es «Aussicht». Die Musiker stehen direkt vor der grossen Glasscheibe des Raumes. Die untergehende Sonne leuchtet durch die Wolken. Vor den Augen der Zuhörer öffnet sich das ganze Panorama des Vierwaldstättersees und der Innerschweiz. Atemberaubend.

Doch braucht es wirklich ein weiteres Kammermusikfestival in unserer Region? Das Luzerner Sinfonieorchester bespielt mit grossem Erfolg den Pilatus und startet am Mittwoch sein 8. Zauberseefestival in Luzern. Dann gibt es die verschiedenen Konzerte von Klang Meggen im Schloss Meggenhorn, die Rigi Musiktage, die «Zwischentoene» in Engelberg oder das «erstKlassik» am Sarnersee.

Zu allem Überfluss gibt es ja bereits ein Bürgenstock-Festival. Im familiären Ambiente der Villa Honegg, das nicht zur Bürgenstock Gruppe gehört, und in der Bürgenstock-Kapelle sind regelmässig Musiker der Berliner Philharmoniker zu Gast, unter anderem nächstes Wochenende.

Auch auf lokales Kulturschaffen setzen

Dieser grossen Konkurrenz sind sich die Verantwortlichen des «Classics with a View» natürlich bewusst. Deshalb setzten sie bei ihrem kulturellen Programm und beim Ambiente bewusst auf Kontraste. «Wie schon bei unseren Ausstellungen mit der Hergiswiler Künstlerin Sabine Schäuble und der Luzerner Malerin Barbara Kempf ist es uns wichtig, auch in der Musik auf lokale Kulturschaffende zu setzen», sagt Jonas Reif, Communication Manager des Bürgenstock Resorts. «Unser Hoteldirektor Robert Herr wohnt in Hergiswil und der Violinist Jesper Gasseling ebenfalls. So kam die Idee mit diesem Festival rasch und unkompliziert zu Stande.» Gasseling ist natürlich längst kein Unbekannter mehr. Er spielte zwei Mal in der Lucerne Festival Academy und ist Gründer des «Seeklang Hergiswil» – einem weiteren Kammermusikfestival in der Region Innerschweiz. Vor allem ist er aber einer von sechs Solisten, die vom europäischen Programm für junge Künstler unterstützt werden.

Diese Internationalität zeigt sich am Premierenkonzert, wo neben Jesper Gasseling auch die Slowenin Lana Trotovšek die Violine spielt, die schon mehrfach mit grossen Orchestern solierte. Sie ist denn auch die auffälligste Musikerin in dieser jungen Gruppe, wo mit der Cellistin Elodie Théry, die in Luzern ihr Solistendiplom abschliesst und der Viola-Spielerin Tabea Frei zwei weitere lokale Kräfte wirken.

Vor allem dem ersten Stück, dem Divertimento in D-Dur von Mozart (KV 136), drückt die Geigerin ihren Stempel auf. Mit vollem Ton, Ausstrahlung und differenzierter Artikulation gibt sie diesem quasi Solostück opernhafte Dramatik und Erzählkraft.

Auch die anderen Werke intonieren die jungen Musiker mit Energie und Furor. Die Duo-Sonate von Eugène Ysaÿe spielen Jesper Gasseling und Lana Trotovšek dramatisch und dicht. Oder auch der erste Satz des grossen zweiten Streichsextetts von Johannes Brahms erhält Vorwärtsdrang, Seele und Romantik. Indes ist vieles etwas laut, überbordet die spielerische Energie, was das Stück stellenweise dick und schwer lesbar macht. Darunter leiden teils Klangausgleich und Zusammenspiel. Die Zugabe ist ein witziger Gag: ein Stück aus dem Film «Loving Vincent».

Rahmenprogramm und Anreise als Erlebnis

Das Programm ist – bis auf den Mozart – das gleiche, welches der Organisator Jesper Gasseling schon am Tag vorher am «Seeklang Hergiswil» präsentierte. Die Zukunft wird es weisen, ob sich diese Doppelspurigkeit auf die Besucherzahlen auswirkt. Momentan grenzt sich «Classics with a View» von den anderen Festivals vor allem durch sein Rahmenprogramm ab. Die Anreise – im Konzertticket inbegriffen – erfolgt stilgerecht mit Schiff und Bahn über den Vierwaldstättersee und dann 500 Meter den Berg hoch. Der Apéro mit atemberaubender Sicht, das fakultative Nachtessen im RitzCoffier mit den Künstlern und vor allem der Konzertsaal, wo einem die ganze Welt zu Füssen liegt, sorgen für ein nicht alltägliches Erlebnis.

«Classics with a View»: Sturm und Drang, Samstag, 13. Juli, 19.00 Uhr, Hotel Bürgenstock.

Zaubersee-Festival, Mittwoch 22. Mai bis Sonntag 26. Mai, Luzern.

Bürgenstockfestival, 31. Mai bis 2. Juni, Bürgenstock Kapelle und Matthäuskirche Luzern.